• vom 28.02.2013, 14:11 Uhr

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Update: 28.02.2013, 20:50 Uhr

Thornton Wilder

Der gute Mensch von Madison




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Von Klaus Stimeder

  • Eine neue Biografie über Thornton Wilder hat in den USA eine Diskussion ausgelöst
  • Penelope Nivens skrupulöser Umgang mit einem Klassiker der US-Literatur.

Vielleicht ist das ja für heutige Verhältnisse wirklich alles zu banal, zu abgestanden, altvaterisch: das Individuum, das einen Archetyp repräsentiert, den es kaum noch gibt, die Frage nach dem Bösen in der Welt, nach Schuld und Unschuld, die betuliche Bürgerlichkeit, die wahrscheinlich wirklich nur ein Amerikaner so hinkriegen kann. Vielleicht, ja.

Thornton Wilder wird in einer neuen Biografie fast als Heiliger inszeniert.

Thornton Wilder wird in einer neuen Biografie fast als Heiliger inszeniert.© corbis Thornton Wilder wird in einer neuen Biografie fast als Heiliger inszeniert.© corbis

Tatsache ist, dass kaum ein anderer Schriftsteller der jüngeren US-Literaturgeschichte diese Dinge derart erfolgreich verhandelt hat wie Thornton Niven Wilder, geboren 1897 in Madison/Wisconsin, gestorben 1975 in Hamden/Connecticut, dreifacher Pulitzerpreisträger (einmal für den besten Roman, zweimal für das beste Theaterstück), National-Book-Award-Gewinner und Träger der Presidential Medal of Freedom, um nur die höchsten der ihm zeitlebens zuerkannten Ehren zu nennen.


In seinem Heimatland ist soeben im Verlag Harper eine neue, viel besprochene Biografie Wilders erschienen, geschrieben hat sie die auf die Nacherzählung der Lebensgeschichten von kulturellen Ikonen spezialisierte Autorin Penelope Niven (die Welt verdankt ihr bisher unter anderem umfassende Biografien von Carl Sandburg und Edward Steichen). Auch wenn die Literaturgeschichte der Vereinigten Staaten im Anschluss an die Veröffentlichung nicht neu geschrieben werden musste, entspann sich doch eine kleine, bemerkenswerte Debatte um den heutigen Stellenwert des Schriftstellers und seiner Werke, die auch eine Geschichte über den Umgang der amerikanischen Literaturkritik mit ihren Helden von gestern erzählt.

Ein Mann ohne Libido?
Zunächst das Vordergründige: Von der "New York Times" abwärts zeigten sich sämtliche professionellen Buchbesprecher vom Mangel jeglicher Beziehungsanekdoten verblüfft; in einem Zeitalter, in dem die Buch respektive E-Book gewordenen Lebensgeschichten von hochkulturschaffenden Berühmtheiten sich vor allem durch bisher unbekannte Einblicke ins oft turbulente Privatleben auszeichnen, sorgt so etwas für Aufsehen.

Thornton Wilder, der Autor von Roman- und Bühnenklassikern wie "The Bridge of San Luis Rey" (1927, deutsch: "Die Brücke von San Luis Rey"), "The Skin of Our Teeth" (1942, "Wir sind noch einmal davongekommen"), "The Ides of March" (1948, "Die Iden des März"), "The Matchmaker" (1954, "Die Ehestifterin") oder "The Eigth Day" (1967, "Der achte Schöpfungstag") - ein Mann ohne Libido? Ja, so scheint es tatsächlich, und das tut dem Lesevergnügen insofern keinen Abbruch, als einem nichts abgeht, wenn man nicht danach sucht.

Nicht, dass es aus seinem Leben nicht genug Berichtenswertes gäbe: Aufgewachsen in einer so wohlhabenden wie stockkonservativen Familie in der Midwest-Provinz und in China (der Vater, ein fanatischer Antialkoholiker, arbeitete als Journalist und Diplomat), Weltkriegsteilnehmer (in Afrika und Italien), trotz fast lebenslang ausgiebiger Reisetätigkeit aufrichtige Freundschaften mit Leuten wie Ernest Hemingway und Gertrude Stein, mit Montgomery Clift, Ruth Gordon und dem Boxchampion Gene Tunney, wovon abertausende Briefe Zeugnis geben; von denen Niven vielleicht ein paar zu viel und zu ausgiebig zitiert, wie sie überhaupt quer durch die rund 850 Seiten der Hardcover-Ausgabe keine Kleinigkeit aus dem Leben des Meisters und der ihm Lieben auslässt, auch wenn die kaum Erhellendes enthalten (allein die Beschreibung seiner Obsession, James Joyce "Finnegan’s Wake" zu entschlüsseln, kostet den Leser wahrscheinlich mehr Nerven als der Versuch eines durchschnittlichen Volksschülers, den "Ulysses" zu lesen).

Sei’s drum. Nivens Absicht, Wilder als das wegkommen zu lassen, was er allem Anschein nach war - ein wirklich guter Mensch, der zu Recht Glück im Leben hatte -, ist legitim, auch wenn die ausufernde Beschreibung seiner Gutheit bisweilen fast nervt (wem sie zu viel wird, der kann auf den ungleich kritischeren, wenn auch mangels einschlägiger Archivzugänge weniger gewichtigen Band "Thornton Wilder: An Intimate Portrait" von Richard Goldstone aus dem Jahr 1975 zurückgreifen). Und sie lenkt auch ab von der zweiten, hintergründig geführten Debatte um das Schaffen Wilders und deren grundsätzlicher Einordnung: der, die sich um die Frage dreht, wann ein Autor reif fürs Museum ist, obwohl er von Tony Blair angerufen wird (in einer Rede kurz nach den Ereignissen des 11. September 2001, als der damalige Premier Großbritanniens aus der "Brücke von San Luis Rey" zitierte und damit kurzfristig für einen Verkaufsboom sorgte).

Es ist das Problem aller Schreiber, deren Werke noch zu Lebzeiten dem Kanon der Weltliteratur anheimfallen: Sie gelten anscheinend viel schneller als altmodisch, da können sie am Höhepunkt ihrer Karriere noch so modern gewesen (beziehungsweise so empfunden worden) sein.

Der Nachteil der Preise
Hohe und höchste Auszeichnungen - der Literaturnobelpreis etwa - können einem Schriftsteller gestern wie heute dank des Preisgelds und der unmittelbar wirksam werdenden Umwegrentabilität massiv das Leben erleichtern; aber heutzutage bilden sie, von den Mittelschul-Lehrplänen in ihren jeweiligen Herkunftsnationen abgesehen, nicht einmal mehr die Garantie für andauernden posthumen Ruhm. (Sagen Ihnen Namen wie Derek Walcott, Camilo José Cela, Jaroslav Seifert oder Czeslaw Milosz etwas?)

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2013-02-28 14:14:03
Letzte Änderung am 2013-02-28 20:50:28



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