• vom 27.09.2012, 21:44 Uhr

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Update: 28.09.2012, 15:07 Uhr

Robert Menasse

Das Abendland in der Nacht




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Von Reinhard Göweil

  • Robert Menasse hat ein kluges Europa-Buch geschrieben - aber alle reden über Sponsor Novomatic
  • "Der Europäische Landbote" entfacht eine Debatte - über Kunstmäzene.

Robert Menasse ist Autor - und ein eminent politischer Kopf. Also fasste er die Idee, sich für einige Monate nach Brüssel zu begeben, um dort - im Dickicht der europäischen Institutionen - das wahre Wesen Europas zu erkunden. Herausgekommen ist ein kluges Büchlein auf 112 Seiten, in dem er essayistisch Stellung bezieht - gegen überkommenes nationalstaatliches Denken und ringend um die Ausformung einer "nachnationalen Demokratie".

Franz Fischler (links) und Robert Menasse: Wie geht europäische Demokratie?

Franz Fischler (links) und Robert Menasse: Wie geht europäische Demokratie?© (c) krischanz.zeiller./Novomatic Franz Fischler (links) und Robert Menasse: Wie geht europäische Demokratie?© (c) krischanz.zeiller./Novomatic

Menasse zieht leidenschaftlich und mit großem Pathos ins Feld. "Europa muss der Phantasie der Künstler folgen, und nicht den Pragmatikern, die die Krise erst geschaffen haben", sagte er bei der Buchpräsentation des Zsolnay-Verlags in Novomatic-Forum am Mittwochabend in Wien.


Ideal und Dogma
Genau damit begannen die Zores. Wie kann ein redlicher linker Intellektueller wie Robert Menasse ein Buch sponsern lassen von einem grauslichen Glücksspielkonzern, der Admiral-Sportwetten und Kasinos betreibt? Das war das eigentliche Thema der Buchpräsentation. Nicht der Inhalt des Buches; nicht die kluge Debatte mit dem früheren EU-Kommissar Franz Fischler; nicht die ostentative Anwesenheit des jetzigen EU-Kommissars (und früheren Novomatic-Managers) Johannes Hahn.

Shitstorm statt Brainstorm
Nein. Robert Menasse habe alle Ideale verraten, weil Novomatic seine Recherche in Brüssel finanziell unterstützt hat - und als Gegenleistung die Buch-Präsentation im Novomatic-Forum eingefordert hat. Der Glückspielkonzern bezahlte den Abend auch noch selbst (Brötchen und Wein gingen als sprichwörtliche Anfütterung allerdings überall klaglos durch). Noch während der Veranstaltung begann auf Twitter und Facebook ein aufgeregtes Summen: Menasse, der Verräter.

19.000-Mitarbeiter-Konzern
Wie konnte das geschehen? Novomatic (beschäftigt mittlerweile 19.000 Mitarbeiter weltweit) unterhält den "Admiral Charity Fonds". Der wiederum sponsert Kunst sowie Studien zur europäischen Entwicklung. Robert Menasse sprach dort vor, erklärte, was er vorhat - und der Fonds befürwortete ein Sponsoring. Kunst und Europa würden sich dabei gut vereinen. Im Buch wird diese Unterstützung auch ausgewiesen.

Für die Guten war dies des Guten zu viel. Joachim Riedl von der "Zeit" twitterte aus der Veranstaltung: "Europäische Vision von Menasse: Spielautomat schluckt Euros, viele. Novomatic sponsert nächstes Menasse-Buch."

"Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss" (Paul Zsolnay Verlag, 12.50 Euro): Menasse fordert darin "die Erfindung einer nachnationalen Demokratie".

"Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss" (Paul Zsolnay Verlag, 12.50 Euro): Menasse fordert darin "die Erfindung einer nachnationalen Demokratie".© Zsolnay "Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss" (Paul Zsolnay Verlag, 12.50 Euro): Menasse fordert darin "die Erfindung einer nachnationalen Demokratie".© Zsolnay

Florian Klenk vom "Falter" postete: "Franz Fischler & Robert Menasse über Postdemokratie bei der Novomatic" (mit Foto der beiden unter dem Novomatic-Logo).

Sogar der gar nicht anwesende ORF-Mann Armin Wolf machte (vorsichtig) mit: "Und warum ist es bei Menasse ein Problem - vorausgesetzt Sponsor mischt sich inhaltlich nicht ein?"

Antisemitische Angriffe
Damit lösten sie auf Twitter einen Mini-Shitstorm aus, bestehend aus Häme und politischem Kalkül. Der aus der Hans-Peter-Martin-Liste kommende EU-Abgeordnete Martin Ehrenhauser gab es entrüstet - und noch ein ein paar, die vor allem eines wussten: So geht das nicht, Herr Menasse.

Der Autor selbst sprach das Sponsoring in seiner Eröffnungsrede an - und verwies darauf, dass Novomatic als Kunstsponsor allgemein anerkannt das Kulturradio Ö1 unterstützt.

Sinnlos, die Kuh war aus dem Stall. "Ich bekam teilweise sehr untergriffige E-Mails an meine private Adresse", erzählt ein sichtlich ernüchterter Autor am Tag danach. "Es war eine Zangenbewegung von Antisemiten und Linken mit Heiligenschein, ohne dass beide Gruppen wussten, dass sie eine Zange bilden. Aber das Gift ist nun in der Seele."

Menasse, keine Freund bescheidener Vergleiche, zitierte während der Präsentation seines Buches "Der Europäische Landbote" Victor Hugo. Der hatte schon 1850 geschrieben, dass eine Zeit kommen werde, in der die europäischen Völker zusammengehören würden wie jene Königreiche und Herzogtümer, aus denen das damalige Frankreich entstanden war. Hugo wurde damals der Narrenturm empfohlen.

162 Jahre später befindet sich nun Robert Menasse in einem medialen Narrenturm.

Denn die wesentliche Frage wird in dieser Debatte nicht einmal gestellt: Wie geht man mit Sponsoring um? Der Hinweis, dass es sich bei Novomatic um einen Konzern handelt, der mit der Spielsucht von Menschen Gewinne macht, klingt moralisch gefestigt - ist aber doppelbödig und greift gar kurz.

Wer darf sponsern?
Banken spekulieren auf Lebensmittelpreise. Dürfen sie nun nichts mehr sponsern oder gar eigene Kunst-Austellungen organisieren? Casinos Austria, ebenfalls im Glücksspiel tätig, ist größter Förderer des heimischen Sports. Dürfen die 80 Millionen Euro nicht mehr dorthin fließen? Siemens baut(e) Atomkraftwerke - müssen sie nun das Sponsoring der Salzburger Festspiele einstellen? Der Gründer von Ikea war ein Nazi. Darf die Caritas von so jemandem Großspenden nehmen?

Darf also ein freischaffender Künstler wie der Schriftsteller Robert Menasse Geld nehmen von Novomatic? Weil ihm das einen neunmonatigen Aufenthalt in Brüssel ermöglichte, ohne dass seine Familie zuhause darben musste? Darf er vielleicht den Donauland-Preis (10.000 Euro) auch nicht nehmen, weil der dahintersteckende Bertelsmann-Konzern mit seiner RTL-Sendergruppe halb Europa verblödet?

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Dokument erstellt am 2012-09-27 21:51:12
Letzte Änderung am 2012-09-28 15:07:37



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