• vom 28.06.2013, 21:00 Uhr

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Update: 30.12.2013, 15:34 Uhr

Franz Xaver Hofer

"Ich halte mich vom Denken ab"




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Von Bernhard Widder

  • Eine Erinnerung an den oberösterreichischen Dichter Franz Xaver Hofer (1942-2012), der sprachlich beeindruckend komprimierte und formal eigenwillige Gedichte schuf.

Vor einem Jahr, im Juli 2012, erfuhr ich vom unerwarteten Tod des oberösterreichischen Schriftstellers Franz Xaver Hofer. Ich rief Helga Hofer an, die Witwe des Dichters, und sie erzählte mir vom Ableben ihres Manns; es war eine übersehene Krebserkrankung, die zu weit fortgeschritten war, um sie wirksam behandeln zu können.

Ich hatte Franz X. Hofer bei einer Lesung im Jahr 2010 kennen gelernt - seinen Namen und Teile seines Werks kannte ich allerdings schon lange, seit den späten 1970er Jahren, nachdem in Linz die Literaturzeitschrift "Die Rampe" gegründet worden war. Hofer veröffentlichte darin anfänglich Prosatexte, Auszüge aus größeren Romanprojekten und kürzere Erzählungen. Später wirkte Hofer auch einige Jahre lang als Mitglied der Redaktion der "Rampe".

Information

Die erwähnten Bücher
  • "Das Ich im Freien", Lyrischer Kalender, mit Holzschnitten von Herbert Friedl, Edition Landstrich extra, Brunnenthal 2007.
  • "Leo", Gedichte, Verlag Karl Stutz, Passau 2011.
  • "Augenabschied", Gedichte, Edition Landstrich extra, Brunnenthal 2012.
  • Die neu erschienene Erzählung "Sigmund oder Die Kälte" (Verlag Karl Stutz, Passau 2013) wird mit Lesungen von Barbara Schachinger und Helga Hofer am Samstag, 6. Juli, um 19.30 Uhr in der Bilger-Breustedt-Schule, Taufkirchen an der Pram, O.Ö., präsentiert.


Als besonderen Lyriker, der er vor allem in den letzten fünfzehn Lebensjahren war, lernte ich ihn durch den umfangreichen Band "Das Ich im Freien, Lyrischer Kalender" kennen, der 2007 erschienen war. Auffallend während der kurzen Lesung, mit der Franz Hofer diesen Band vorstellte, war die komprimierte dichterische Sprache seiner Texte, die der Autor klar und bedächtig las, so, als würde er mit seinen beschreibenden Protokollen von Natur- und Selbstbetrachtungen immer wieder eine metaphysische "Stille" umrunden oder erkunden.

Dieses Buch ist als schmales Hochformat gestaltet, die Kapitel werden durch die zwölf Monatsnamen gebildet, dazu finden sich ebenso viele Holzschnitte des oberösterreichischen Grafikers Herbert Friedl als "Monatsbilder". Der Umfang des Buchs ist auf 120 Seiten "komprimiert", ließe sich sagen, denn das Werk enthält ungefähr 330 Gedichte, somit drei oder vier kürzere Texte auf jeder Seite.

Im Nachwort zu "Das Ich im Freien" schrieb der Autor über die Entstehung dieses Buchs: "Die Gedichte dieser Sammlung entstanden zwischen 1998 und 2006. Sie spiegeln meine täglichen Aufenthalte in der freien Natur. Früh am Morgen oder gegen Abend ging ich, meist von unserem Hund begleitet, auf vertrauten Wegen in Rainbach und Brunnenthal, auf den ersten schwingenden Hügeln des Sauwalds zwischen Inn und Pram, bei jedem Wetter, zu jeder Jahreszeit . . ." Fast wie ein dichterisches Programm ergeben sich bei der Lektüre dieser konzentrierten und präzisen Gedichte Beobachtungen, die kennzeichnend für das Leben und das Werk Franz X. Hofers waren. Seit 1976 lebte er mit seiner Familie in der Nähe von Rainbach bei Schärding, auf einer Anhöhe des Granitrückens des Sauwalds. Für ihn war "Regionalismus" ein besonderes Thema, das jedoch nichts mit einer dumpfen Provinz gemein hatte (die Städter den ländlichen Regionen gerne andichten).

