• vom 01.11.2014, 12:00 Uhr

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Idealisten und Pazifisten




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Von Bernhard Wenzl

  • Die US-amerikanische Literatur befasste sich seit dem Kriegseintritt der USA intensiv mit dem kriegerischen Geschehen. Pathetische Verherrlichungen standen dabei neben sachlich-nüchternen und kritischen Darstellungen.

Dieser verwundete amerikanische Kriegsteilnehmer ist der spätere Autor und Nobelpreisträger Ernest Hemingway.

Dieser verwundete amerikanische Kriegsteilnehmer ist der spätere Autor und Nobelpreisträger Ernest Hemingway.© Foto: Corbis Dieser verwundete amerikanische Kriegsteilnehmer ist der spätere Autor und Nobelpreisträger Ernest Hemingway.© Foto: Corbis

Die Kriegsjahre 1914 bis 1918 brachten gewaltige Umwälzungen des politischen, ökonomischen und sozialen Systems in den USA. Unter seinem demokratischen Präsidenten Woodrow Wilson gab das Land die anfängliche Neutralität auf, entsandte mehr als eine Million Soldaten nach Europa und verhalf den alliierten Verbündeten zum Sieg gegen die Mittelmächte. Im Verlauf des vierjährigen Krieges setzte die schon damals führende Industrienation ihre geballte Finanz- und Wirtschaftsstärke ein und stieg zum größten Kreditgeber der Welt auf. Doch eine derartige Kraftanstrengung war der Regierung nur durch Gesetze zur Disziplinierung und Uniformierung der Bevölkerung möglich.

Auch in der amerikanischen Kultur führte der Krieg zu Veränderungen. Vor 1914 beherrschten optimistische Werte die Vorstellungen der Gesellschaft: christlicher Glaube, republikanische Überzeugung, kapitalistisches Denken und patriotische Gesinnung. Das Vertrauen in die menschliche Vernunft, den technischen Fortschritt und die westliche Zivilisation war ungetrübt.


Doch das sollte sich für viele in Anbetracht der mechanisierten Tötungsmaschinerie an der Westfront bald ändern. Noch vor dem Waffenstillstand von Compiègne im November 1918 hatten sich unter den kämpfenden Soldaten massive Zweifel an der Rhetorik der Politiker und der Strategie der Militärs breitgemacht. Spätestens zum Abschluss der Pariser Friedensverhandlungen 1923 hatten Enttäuschung, Frustration und Desillusionierung in weiten Teilen der Gesellschaft um sich gegriffen.

Propaganda im Vorfeld
Lange bevor die USA in den Ersten Weltkrieg eintraten, hatte er schon Eingang in die amerikanische Presse und Literatur gefunden. Journalisten zeichneten die kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Alliierten und den Mittelmächten als Konflikt zwischen Demokratie und Autokratie und forderten angesichts der deutschen Gräueltaten in Belgien und der amerikanischen Todesopfer bei der Versenkung des britischen Dampfers "Lusitania" ein sofortiges Eingreifen ihres Landes. Schriftsteller verfassten chauvinistisch-propagandistische Romane, in denen ritterlich edle Helden gegen deutsche Barbaren kämpfen und der Krieg als kathartisches Mittel zur sittlichen Erneuerung überhöht wird.

Indessen sprach sich die Mehrheit der Amerikaner so lange gegen eine aktive Interventionspolitik aus, bis Präsident Wilson nach der Wiederaufnahme des uneingeschränkten deutschen U-Bootkriegs und dem Bekanntwerden des deutschen Vorschlags über eine geplante Allianz mit Mexiko am 6. April 1917 dem Deutschen Reich den Krieg erklärte.

Wilsons Absicht, durch Beteiligung am Krieg die Welt reif für die Demokratie zu machen, gab die idealistische Tonart für die Romane älterer Autoren vor. Die gefeierte Regionalistin Willa Cather veröffentlichte 1922 ihren kommerziell erfolgreichen Bildungsroman "One of Ours", für den ihr im Jahr darauf der Pulitzer Preis zuerkannt wurde.

Opfer für die Freiheit
Inspiriert durch die Briefe ihres 1918 gefallenen Neffen, beschreibt Willa Cather in schnörkelloser Sprache die Entwicklung eines empfindsamen Mannes, der sich freiwillig zum Militär meldet, um der Enge seines unerfüllten Lebens im ländlichen Nebraska zu entfliehen. Dem vom Kommerz und Konsum seiner Umgebung abgestoßenen Claude Wheeler erscheint Frankreich als romantische Gegenwelt zum zeitgenössischen Amerika und der Krieg als vormodernes Abenteuer, in dem Männer Mut, Größe und Opferbereitschaft beweisen können. Als der junge Leutnant von gegnerischen Schüssen getroffen wird, stirbt er im freudigen Bewusstsein, sein Leben sei nicht sinnlos gewesen.

Auch die arrivierte Kosmopolitin Edith Wharton leistete ihren Beitrag zur amerikanischen Weltkriegsliteratur. Die seit 1907 in Frankreich lebende Schriftstellerin hatte sich nach Ausbruch des Krieges als Organisatorin von Wohltätigkeitsveranstaltungen in Paris betätigt und hatte die Front mehrmals für journalistische Arbeiten besucht. Nachdem ihr Cousin als Flieger über Deutschland abgeschossen worden war, nahm sie die Arbeit an ihrem 1923 erschienenen Bildungsroman "A Son at the Front" auf. Darin erzählt sie in geschliffener Sprache vom 60-jährigen amerikanischen Maler John Campton und dessen 25-jährigem Sohn George, der französischer Staatsbürger ist.

Zu Beginn des Romans erwartet Campton den soeben von der Tuberkulose geheilten George in Paris, um gemeinsam eine Reise in die Mittelmeerregion zu unternehmen. Am Ende bleibt dem erschütterten Vater nur ein kunstvolles Bildnis seines toten Sohns, weil George als französischer Soldat gefallen ist. Obwohl die Handlung ausschließlich im Hinterland des Krieges angesiedelt ist, wird die Überzeugung des Protagonisten (und der Autorin) deutlich, dass mit dem deutschen Sieg über Frankreich das Ende von Freiheit, Wahrheit und Schönheit droht.

Den verklärenden Werken dieser Romanciers stehen die ernüchternden Kriegsschilderungen kampferprobter Veteranen gegenüber. Der spätere Journalist, Buchladenbesitzer und Kurzzeitpolitiker Thomas Boyd hatte noch nicht die Schule abgeschlossen, als er sich kurz nach der offiziellen Kriegserklärung der USA freiwillig zu den Marinesoldaten meldete. Seine erschütternden Erfahrungen an der Westfront bilden den autobiographischen Hintergrund des erstmals 1923 gedruckten Antikriegsromans "Through the Wheat". Darin wird in lakonischer Sprache von Tod und Verwundung durch zerstörerische Waffen, von Ratten und Läusen in verschlammten Schützengräben, von Hunger und Übermüdung ausgezehrter Truppen berichtet. Traumatischer Dreh- und Angelpunkt des Romans ist ein selbstmörderischer Sturmangriff, der eine Kompanie über riesige Weizenfelder durch gegnerisches Sperrfeuer führt und der Hauptfigur des Buchs, dem Soldaten Hicks, den Verstand raubt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-10-30 13:20:11
Letzte Änderung am 2014-10-30 13:31:06


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