• vom 15.08.2015, 15:00 Uhr

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"Ich warte auf das innere Bild"




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Von Christina Walker

  • Der österreichische Schriftsteller Wolfgang Hermann spricht über die Fremde als Inspiration, seine Vorliebe für Außenseiterfiguren und das Lesen als Weltflucht.

Vorarlberger Kosmopolit: Wolfgang Hermann. Foto: Heribert Corn

Vorarlberger Kosmopolit: Wolfgang Hermann. Foto: Heribert Corn



"Wiener Zeitung": Herr Hermann, Sie stellen jüngst in Vorarlberg Ihr neues Buch vor, "Die Kunst des unterirdischen Fliegens". Ein namenloser Protagonist bemüht sich darin, "ein richtiger Mann zu werden". Seine strebsam schaffende Umgebung, die mit viel Ironie dargestellt wird, ist unschwer als Vorarlberg zu erkennen. Hat Ihr Publikum, haben die Vorarlberger Humor?

Wolfgang Hermann: Ja, durchaus. Bei den Lesungen wird gelacht. Aber ich muss zugeben, die kritischsten Stellen lese ich nicht vor. Ich will mich ja nicht über die Mentalität hier erheben. Die ironische Kritik ist liebevoll gemeint, ich hänge an dem Land. Aber es ist in Vorarlberg einfach so: Die Helden sind die Wirtschaftsbosse. Schriftsteller zu sein, ist da schon sehr exotisch.

Information

Wolfgang Hermann wurde 1961 in Bregenz geboren. Er studierte Philosophie an der Universität Wien und arbeitet seit 1987 als freier Schriftsteller. Er wurde für seine Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele bereits vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Preis der Jürgen Ponto-Stiftung (1987), dem Anton Wildgans-Preis (2006) oder dem Förderungspreis zum Österreichischen Staatspreis für Literatur. Der Autor lebte längere Zeit in Berlin, Paris, Aix-en-Provence und Tokio - und heute großteils in Wien.

Erzählungen und Gedichte erschienen in Sammelbänden u.a. in englischer, französischer, spanischer, slowenischer, arabischer, Hindi, japanischer und koreanischer Sprache. Heuer erschien im Münchner Verlag Langen Müller sein Roman "Die Kunst des unterirdischen Fliegens".


Sie haben viele Jahre unterwegs gelebt, Station in Berlin, in New York und Tokio gemacht, in Süditalien und in Frankreich. Was hat Sie vorangetrieben?

Ich war immer gerne fremd. Ich war gerne Ausländer und Fremder. Ich hatte das Privileg, als Schreibender in Städten wie Paris zu wohnen und zu arbeiten.

. . . die Fremde als Inspiration?

Ja, gewiss ist das eine sehr unzeitgemäße Lebensweise. Und den alemannischen Tugenden handelt man so doch gründlich zuwider (lacht).

Sie sind vor einigen Jahren nach Österreich zurückgekehrt und leben den Großteil des Jahres in Wien. Würden Sie Wien als Zuhause bezeichnen?

Heimat ist ein schwieriger Begriff. Wien ist für mich vielmehr eine selbstverständliche Stadt. Hier gibt es viele Erinnerungen und gute Freunde. Man muss nicht kämpfen um alltägliche Dinge. Wenn ich an Tunis denke, wo ich einen Winter lang lebte: Da war jeder Tag ein Kampf um die einfachsten Dinge. Und in Wien finde ich die Ruhe, die ich zum Schreiben brauche.

Sie schreiben Kurzprosa, poetische Miniaturen, Erzählungen, Theaterstücke, Lyrik - und selbst Ihre Romane sind knapp gehalten. Ist das Kurze, die literarische Miniatur, oder auch die Erzählung Ihre bevorzugte Form?

