• vom 20.09.2014, 15:00 Uhr

Autoren


Franz Michael Felder

Bauer und Weltverbesserer




  • Artikel
  • Lesenswert (10)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Petra Paterno

  • Ein Leben zwischen "blutsaurer Arbeit", Poesie und Widerstand: Vor 175 Jahren kam der Vorarlberger Dichter und Sozialreformer Franz Michael Felder zur Welt. Annäherung an ein Phänomen.

Franz Michael Felder mit Ehefrau (links), Mutter (Mitte) und Kindern.

Franz Michael Felder mit Ehefrau (links), Mutter (Mitte) und Kindern.© Foto: Vorarlberg Museum Franz Michael Felder mit Ehefrau (links), Mutter (Mitte) und Kindern.© Foto: Vorarlberg Museum

"Er tut nicht wie andere." So zischelt es über ihn im Dorf. Neben der Arbeit stecke er "seine Nase in die Bücher", auch habe er Zeitungen aus Deutschland abonniert, Gottseibeiuns. "Darf denn einer, der ein Bauer ist, nichts lernen?", stemmt sich Franz Michael Felder (1839-1869) gegen Dorfklatsch und Tuschelei. Durch die Lektüre kommt er ins Grübeln: Über die engen Verhältnisse seines Standes, seiner Heimat Vorarlberg. Er ist Bauer - und wird zum Dichter und Sozialreformer, der sich mit den Mächtigen seiner Zeit anlegt, der von den Zeitgenossen über die Maßen verehrt oder hasserfüllt verfolgt wird. Tagsüber bewirtschaftet er seinen Hof, nachts schreibt er Bücher, die weit über die Landesgrenzen bekannt werden. Er ist ein Weltverbesserer. Pragmatisch und visionär. Einer, der sich nicht nur empört, sondern Probleme anpackt. Er stirbt, noch nicht 30-jährig, an Typhus. Wie hat es Felder geschafft, in kurzer Zeit so viel zu erreichen?

Der Bregenzer Wald ist ein gutes Pflaster für Sonderlinge. Die Bewohner im nordöstlichen Teil des Landes gelten im Rest Vorarlbergs als eigener Menschenschlag, maliziös, nicht nur zu Felders Zeiten, Hinterwäldler genannt. Erst in der Epoche von Internet und EU-Regionalförderung ist die Gegend über die Landesgrenzen hinweg für innovatives und nachhaltiges Handwerk bekannt geworden. Die einstige Enge des Bregenzerwaldes hat sich längst Richtung geografischer und kultureller Weite geöffnet.


Geburt im Abseits

Information

Hinweis:
Zu Felders 175. Geburtstag zeigt das vorarlberg museum in Bregenz bis zum 16. November 2014 die sehenswerte Ausstellung "Ich, Felder. Dichter und Rebell".
Am Freitag, 17. Oktober, findet im Wiener Heurigen "Bamkraxler" ab 20 Uhr unter dem Titel "Liebeserklärung" ein szenischer Felder-Abend statt. Martin Gruber, ein Felder-Pionier, Gründer und Leiter des aktionstheater-Ensembles, inszeniert den Abend, Martina Ambach und Stefan Bernhard wirken mit.
Infos: www.felderverein.at

Als Franz Michael Felder 1839 in Schoppernau im hintersten Bregenzerwald geboren wird, war die Region von der Welt abgeschnitten. Das Dorf auf 852 Meter Seehöhe zählt kaum 500 Einwohner (heute sind es 942). Felders Geburtshaus steht noch, ein stattlicher einstöckiger Hof, gebaut mit für den Landstrich typischen Holzschindeln. Unweit vom Felder-Haus hat im Obergeschoß des neu errichteten Kulturhauses ein modernes Museum ganzjährig geöffnet, das Werk, Leben und Sterben des bekanntesten Sohns des Dorfs durchmisst. Schoppernau will Frieden mit Felder schließen. Das war nicht immer so.