Aufsätze über Kubin
Für Hofer bedeutete die Betonung seiner Region einen besonderen kulturellen Auftrag, der sich auch in seinen Aufsätzen über bildende Künstler, die in dieser Region lange gelebt hatten, spiegelte. Hier sind Alfred Kubin zu nennen, und vor allem die Maler und Grafiker Margret Bilder und Hans Joachim Breustedt, mit denen Hofer seit seiner Jugend befreundet war. Im Jahr 1980 gründete er mit anderen die Kulturzeitschrift "LANDSTRICH", die er bis zu seinem Tod als Redakteur mitbetreute. Das vormalige Wohn- und Atelierhaus von Bilger und Breustedt wurde nach dem Tod des Bauhaus-Künstlers Breustedt durch einen Verein, dem Franz und Helga Hofer angehörten, renoviert. Seit Jahren finden dort von Mai bis Oktober Ausstellungen unterschiedlicher Themen statt, die das Werk der früheren Bewohner zeigen, aber auch andere Künstler der frühen und klassischen Moderne aus dem Passauer und niederbayrischen Raum.

Die nächste Beobachtung betrifft die eigenwillige Form der Gedichte in "Das Ich im Freien". Hofers Buch beschreibt, wie im Zitat aus dem Nachwort erkennbar, das engere Umfeld um seinen Wohnort auf Wegen im Freien, die für ihn zum Synonym für "geistige Freiheit" werden. Er nannte Emily Dickinson, Kafka und Goethe als für ihn wichtige Vorbilder - und es kann durchaus sein, dass er auch Stifter genau gelesen hatte. Aber die eigenwillige Form der Gedichte ist vor allem von alten chinesischen und japanischen Texten geprägt, wie etwa der Form des "Tanka", die sechs-, acht- und zehnzeilig geschrieben wird.

"Birken-Pantomime"
Ein Beispiel aus der Sammlung ist das achtzeilige Gedicht "Unruhiges Birkenquartett" aus dem Kapitel "Juli": "Vier Birken zeigen eine Pantomime. / Ich verstehe sie nicht. / Sind sie auf der Flucht? / Niemand verfolgt sie. / Sie beugen sich vor / und kehren wieder zurück. / Sie sind von einem Motiv bewegt, / das nie ermüdet."

In verwandtem Stil, thematisch aber anders gestaltet, erschien im Jahr 2011 im Passauer Stutz-Verlag (wo übrigens auch internationale Lyrik in zweisprachigen Ausgaben publiziert wird) Hofers Gedichtband "Leo", der seinem 2006 verstorbenen Hund, dem Wandergefährten des Autors, gewidmet ist. Diese Text entstanden - wie jene von "Das Ich im Freien" - zwischen 1998 und 2006. Im November 2012 veröffentlichte die Redaktion der Zeitschrift "LANDSTRICH" einen postumen Band Hofers in der eigenen Edition "LANDSTRICHextra" unter dem Titel "Augenabschied". Das Buch enthält achtzig späte Gedichte, deren Einteilung in vier Kapitel mit besonderen Zwischentiteln Franz X. Hofer vor seinem Tod noch vorgenommen hat; es ist puristisch gestaltet, im Sinn moderner Typografie, das Cover des Buchs enthält weiße Titel auf grauem Grund. Die Überschriften der Kapitel lauten: "Ich esse süsse Lebenszeit", "Etwas befällt mich", "Ich stimme der Veränderung zu", "Ich gehe, gehe".

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Schlagwörter

Franz Xaver Hofer, Lyrik

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2013-06-27 21:56:05
Letzte Änderung am 2013-12-30 15:34:44


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