• vom 11.05.2014, 09:30 Uhr

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Jörg Mauthe

Routine in Weltuntergängen




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Von Andreas Schindl

  • Vor 90 Jahren wurde der "intellektuelle Allrounder" Jörg Mauthe geboren. In seinen prophetischen Analysen kommender Katastrophen hielt der Wiener Autor den "Homo Austriacus" für besonders krisenfest.

Der Journalist, Kunsthistoriker, Politiker und Schriftsteller Jörg Mauthe wurde am 11. Mai 1924 in Wien-Alsergrund geboren und starb, wie er in seinem Wienführer "Der gelernte Wiener" im Jahr 1961 voraussagte, ebendort. Seine Heimatstadt war ihm zeitlebens eine Gefährtin, sie war seine "Vielgeliebte". Diese beinah zärtliche Zuneigung teilte Mauthe mit seinem Alter Ego, dem Legationsrat Erster Klasse im Außenministerium Dr. Tuzzi, der in seinem Roman "Die große Hitze" die Republik rettet. Bei
diesem über weite Strecken herzmanovsky-artigen, bizarren Unterfangen hat der Titelheld reichlich Gelegenheit, sowohl österreichische Tugenden als auch weltbürgerliche Desinvolture zu beweisen.

Diese Attribute würden dem Wiener im Speziellen und dem Österreicher im Allgemeinen laut Mauthes weitsichtigen Prophezeiungen, dargelegt in "Der Weltuntergang zu Wien", auch bei der Bewältigung von Krisen zustatten kommen. In der Analyse derselben erwies sich Mauthe treffsicherer als mancher Zukunftsforscher und Risk-Manager. Bereits in den späten 1970er Jahren erkannte er die möglichen Auswirkungen dessen, was er damals "globale Interdependenzen" und wir heute Globalisierung nennen.

Information

Literaturhinweis:
Die wichtigsten Bücher von Jörg Mauthe sind in der Wiener Edition Atelier erschienen bzw. wiederaufgelegt worden.
Link: www.editionatelier.at/joerg-mauthe.html


Mehrere Alter Egos
Auch die kommende Informationsflut, die es uns so schwierig macht, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren, antizipierte der intellektuelle Allrounder zu einer Zeit, als es noch Jahrzehnte dauern sollte, bis Mobiltelefone und Internet erfunden wurden. In Mauthes Buch "Die Vielgeliebte" verfasst der "Heilige", ein weiteres Alter Ego des Verfassers, im Verlaufe eines sieben Tage dauernden "großen Festes" ein Manifest bestehend aus zwölf "Bemerkungen zum Weltuntergang".

In der "Bemerkung Nr. 3" nimmt Mauthe den Verlust der Staatsmacht (an multinationale Industrie- und Medienkonzerne, wie wir heute wissen) vorweg: "Da die Regierungen sich zunehmend auf nichts anderes berufen können oder wollen, als auf sich selbst (...), sehen sie sich gezwungen, Entscheidungen auszuweichen..." In weiterer Folge mutmaßt er, dass jene Interdependenzen (wie nicht regulierbare globale Finanzströme), die zur Entstehung der Krise geführt haben, dieselbe noch verschärfen, wenn ihnen seitens der Regierungen nur unzureichend entgegengewirkt wird. "Bemerkung Nr. 7: (...) Da sie (die Regierungen) jedoch nur punktuelle Korrekturen vornehmen können, verwirren sie die Interdependenzen noch mehr: wodurch sich die ohnehin schon chiliastisch verstörte öffentliche Moral weiter verschlechtert ..."

Schließlich wird neuerlich der Ruf nach einem starken Mann (oder im Falle Frankreichs womöglich nach einer starken Frau, etwa Marine Le Pen) laut werden. "Bemerkung Nr. 9: (...) Selbstverständlich wird im Verlaufe dieser Entwicklungen die Forderung nach regulierenden Autoritäten immer lauter (...)". Daher "bilden sich" entsprechend "Bemerkung Nr. 12 (...) autoritäre Substrukturen. Es werden seltsame Allianzen eingegangen, die versuchen, Teile der Autorität zu bewahren oder an sich zu reißen."

Eine mögliche Antwort auf die genannten Bedrohungen formulierte Mauthe in dem aus dem Jahr 1981 stammenden Aufsatz "Die Politik des Überlebens". Dort schrieb er: "Die Politik wie der Politiker müssen wieder - koste es sie, was es wolle - ihre Unersetzbarkeit beweisen." Dass es dabei nicht ausreichen wird, von Spindoktoren vorformulierte Stehsätze und Allgemeinplätze wiederzukäuen, lag für den von der ÖVP unter Erhard Busek ins Wiener Rathaus geholten Mauthe auf der Hand. ". . . ich meine, dass allmählich jene Politiker an Glaubwürdigkeit verlieren, die auf jede Frage eine vorgestanzte Antwort parat haben."

Gleichzeitig erkannte er die Bedeutung einer soliden Adminis- tration, wie seine augenzwinkernde Hommage an dieselbe in seinem Hauptwerk "Die große Hitze" zeigt. Bürokratie der Bürokratie willen oder auch Verwaltung ohne politische Zielvorgaben sind aber zum Scheitern verurteilt; die Gesellschaft sehnt sich nach einer Vater- oder Führerfigur, sei es Kaiser oder Kanzler (in der "großen Hitze" symbolisiert sowohl durch den Doppeladler als auch den "großen Zampano").

Ähnliche Überlegungen stellt auch der niederländische Autor Harry Mulisch in dem Roman "Die Entdeckung des Himmels" an. Sein Protagonist Onno Quist, selbst Politiker, schreibt in einem Brief an seinen Vater: "Wo die Fürstenhäuser verschwanden, sorgte das Beamtentum für Kontinuität, seit Babylon und dem alten Ägypten ist es immer so gewesen, Beamte sind ewig, sie überleben ihre Pharaonen, Könige, Präsidenten, aber ohne Führer geht es nicht; Beamte ohne Führer sind Kleider ohne Kaiser. Daran könnte ein geeintes Europa durchaus scheitern . . ."

"Die Vielgeliebte"
Die vor wenigen Wochen publizierten Warnungen des "World Economic Forum", wonach die erheblichen Einkommensunterschiede in den westlichen Indus-trieländern ein enormes Risiko für kaum mehr kontrollierbare Unruhen bergen, können als amtliche Bestätigung von Mauthes Thesen gesehen werden, wonach "die nächste Katastrophe (...) als wirtschaftliche Katastrophe beginnen (wird)."

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-05-08 16:50:08
Letzte Änderung am 2014-05-09 13:50:16


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