Ein Leben lang polarisierte Felder, selbst nach seinem frühen Ableben ging die Fehde weiter. Stein des Anstoßes war ein Denkmal. Der Pfarrer wehrte sich gegen die Errichtung auf dem Friedhof; in einer Nacht-und-Nebel-Aktion wurde das Grabmal aufgestellt, eine Vorgehensweise, die von den Behörden im Nachhinein abgesegnet wurde: Das Denkmal durfte bleiben - wurde aber im Lauf der folgenden Jahrzehnte immer wieder mit Dreck beschmiert.

Die postume Häme lässt erahnen, mit welcher Art von Hetzkampagnen sich Felder zu Lebzeiten konfrontiert sah. Am Siedepunkt des Konflikts, von den Honoratioren und Pfaffen hasserfüllt am Köcheln gehalten, floh Felder gemeinsam mit seiner Frau für einige Zeit aus dem Dorf, weil sie um ihr Leben fürchteten. Es waren die für das 19. Jahrhundert geradezu archetypisch ausgetragenen Gefechte zwischen liberalen und konservativen Denkströmungen, die Felders Leben und Sterben unheilvoll prägten.

Der Bregenzerwald, im tiefen 19. Jahrhundert. Die Bauern leben vom Handel mit Milch und Milchprodukten. Die Käsehändler, "Käsgrafen" genannt, haben ein ausgeklügeltes lmport-Export-System aufgebaut, das die Landwirte der Region knebelt und knechtet. Die Monopolisten setzen den Rohproduktpreis so niedrig an, dass die Milchproduzenten kaum je aus der Schuldenfalle finden. Dito beim Holzhandel, einer weiteren wichtigen Erwerbsquelle. In einem seiner frühen Gedichte hält Felder die Malaise des Schuldenkreislaufs fest: "Denn an den Katharinentagen / Werden Bücher aufgeschlagen, / Wo die Schulden eingetragen - / Was die Väter einst verbrochen, / Wird an Kindern nun gerochen: / Fünf Prozente sind versprochen."

Franz Michael Felder näherte sich den sozialen Problemen aber nicht nur mit Hilfe der Poesie. Er lehnte sich gegen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung auf. Beeinflusst von den sozialökonomischen Werken eines Ferdinand Lassalle, angeregt von Diskussionen mit seinem Schwager Kaspar Moosbrugger, einem Verfechter des Klassenkampfes, entwickelte Felder die Idee einer Sennerei-Genossenschaft, mit dem erklärten Ziel eines Zusammenschlusses der Bauern, um deren Produkte selbst zu vermarkten. Felder rief eine Viehversicherungsgesellschaft ins Leben, um seinen Stand gegen Schadensfälle abzusichern. Das rief selbstredend die Käsgrafen auf den Plan, die ihre Machtstellung nicht kampflos aufgeben wollten. Klerikale Radikale verschworen sich überdies gegen Felder. Von den Kanzeln herab wird er als "Freimaurer" und "Rot-Republikaner" verunglimpft.

Die Reformpartei
Franz Michael Felder hatte aber nicht nur Feinde. Mit Gleichgesinnten gründete er eine Reformpartei in Vorarlberg, die den Einzug in den Landtag nur knapp verpasste; in Schoppernau wird Felder Gemeinderat. Im Dorf bewegte er viel. Er organisierte die Verbreitung von Zeitungen zwischen entlegenen Weilern, gründete eine Leihbibliothek. 1862 sorgte er für eine Feier zu Shakespeares 300. Geburtstag - an der Bregenzer Ach, einem Zufluss des Bodensees, wurden zu Ehren des Dichters Feuer, so genannte Funken, entzündet, eine Musikkapelle spielte auf, Felder hielt die Laudatio auf den Jubilar. Der Außenseiter brachte es im Dorf zu gewissem Ansehen. "Wenn du nicht da bist, ist es hier öd, fad und leer", schrieb Schwager Moosbrugger an Felder, als dieser sich 1867 eine Weile in Leipzig umtat.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-09-18 18:20:12
Letzte Änderung am 2014-09-19 14:31:38


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Ein Zerrissener in Halb-Asien
  2. Ein Feinmechaniker der Erzählkunst
  3. wozu
Meistkommentiert
  1. Hommage an Helmut Qualtinger
  2. Pionierin des Atomzeitalters

Werbung





Werbung