• vom 11.02.2014, 11:18 Uhr

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Update: 08.02.2018, 16:58 Uhr

Literatur

Die Frau des Monteurs




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Deswegen lohnt sich die Auseinandersetzung mit den vierzig in dem Band versammelten Texten, die in einem dramaturgischen Aufbau in sieben Schritten angeordnet sind, beginnend mit der Vorgeschichte der Kämpfe unter dem Titel "In Bereitschaft" über eine Schilderung der Kampfhandlungen bis zu einem rückblickenden Epilog. Manches klingt nach Propagandaliteratur, andere Texte geben nüchterne Berichte, wieder andere sind Auszüge aus Erzählungen. Alle gemeinsam zeigen jedoch eine Facette des Österreichischen, an die sich zu erinnern lohnt. Wie etwa das Porträt mit dem schlichten Titel "Karl", das Kurt Kläber (1897 – 1959) verfasst hat. Über diesen Karl – "sein Nachname war Rölsch oder Rösch" – heißt es: "Er gehörte dabei weder einer Partei an noch dem österreichischen Schutzbund. Er war nichts weiter als einer von den Hunderttausenden der Wiener Arbeitslosen, die aber, obwohl sie nicht organisiert sind, genauso auf den Sozialismus hoffen wie ihre organisierten Genossen." Und seine Motivation ist relativ einfach, fern von Ideologien und politischen Theorien. "Er war Sohn eines kleinen Gerbers und schon seit seinem siebzehnten Lebensjahr, bis auf einige kleine Handlangerdienste, erwerbslos. Er wusste, als er hörte, dass die österreichische Regierung im Namen Gottes und einiger anderer hochstehender Herrschaften auf die Wiener Arbeiter schießen ließ, dass jetzt entweder das alte Leben so schlecht würde, dass man besser täte es wegzuwerfen, oder ein neues Leben anfinge."

Auch dieser Karl gerät ohne rechten Plan am 13. Februar beim Goethehof in die Kämpfe hinein, erbitterte Kämpfe, in denen sich ein Hass entlud, der über viele Jahre des Hungers und der Unruhe aufgebaut worden war und der gar nicht zur Gemütlichkeit passen will, die angeblich ein österreichischer Wesenszug sein soll. Dementsprechend blutig endet auch der Kampf im Goethehof und mit ihm Karls kurzes Leben. "Die Wachleute schossen, als sie sahen, dass er seinen Revolver plötzlich fallen ließ, nicht eine Kugel auf ihn, sondern ein halbes Hundert. Sie durchlöcherten ihn noch mehr, als sie die Hausmauern durchlöchert hatten. Sie machten ein Sieb aus ihm, dann schlugen sie auch noch auf ihm herum, trampelten auf seinem Leib und beruhigten sich erst wieder, als auch der ängstlichste von ihnen das Gefühl hatte, dass der arme Kerl tot war."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-02-07 17:19:21
Letzte Änderung am 2018-02-08 16:58:53


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