• vom 26.06.2014, 16:20 Uhr

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Update: 27.06.2014, 16:47 Uhr

Zwetelina Damjanova

Das Wagnis der Schönheit




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Von Edwin Baumgartner

  • Die bulgarisch-österreichische Lyrikerin Zwetelina Damjanova gibt der Sprache den Wohlklang zurück.


© Damjanova © Damjanova

Wien. Natürlich fällt - warum sollte man es leugnen? - die außerordentlich schöne Edition zuerst auf. Die Yara Edition hat sich selbst übertroffen: Das kartonierte Querformat mit den blau-schwarzen Ornamenten sieht nobel aus und wird gehöht durch die rote Banderole mit dem Titel "A3 und tù". Bücher können also auch heute noch allein zum Anschauen schön sein.

Doch die wirkliche Sensation findet, zwischen den Buchdeckeln statt: Die Lyrik von Zwetelina Damjanova gehört zum Überzeugendsten, was heute in Österreich an Gedichten geschrieben wird - vor allem in dieser Generation.


Zwetelina Damjanova, 1979 in Sofia (Bulgarien) geboren, lebt seit 1987 in Wien, hat hier Romanistik und Vergleichende Literaturwissenschaft studiert, arbeitet als Autorin, Übersetzerin und bildende Künstlerin. Sie ist dreisprachig, ihre Eltern sind gebürtige Bulgaren, ihre Mutter spricht fließend Spanisch, weil sie von klein auf in Kuba gelebt hat.

Durchdringung der Sprachen
Ursprünglich hatte die Dichterin jeder Sprache ein eigenes Aufgabengebiet zugewiesen: Bulgarisch stand für die Kindheitserlebnisse, Deutsch für die Gegenwart, Spanisch für die Poesie. Für den Gedichtband "A3 und tù" plante Zwetelina Damjanova, die Sprachen einander durchdringen zu lassen, doch die Erschwernis der Lesbarkeit, des unmittelbaren sinnlichen Erlebens der Worte ließ sie von dem Plan abkommen. Nun ist jede Strophe in einer anderen Sprache geschrieben. Die Übersetzungen durch die Autorin sind beigegeben.

Erster Gedanke - zugegeben: Eine Art lyrisches Projekt zum allgegenwärtigen Thema Migration, Integrationsdichtung, eher gut gemeint als gut.

Doch da sind eben die Gedichte: "Das welke Schweigen sprießt in den Mündern, / nähert sich der Sprache der versprochenen Brautleute / und rettet doch den Kontinent nicht. // Das Alleinsein ist am weitesten entfernt, / wenn ich alleine mit dir bin, ich wanke, stolpere mit dir, doch sind wir von einer Mutter", heißt es in "Immer alleine". Diese Sprache klingt, sie ist bilderreich, verdichtet, erzwingt das Nachsinnen des Lesers - und sei es auch nur, um dem Geschmack der Worte auf die Spur zu kommen.

Schließen der Wunden
Bei Gedichtbänden wende ich stets den Drei-Seiten-Test an: Der Band wird wahllos an drei Stellen aufgeschlagen; nur dann, wenn ich eine davon als höherwertig einstufen kann, wird der Rest unter die Lupe genommen, wird genauer gelesen. Zwetelina Damjanova besteht nicht nur diesen Test mühelos, es ist tatsächlich jedes Gedicht von außerordentlicher Schönheit.

Überhaupt ist ja die aus Migrationshintergründen entstehende Literatur heute eine der großen Chancen einer Bereicherung - und das nicht allein thematisch. Die aus den Traditionen anderer Sprachen hereingeholte Ausdrucksweisen können die Wunden der eigenen Sprache schließen. Die Schönheit des deutschen Sprachklangs, die Sinnlichkeit der Deklamation, ist in der Zeit nach 1945 zunehmend verdächtig geworden. Man akzeptiert sie nur noch, wenn sie aus dem Ausland in Übersetzungen zu uns kommt, zumeist aus romanischen Ländern, aber auch aus dem arabischsprachigen Raum, wie der - berechtigte - Erfolg des syrisch-libanesischen Dichters Adonis beweist. Und es ist gewiss kein Zufall, dass es die in Rumänien geborene deutsche Dichterin Dana Ranga ist, die der deutschen Sprache eine unvergleichliche Schönheit und Klangmagie verleiht.

Zwetelina Damjanovas Lyrik wagt es auf der Basis zweier Sprachen einer dritten die verloren geglaubte Schönheit wiederzugeben. Zufällig aufgeschlagen: "Erden steige ich herab ins Lockendickicht / und mache diesen Spaziergang, / Schnee speisend in der steinernen Früh." Viele sind das nicht, die das heute in deutscher Sprache können - und noch weniger wagen es.




Schlagwörter

Zwetelina Damjanova, Lyrik

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Dokument erstellt am 2014-06-26 16:23:06
Letzte Änderung am 2014-06-27 16:47:04


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