• vom 22.09.2014, 17:34 Uhr

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Deutschsprachige Schauergeschichte

Der Blutsuppenkoch




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Von Edwin Baumgartner

  • "Die Andere Bibliothek" lädt ein, Hanns Heinz Ewers als einen Großmeister des bizarren Schauders zu entdecken.

Einige Bizarrerien der Natur und Volksüberlieferung, etwa wie die Sage von der lebendigen Wurzel Alraune (hier auf einer Darstellung des 7. Jahrhunderts), regten die Fantasie von Hanns Heinz Ewers an.

Einige Bizarrerien der Natur und Volksüberlieferung, etwa wie die Sage von der lebendigen Wurzel Alraune (hier auf einer Darstellung des 7. Jahrhunderts), regten die Fantasie von Hanns Heinz Ewers an.© wikipedia Einige Bizarrerien der Natur und Volksüberlieferung, etwa wie die Sage von der lebendigen Wurzel Alraune (hier auf einer Darstellung des 7. Jahrhunderts), regten die Fantasie von Hanns Heinz Ewers an.© wikipedia

Genau genommen hat die Geschichte keinen Inhalt: Der Autor erzählt lediglich in allen Details, wie zwei Männer einander bei einer Art menschlichem Hahnenkampf zerfleischen. Dieses Spektakel wird "Tomatensauce" genannt - und das ist auch der Titel dieser Erzählung. Ihr Autor ist Hanns Heinz Ewers, und zwar nach eigener Angabe 1905; erstmals verlegt wurde sie 1908. Die drei Jahre Unterschied ändern nichts daran, dass der deutsche Schriftsteller mit dieser Erzählung die Splattergeschichte erfunden hat, die man gemeinhin im angloamerikanischen Raum ab den 1960er Jahren verortet.

Andererseits: Wo sonst als im deutschen Sprachraum soll sie erfunden worden sein?


Nur zu leicht vergisst man nämlich angesichts des Realismus-Gebots, das Kritik und Gruppe 47 über die Literatur Deutschlands und Österreichs nach 1945 verhängten, dass gerade die deutschsprachige Literatur eine große Vergangenheit des Unheimlichen, Bizarren und Fantastischen hat.

Tradition des Unheimlichen
Beispiele für Meisterwerke des Schauerlichen in deutscher Sprache gefällig? - E.T.A. Hoffmann schreibt im "Fräulein von Scuderi" den ersten und wohl auch besten Serienkiller-Thriller der Literaturgeschichte, Wilhelm Hauff gibt seine "Geschichte von dem Gespensterschiff" als orientalisches Märchen aus, doch es handelt sich um eine Gruselgeschichte reinsten Wassers. Unheimliches auch bei Joseph von Eichendorff ("Das Marmorbild"), beim Schweizer Jeremias Gotthelf ("Die schwarze Spinne"), und es lauert hinter den psychologisch-realistischen Fassaden Theodor Storms. Der Expressionist Georg Heym schrieb in "Das Schiff" eine der unheimlichsten und beklemmendsten Erzählungen, die, wie alle guten unheimlichen Erzählungen, weit über das Genre hinausreichen. Hanns Henny Jahnn kann man in diesem Zusammenhang gar nicht genug rühmen: "Das Holzschiff", aber auch viele der episodischen Erzählungen aus "Perrudja" sind "nicht geheure Geschichten", wie der Autor eine Sammlung betitelt - und gehören obendrein zum stilistisch Besten, was jemals in deutscher Sprache verfasst wurde.



Ist nicht genau genommen auch Franz Kafka ein Meister des Unheimlichen? - Wie übrigens so viele der deutschsprachigen Erzähler aus Prag: Gustav Meyrink und Paul Leppin etwa, um zwei der unerreichbaren zu nennen. Und natürlich Leo Perutz, der eigentliche Erfinder des Magischen Realismus.

Sagen wir es offen: Ewers schreibt nicht auf diesem Niveau. Doch wenn ein Verlag wie "Die Andere Bibliothek" eine Ewers-Geschichtensammlung in einer Aufmachung herausgibt, die man nur als bibliophil bezeichnen kann, dann ist Neugier geboten.

"Die Andere Bibliothek" nämlich ist nicht irgendein Verlag oder eine Reihe. Der Dichter und begnadete Literaturvermittler Hans Magnus Enzensberger war 1985 der Gründer. Derzeit wird sie von Christian Döring, Lektor mit Suhrkamp-Hintergrund, herausgegeben. In der "Anderen Bibliothek" begann Christoph Ransmayrs Höhenflug mit "Die letzte Welt", Buzzatis "Die Tatarenwüste", Diderots Enzyklopädie, Raoul Schrotts "Erfindung der Poesie" und G. K. Chestertons "Die Paradoxe des Mr. Pond und andere Überspanntheiten" mögen so ungefähr abstecken, das seinerzeit als Konzept definiert wurde, nämlich allmonatlich ein inhaltlich wie formal vollendetes Buch zu veröffentlichen.

Voodoo und Deutschtümelei
Trifft man unter solchen Bedingungen auf Ewers, ist Wiederlektüre angesagt. Ist er doch mehr als ein Autor von Geschichten am Rand der Geschmacklosigkeit, ein Blutsuppenkoch, der es schaffte, dass bei Leseabenden Frauen in Ohnmacht fielen und Männer den Saal angeekelt verlassen mussten, um sich in aller Abgeschiedenheit übergeben zu können?

Ihn biografisch nicht recht in den Griff zu kriegen, ist dabei insofern symptomatisch, als es fast scheint, er habe das Genre seiner Literatur gelebt.

Anhaltspunkte: Am 3. November 1871 in Düsseldorf geboren, promovierter Jurist, der während seines Studiums als mensurensüchtiger Raufbold aufgefallen war; bricht mit der Rechtswissenschaft, weil er überzeugt ist, dass in der Verurteilung Oscar Wildes wegen Homosexualität Unrecht zu Recht erklärt wurde; inhaftiert wegen eines Duells, aus dem Staatsdienst entlassen, ständig auf Reisen. Er fühlt sich zum Spiritismus und Okkulten hingezogen, verfasst Kinderbücher und Reiseberichte, konsumiert Unmengen von Haschisch, Mescalin und Alkohol.

Auf seinen Mittelamerika- und Karibik-Reisen nimmt er angeblich an einer Voodoo-Zeremonie mit Menschenopfer teil - aber gesichert ist das nicht, denn Ewers ist ein begnadeter Fabulierer, auch, wenn es die eigene Biografie betrifft.

Im Ersten Weltkrieg betreibt er in den USA Propaganda für Deutschland - immer stärker mythisiert er seine Heimat. Doch der Weg in den Nationalsozialismus ist keineswegs schnurgerade. So ist Ewers ein begeisterter Anhänger des Politikers Walther Rathenau, in dem er die Verkörperung der von ihm verehrten deutsch-jüdischen Elite sieht. Dass in seinen Erzählungen Juden bisweilen in verächtlichem Tonfall geschildert werden, hat mit dem verächtlichen Gesamttonfall dieser Erzählungen zu tun, der ein Stilmittel Ewers’ ist. So, wie er glaubt, durch die Welt und die Geschichte flanieren zu können, so flaniert er in seiner Prosa durch die von ihm ausgedachten Schrecknisse.

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Dokument erstellt am 2014-09-22 17:38:06


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