• vom 22.05.2014, 15:33 Uhr

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Späte Kriegsgewinnler




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Von Edwin Baumgartner

  • Die Verlage überfluten den Buchmarkt mit Literatur zum Ersten Weltkrieg.

Der ganz normale Weltkriegs-Büchertisch: Die Thalia-Buchhandlung auf der Mariahilferstraße ist an der Überflutung unschuldig.

Der ganz normale Weltkriegs-Büchertisch: Die Thalia-Buchhandlung auf der Mariahilferstraße ist an der Überflutung unschuldig.© Moritz Ziegler Der ganz normale Weltkriegs-Büchertisch: Die Thalia-Buchhandlung auf der Mariahilferstraße ist an der Überflutung unschuldig.© Moritz Ziegler

Die Verlage sind Kriegsgewinnler. Heute verdienen sie am Ersten Weltkrieg. Es hat etwas von Schamlosigkeit.

Ich behaupte: Es geht überhaupt nicht mehr um den Weltkrieg. Was man als historisch interessierter Nicht-Fachmann über ihn wissen soll, haben Christopher Clark in "Die Schlafwandler", Herfried Münkler in "Der Große Krieg" und Ernst Piper in "Nacht über Europa" abgehandelt: Wie es dazu kam, welchen Verlauf der Krieg nahm, welche Auswirkungen er auf Kunst und Kultur hatte. Alles andere können die Fachleute und jene, die es werden wollen oder dafür gehalten werden wollen, in Bibliotheken ausgraben.


Weltkriegshype
Doch so denkt ein Verlag nicht.

Ein Verlag will Geld machen. Recht hat er. Verlage sind nicht gemeinnützige Anstalten, um Autoren zur Öffentlichkeit zu verhelfen (obwohl sie das nach der Meinung der meisten Autoren sein sollten), im Verlagswesen geht es knallhart ums Geschäft. Deshalb ist beispielsweise ein Paulo Coelho ganz dick da und ein Hanns Henny Jahnn nicht - weil ein Paulo Coelho zwar Mist schreibt, aber mit seinen Laotselachs die Massen begeistert, während Jahnn zwar einer der größten Autoren der deutschsprachigen Literatur ist, aber halt ein wenig kompliziert zu lesen. So einfach ist das.

Und so einfach ist es auch beim Ersten Weltkrieg: Es ist ein Riesenremasuri, ein - wie heißt das beinahe deutsche Wort? - ja, richtig: ein Hype.

Erster Weltkrieg da, Erster Weltkrieg dort. Keiner findet ihn toll, wäre ja auch a) politisch inkorrekt und b) tatsächlich gaga (diese Reihenfolge gilt, andersrum entspräche es nicht der Realität), keiner hat ein abweichendes Erklärungsmodell, also dass beispielsweise ein paar Außerirdische den Franz Ferdinand entführt haben oder dass ohnedies Deutschland und Österreich die Sieger waren, nur halt von England und Frankreich ganz unbemerkt.

Alle Autoren sind weitestgehend einer Meinung: Franz Ferdinand 1914 in Sarajevo erschossen, Österreich rächt sich mit Bündnispartner Deutschland als Beistand, funktioniert aber nicht, Millionen Tote, Friede in Versailles 1918. Aber das wird ausgewalzt auf Tausenden und Abertausenden Seiten. Weil ja ein Geschichtswerk, das unter 500 Seiten hat, heute im Verdacht steht, es sei etwas Laienhaftes für Laien geschrieben. Je dickleibiger, desto besser. Übergewicht ist nur für Menschen ungesund, nicht für Bücher. Und was für Bücher nicht ungesund ist, ist für Verleger sehr gesund. (Nicht zuviel Einnahmen für Brötchen und Cocktails bei Empfängen und Lesungen ausgeben, sonst landet das Übergewicht doch wieder dort, wo es ungesund ist.)

Wieder einmal Remarque
Meinetwegen könnte man mit der Inflation der historischen Literatur, also den Ergebnissen ernsthafter Forschung noch leben, man braucht nur um die entsprechende Abteilung der Buchhandlung einen weiten Bogen schlagen, selbst wenn dieser vorbei an Reiki und Astrologie und Ufonomie führen sollte (doch nachschauen, ob Franz Ferdinand kein Opfer der Annunaki war?). Aber nun breitet sich diese Infektion mit dem Ersten Weltkrieg auch in der Literatur aus.

Dass Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" eine Neuauflage erfahren würde - dafür bedurfte es des Abstechers zur Astrologie nicht. Wer, wenn nicht er, also der Remarque mit seinem stilistisch inferioren Kitschroman? Aber es geht ja weiter: "Der erste Frühling" von Klaus Kordon, "Czernin oder wie ich lernte, den Ersten Weltkrieg zu verstehen" von Hans von Tro-tha, "Zu lieben und zu sterben" von Andrea Molesini, "Eine große Zeit" von William Boyd und so weiter.

Ich sage nicht, dass diese Romane schlecht sind. Das kann ich nicht behaupten, denn ich habe sie nicht gelesen. Nach zehn Tafeln Schokolade will man keine elfte mehr, selbst dann nicht, wenn die zehn von Milka waren und die elfte von Zotter wäre.

Wobei der Erste Weltkrieg gewiss keine Tafel Schokolade ist, zugegeben. Es gibt wenig weniger Schokoladiges als einen Krieg - dennoch. Die Schokolade im Krieg ist ja auch nicht der Krieg selbst, sondern das Geschäft, das, ja: die Verleger und die Autoren, die ich da nicht auszunehmen gedenke, damit machen.

Freilich, es gibt auch literarisch erfreuliche Aspekte, die man wirklich nicht erwartet hat. Reclam zum Beispiel, das ist der Verlag mit den früher einmal sehr preisgünstigen gelben Taschenbüchlein, die in der Regel auf höchstem literaturwissenschaftlichen Niveau ediert sind (wo findet man sonst eine derart perfekt kommentierte Ausgabe der "Historia von D. Johann Fausten"?) - dieser Reclam-Verlag also, der auch eine Reihe mit noblen gebundenen Büchern herausbringt, hat in eben dieser eine Neuübersetzung von Jaroslav Hašeks "Die Abenteuer des guten Soldaten Švejk im Weltkrieg" herausgebracht. Die öffnet nun wirklich die Augen. Weil (man hat das instinktiv ohnedies irgendwie geahnt, war aber durch Heinz Rühmann und, noch schlimmer, Fritz Muliar verblendet) Švejk gar nicht böhmakelt. Wär‘ doch auch unlogisch, wenn ein tschechisch-nationalistischer Autor seinen pfiffigen Helden durch die Sprache als Halbtrottel darstellt. Švejk spricht korrektes Tschechisch - die Fehler machen die Österreicher, wenn sie‘s in der ungewohnten Sprache des Nachbarn versuchen. So passt‘s. Herzlichen Dank an den Übersetzer Antonín Brousek, der es ermöglicht, die unsäglichen tschechenfeindlichen Filme mit Rühmann und Muliar zu vergessen und einen einfach grandiosen Roman so zu lesen, wie ihn sich der Autor gedacht hat - oder fast so, denn für "ganz" müsste man ihn in Tschechisch lesen. Aber die bestmögliche Annäherung ist da wohl gelungen.

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Dokument erstellt am 2014-05-22 15:38:04


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