• vom 05.05.2015, 16:54 Uhr

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Genreliteratur

Die Mordgelüste der Frauen




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Von Edwin Baumgartner

  • Der traditionelle Krimi ist fest in weiblicher Hand - am raffiniertesten morden seit jeher die Engländerinnen.

Mylady, es wird gemordet werden: Anita Ekberg in der Verfilmung von Agatha Christies Roman "The A.B.C. Murders".

Mylady, es wird gemordet werden: Anita Ekberg in der Verfilmung von Agatha Christies Roman "The A.B.C. Murders".© imago/ZUMA/Keystone Mylady, es wird gemordet werden: Anita Ekberg in der Verfilmung von Agatha Christies Roman "The A.B.C. Murders".© imago/ZUMA/Keystone

Die Königin ist tot. Und Ruth Rendell, die am 2. Mai in London gestorben ist, war nicht einmal die ungekrönte Königin des Krimis. Immerhin war die Queen of Crime 2007 von der Queen der 16 Commonwealth Realms geadelt worden. Was sind schon 16 Reiche gegen die ganze Welt, die begierig darauf wartete, wie Inspector Wexford den Mörder ermittelt?

Ruth Rendell war eine Königin des Krimis - und brachte die zwei wichtigsten Voraussetzungen für ihre Herrschaft mit: Sie stammte aus einem englischsprachigen Land, idealerweise sogar aus dem Kernland der aufzuklärenden Mordtaten, also Großbritannien, und sie war eine Frau.


Und jetzt mal den Kampf der Geschlechter und politische Korrektheiten und ähnliche die Tatsachen der Literatur vernebelnde Soziologenüberlegungen beiseite: Wie viele taugliche männliche Krimiautoren gab oder gibt es denn? Dashiell Hammett und Raymond Chandler, die gefühlt mit der "Mayflower" nach Amerika geskippert waren? Ihre Nachahmer Mickey Spillane und James Ellroy? Aber bei ihnen wartet man ständig darauf, wann ihr Detektiv vom Ganoven einen rechten Schwinger bekommt und das mit einem zynischen Spruch quittiert. Kann man mögen, wenn man auf coole Machos steht. Aber Krimis der britischen Art, und nur die nimmt man als Krimi-Fan als Krimi war und klassifiziert alles andere hochnäsig als "Thriller" ab, sind die Erzeugnisse der US-Männer allesamt nicht.

Ruth Rendell, jüngst verstorben, war eine würdige Nachfolgerin von Agatha Christie und anderen Königinnen des Krimi-Genres.

Ruth Rendell, jüngst verstorben, war eine würdige Nachfolgerin von Agatha Christie und anderen Königinnen des Krimi-Genres. Ruth Rendell, jüngst verstorben, war eine würdige Nachfolgerin von Agatha Christie und anderen Königinnen des Krimi-Genres.

Bleiben noch ein paar Schweden. Aber schon mal einen Mankell gelesen und nachher eine Highsmith? (Gut, die war Amerikanerin, aber eine sehr europäisch wirkende.) Oder einen Håkan Nesser und nachher eine P. D. James? Nur so, um auf eine Vergleichsbasis zu kommen, meine ich...

Wobei es mir hier ausschließlich um den sogenannten "Whodunit" geht, also um jene Genrespielart, in der ein Ermittler aufgrund von Spuren zu guter Letzt den Täter ermittelt und das Katz-und-Maus-Spiel eindeutig zugunsten der detektivischen Katz mit Nachteilen für die mörderische Maus entscheidet. Obwohl an diesem Bild irgendetwas irgendwie schief sein dürfte.

Und diesen "Whodunit", scheint es, hat der Gott der Literaturgeschichte den Frauen überantwortet als Ausgleich für das den Männern gegebene Drama. Ja, ich weiß: Marieluise Fleißer, Elfriede Jelinek und Yasmina Reza - und Shakespeare, Goethe, Schiller, Kleist und und und, um nicht gleich dort zu beginnen, wo das Drama begann, also bei Aischylos, Sophokles, Euripides und Aristophanes.

Agatha Christies Sternstunde
Aber ist der Krimi schlecht? Oder gar minderwertig?

Kommt doch immer darauf an, was man aus den Genrevorgaben macht - und im konkreten Fall macht es "man" wesentlich weniger gut als "frau".

Damit absolvieren wir jetzt, weil sie mir sonst unweigerlich um die Ohren geschnalzt wird, die eine große Ausnahme: Ja, Arthur Conan Doyle war ein Mann; ja, Arthur Conan Doyle schrieb verdammt gute Krimis; ja, Arthur Conan Doyle schuf den Detektiv aller Detektive. Und jetzt verrat’ ich ein Geheimnis: Ich mag Sherlock Holmes nicht. Er ist mir zutiefst unsympathisch, dieser blasierte, humorlose Kokser. Verfilmt mit Benedict Cumberbatch ist das etwas anderes. Aber als literarische Gestalt - nein, danke. (Und auch nicht in Verfilmungen, in denen der Darsteller des Holmes dafür gepriesen wird, sich der Figur Doyles anzunähern.)

Wenn ich die Wahl habe: Hercule Poirot. Oder Miss Marple. Beides Gestalten von Agatha Christie. Der größten unter ihnen, den literarischen Mordsfrauen.

Ist sie das wirklich?

Vom Renommée her gewiss. Die Geschichten der Christie sind auch grandios konstruiert, und eine, "The Murder of Roger Ackroyd" (auf Deutsch "Alibi" - mein Dank an Kollegen Andreas Tesarik für den Hinweis, dieser Roman war meiner Aufmerksamkeit bisher entschlüpft) ist so unglaublich gut, besser noch als "Ten Little Niggers" (politisch korrekte deutsche Übersetzung: "Und dann gab es keine mehr"), dass sie das Genre auf ein ungeahntes Niveau hebt. Die Sache Roger Ackroyd könnte fast von Leo Perutz sein, also ein Krimi, der eigentlich kein Krimi mehr ist, sondern mit dem Genre spielt, es infrage stellt und dabei dennoch unglaublich spannend ist. (Nein, ich werde nicht verraten, worum es geht - selbst lesen, auch wenn man für Krimis sonst nichts übrig hat.)

Dennoch: Aus irgendeinem Grund ist die Beobachtung einer Gesellschaft mit ihren Mechanismen und Marotten bei der Christie in der Regel befriedigender als der Mord und seine Aufklärung. Am Schluss ist’s halt einer gewesen, das große Personeninventar hat da längst die Individualitäten vernebelt.

Die Spielregeln
Wenn man schreibt, die Christie habe den Krimi definiert, so stimmt das nicht nur im übertragenen Sinn: Gemeinsam mit dem Pater-Brown-Erfinder G. K. Chesterton und 24 anderen Autoren hatte sie den "Detection Club" gegründet und dessen zehn Krimi-Regeln entwickelt. Die drei wichtigsten sind: Alle Spuren, auf die der Detektiv stößt, muss der Leser erfahren; dem Detektiv darf nichts Übernatürliches und kein Zufall bei der Aufklärung helfen; der Verbrecher muss von Beginn an präsent sein - er darf also nicht überraschend auf den letzten Seiten, sozusagen als Diabolus ex machina, eingeführt werden.

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Dokument erstellt am 2015-05-05 16:59:06


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