• vom 08.03.2013, 20:12 Uhr

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Die Oberösterreicherin Anna Weidenholzer, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, im Gespräch

"Das glaubt dir niemand"




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Von Christina Böck

  • Die Favoritin des Publikums ist sie bereits, zeigte eine Onlineabstimmung.

Anna Weidenholzer kennt die Zynismen, mit denen Arbeitslose konfrontiert werden.

Anna Weidenholzer kennt die Zynismen, mit denen Arbeitslose konfrontiert werden.© Residenzverlag/ Lukas Beck Anna Weidenholzer kennt die Zynismen, mit denen Arbeitslose konfrontiert werden.© Residenzverlag/ Lukas Beck

Es gibt sie schon noch. Aber sie werden immer weniger: die kleinen mittelschicken Damenboutiquen, Familienunternehmen mit persönlicher Betreuung statt "Bitte nur fünf Teile in die Kabine mitnehmen". In einer solchen arbeitet Maria, die Hauptfigur in Anna Weidenholzers Roman "Der Winter tut den Fischen gut". Also, sie hat dort gearbeitet. Denn Maria ist arbeitslos. Und das schon seit Monaten. In dem Buch beschreibt Weidenholzer nicht nur die trostlosen Tage ohne Beschäftigung, sondern sie verfolgt Maria auch im Rückwärtsgang durch ihr Leben. Bis zurück in die Kindheit.


Mit "Der Winter tut den Fischen gut" ist Weidenholzer nun für den Preis der Leipziger Buchmesse, die nächste Woche stattfindet, nominiert. Dass in der Wochenzeitung "Zeit" böse kritisiert wurde, dass keine renommierten Autoren, sondern nur aufstrebende Schriftsteller dafür ausgewählt wurden, kümmert die 29-jährige Oberösterreicherin wenig. Ist ihr doch die Nominierung schon Auszeichnung genug. Kritiker loben ihren Roman dafür, ein topaktuelles Thema aufzugreifen, das in der Literatur etwas stiefmütterlich behandelt wird. Warum das so ist, sieht Anna Weidenholzer recht pragmatisch: "Das Leben als Arbeitsloser ist nicht besonders spannend. Da gibt es nicht viel zu erzählen normalerweise."

Identitätsverluste
Dass es doch ein spannendes Buch geworden ist, das verdankt Weidenholzer auch dem Theater Hausruck. Bei einer Produktion, in der Ex-Mitarbeiter einer stillgelegten Möbelfabrik in Attnang-Puchheim beim "Kapitalismus-Kirtag" ihre Schicksale erzählten, bekam ihre Roman-Idee konkrete Formen. "Da habe ich gewusst, ich muss auch solche Interviews mit betroffenen Frauen führen, um zu meiner Figur zu finden. Die Gespräche haben mir sehr geholfen, ein Stück von ihrer Lebensrealität zu erfahren. Maria ist älter als ich, sie hat einen anderen Erfahrungshintergrund. Diese Interviews waren zum Teil irrsinnig berührend und so stark, dass ich mir gedacht habe: Das glaubt dir niemand, dass so viel in ein Leben passt!" Einfach war es freilich nicht, Frauen für diese Gespräche zu gewinnen: "Die Scham ist nicht zu unterschätzen bei der Langzeit-Arbeitslosigkeit." Die Interviews sind auch der Grund dafür, dass man Maria rückwärts kennenlernt: "Das ist ganz typisch, dass man auch seine Identität ein Stück weit verliert, wenn man seinen Beruf verliert. Wir definieren uns da sehr stark darüber." Deswegen ist Maria zu Beginn nur die Arbeitslose, die den Tag totschlägt, indem sie auf einem Markt die Standler beobachtet. Und am Ende ist sie, ohne zu viel zu verraten, eine Ehefrau, die einiges mitgemacht hat, sie ist die liebevoll-distanzierte Tante eines Kindes, sie ist eine zurückhaltende Kollegin - und sie ist Halterin eines ganz besonderen Haustieres. Nämlich von Frosch Otto, den sie als Kaulquappe aufnimmt. "Ich wollte, dass sie ein Tier hat. Aber eins, das zu ihrer Zurückgezogenheit passt."

Weidenholzer hat auch in der Ratgeber-Literatur für Arbeitslose recherchiert. "Einen Satz fand ich besonders skurril: ,Machen Sie konsequent, systematisch, parallel, schnell und viel.‘" Maria kennt den Satz auswendig. Er hilft ihr nicht. Bei der Lektüre ist die Autorin auch auf so manches gestoßen, dass am Rande des Unverantwortlichen ist. "Ein Buch etwa heißt ,In 90 Tagen aus der Arbeitslosigkeit‘. Da bekommt man Aufgaben zum Abhaken und Stundenpläne für jeden Tag. Wenn man es bis Tag 90 nicht geschafft hat, Arbeit zu finden, kommt man zu Kapitel 91, das den zynischen Titel ,Endzeit‘ trägt."

Ihre schreiberischen Lehrjahre hat Weidenholzer als Chronikjournalistin der "Oberösterreichischen Nachrichten" gemacht: "Menschen fragen, wie es ihnen geht, nachdem ein Verwandter bei einem Unfall gestorben ist, das war heftig." Das liegt hinter ihr, heute führen sie Stipendien unter anderem nach Berlin. Und doch findet sie die größte Inspiration in Linz: "In Linz muss ich nur in einen Bus einsteigen und hab schon mindestens drei neue Geschichten. Ich denke, es wird sich nie ablegen lassen, dass ich aus Oberösterreich bin, auch wenn ich seit zehn Jahren in Wien lebe. Das mag die Sprachmelodie sein, vielleicht die Sicht auf die Dinge. Aber vielleicht ist es auch einfach nur der Most."



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Dokument erstellt am 2013-03-08 20:14:03


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