Doch, das kann man sagen. Ich denke mir nichts aus, konstruiere nicht von langer Hand. Das ist nicht meins. Wenn man sich hingegen so treiben lässt im Schreiben, riskiert man das Scheitern. Ich möchte eine Geschichte mit der Zärtlichkeit im Kleinsten erzählen. Dafür bewundere ich zum Beispiel Robert Walser, für seine zärtliche Sicht der Welt, für das feine Wahrnehmen. Ich ziehe seine Bücher jedem durchkonstruierten Wälzer vor. Schon wieder eine unzeitgemäße Haltung!

Warum ist die kurze literarische Form im Zeitalter von Twitter, Blogs & Co. nicht erfolgreicher?

Vielleicht weil man heute alles auf einen Nenner bringen, alles klar definieren möchte. Das eine ist etwa ein Buch über die Problematik des Missbrauchs, jenes ein Buch über politische Verfolgung usw. Je literarischer, je poetischer ein Buch ist, desto weniger lässt es sich auf einen Nenner bringen.

Ist es so, dass die Literatur die großen Zusammenhänge schaffen soll, die wir in der Welt selbst nicht mehr sehen, da alles zerstückelt und kleinteilig wirkt?

Ich glaube, es gibt diese Sehnsucht nach einer überschaubaren Gegenwelt. Viele sehnen sich danach, durch ein Buch in eine andere Welt versetzt zu werden, in der sie etwa in Sicherheit sind vor den eigenen Lebensproblemen. Lesen ist ja auch eine Flucht. Aber diese Sehnsucht nach den großen Erzählungen ist so alt wie die Menschheit.

Ein Grundbedürfnis sozusagen?

Ja, nur heute ist es ein Markt wie jeder andere, und der folgt den Gesetzen der Ökonomie. Da stellt sich schon die Frage, wie weit man als Autor bei sich bleiben möchte oder solchen Ansprüchen entgegenkommen will.

Aus Ihrem vielfachen Wechsel der Verlage könnte man schließen, dass Sie sich den Ansprüchen und Forderungen nicht gefügt haben. Sind Sie sich denn selbst treu geblieben?

Jeder hat sein aus der Tiefe kommendes Verlangen, sein Leben auszudrücken - in einer eigenen Form, die er oder sie sich angeeignet hat. Ein Tätigsein der Seele im Sinne ihrer wesenhaften Tüchtigkeit, wie Aristoteles das Glück definiert. Der Mensch ist so unendlich vielfältig. Und wir nützen so wenige Aspekte, schlafen oft ein in der Routine. . . Ich habe versucht, mich auszudrücken und auf meine Art der inneren Stimme zu folgen. Ich habe nie überlegt, welches strategisch das richtige Buch wäre. So gesehen habe ich gegen jede kommerzielle Vernunft geschrieben.

Der Kritiker Leopold Federmair hat Ihre Texte einmal als "positive Literatur" bezeichnet. Würden Sie das unterschreiben?

Es scheint mir zu einfach, immer nur zu schimpfen, darzustellen, wie unerträglich alles ist. Die Anti-Heimatliteratur in Österreich hat einen wichtigen Stellenwert. Aber da sah ich mich nie. Zugleich ist es nicht ohne Risiko, Schönheit darzustellen, man braucht dazu schon eine Portion Naivität. Ich glaube ja, dass wir unsere Wirklichkeit in weiten Teilen selbst erschaffen.

Ihre Verleger mögen Ihnen die Vielseitigkeit als Sprunghaftigkeit vorgeworfen haben, aber eine Konstante in Ihrem Werk gibt es doch: Seit 2006 sind schon drei "Faustini"-Romane erschienen. Der Held ist liebenswert weltfremd, manchmal voller Lebensklugheit, er pflegt seine
Gemächlichkeit exzessiv. Ein Grund, warum er immer wieder aneckt in der emsigen Gesellschaft um ihn herum. Warum lieben ihn die Leser? Welche Sehnsüchte spricht Faustini in ihnen an?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2015-08-13 14:50:07
Letzte Änderung am 2015-08-13 16:53:36


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