• vom 12.03.2015, 15:54 Uhr

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Vaterland

Atem, der zu lange angehalten wurde




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Von Martin Reiterer

  • Nina Bunjevacs Comic "Vaterland" ist ein außergewöhnliches Stück jugoslawischer Geschichtsschreibung.

Zerstückelte Teile einer Familiengeschichte und der Geschichte Jugoslawiens: Nina Bunjevacs Comic "Vaterland" versucht, die Puzzlestücke zusammenzulegen.

Zerstückelte Teile einer Familiengeschichte und der Geschichte Jugoslawiens: Nina Bunjevacs Comic "Vaterland" versucht, die Puzzlestücke zusammenzulegen.© avant Verlag Zerstückelte Teile einer Familiengeschichte und der Geschichte Jugoslawiens: Nina Bunjevacs Comic "Vaterland" versucht, die Puzzlestücke zusammenzulegen.© avant Verlag

Die porös wirkenden Zeichnungen in Nina Bunjevacs Comic "Vaterland. Eine Familiengeschichte zwischen Jugoslawien und Kanada" verlangen vom Leser eine bestimmte Distanz. Als ob es sich um eine gezielte Strategie der serbisch-kanadischen Zeichnerin handelte, um die Leser umso tiefer in ihre Erzählung eintauchen zu lassen. Doch zugleich scheint dieser erzählerische Abstand auch jener Punkt zu sein, von dem aus eine vielleicht unerzählbare Geschichte doch noch erzählbar ist.

Es geht um die Geschichte ihres Vaters Peter Bunjevac, der in den 1960er Jahren Mitglied der in Kanada und USA agierenden antikommunistischen, ultranationalistischen Terrororganisation "Freiheit für das serbische Vaterland" wurde, deren Fernziel es war, Titos Regierung zu stürzen. 1977 kommt ihr Vater bei einer Explosion ums Leben. Für die Tochter Nina, geboren 1973 in Welland, Kanada, handelt es sich jedoch zuallererst um die verdrängte Geschichte ihrer Mutter Sally. Als diese von den politischen Verstrickungen und dubiosen Aktivitäten ihres inzwischen bereits alkoholsüchtigen Mannes erfährt, flüchtet sie 1975, von Ängsten getrieben und unter dem Vorwand eines Großelternbesuchs, in ihre alte Heimat Jugoslawien. Die beiden Töchter kann sie mitnehmen, ihren Sohn muss sie bei ihrem Mann zurücklassen.


Rekonstruktion einer Familiengeschichte
Mit Unterstützung ihrer Eltern schlägt sie sich in den nächsten Jahren mehr schlecht als recht durch. Versuche, den Vater umzustimmen, den Sohn nachzuschicken oder selbst aus der terroristischen Organisation auszusteigen, scheitern.

Während der Vater aus dem Gedächtnis der Familie gestrichen wurde, versucht die Tochter fast 40 Jahre später, mühselig, die Puzzlestücke zusammenzusetzen, nicht allein um die Geschichte ihres Vaters, sondern zugleich einen ausgeklammerten Teil der Geschichte ihrer Mutter, schließlich ihrer Geschwister und ihrer selbst zu rekonstruieren. Unwillkürlich stößt sie dabei auf die größere Geschichte ihres Landes Jugoslawien, das ihr Vater einst als Dissident verlassen hatte, das ihre Mutter hinter sich ließ, um ihren Vater zu heiraten, und das ihr schließlich selbst als Ort ihrer Kindheit vertraut wurde, ehe sie es 1990, kurz bevor der Bürgerkrieg das Land zu zerrütten beginnt, erneut verlässt.

So skizziert Bunjevac, auf der Suche nach ihrem Vater und einem zuverlässigen Vaterbild, die Geschichte einer Auswandererfamilie nach Nordamerika, die bis an den Anfang des letzten Jahrhunderts zurückreicht, auf dem Hintergrund umwälzender Ereignisse. Ein Krankheitsfall, der die Familie wieder in ihre alte Heimat zurückführt, treibt deren Zerrissenheit voran, während sich mit dem Einmarsch der Achsenmächte 1941 der Zweite Weltkrieg auf dem Balkan auszubreiten beginnt: die prompte Kollaboration mit den Nationalsozialisten, die brutale Verfolgung von Juden, Roma und Kommunisten, schließlich von Serben durch Kroaten. Auf der anderen Seite Widerstandsgruppen, die nur teilweise kooperieren, sich zunehmend gegenseitig bekämpfen. Die Nachkriegszeit unter Tito, dem es gelingt, das Land zu versöhnen, der allerdings zugleich hart gegen die Opposition vorgeht.

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Schlagwörter

Vaterland, Jugoslawien, Geschichte

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Dokument erstellt am 2015-03-12 15:59:04


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