• vom 05.09.2015, 14:30 Uhr

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Update: 07.09.2015, 15:42 Uhr

Interview

"Durch die Welt gehen und nach Worten fischen"




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Von Bernadette Conrad

  • Die erfolgreiche deutsche Kinderbuchautorin Cornelia Funke spricht über ihre neue "Reckless"- Buchreihe und die unterschätzte Kompetenz von Kindern im Umgang mit sozialen Medien.

Cornelia Funke: "Viele fragen mich, wie Schreiben geht - und ich sage ihnen: Sorge dafür, dass du immer Papier und Stift bei dir hast!" Dressler Verlag/Jörg Schwalfenberg

Cornelia Funke: "Viele fragen mich, wie Schreiben geht - und ich sage ihnen: Sorge dafür, dass du immer Papier und Stift bei dir hast!" Dressler Verlag/Jörg Schwalfenberg

"Wiener Zeitung": Cornelia Funke, Sie sind in diesem Jahr mit dem "Goldenen Garn", Ihrem neuen Buch, an vielen Orten auf "Tour". Was ist für Sie auf so einer Lesereise wichtig?

Cornelia Funke: Das Wichtigste ist mir das Gespräch mit dem Publikum - und dass es entstehen kann. Für mich bedeutet es Reichtum, die oft weisen Fragen und Bemerkungen der Kinder zu hören. Am liebsten würde ich meinen Leserinnen und Lesern in allen Ländern gerecht werden können. Seit ich 2004 meinen allerersten Literaturpreis in Wien bekommen habe ("Jury der jungen Leser", Anm.), ist so viel passiert - sind so viele Länder hinzugekommen, dass ich es nicht mehr schaffe. Aber meine eigenen Kinder sind jetzt groß, 20 und 26, und so kann ich die Welt nach und nach abarbeiten (lacht). Nachdem ich früher ein richtiger Reisemuffel war, liebe ich es inzwischen, vielen verschiedenen Menschen zu begegnen und ihnen etwas mitzubringen.


Sie müssen für diese Reisen ja viel fliegen - was für ein Verhältnis haben Sie dazu?

Ich hatte immer den Traum vom Fliegen; wollte selbst Pilotin werden. Meine Tochter hat mir einmal einen Flug mit dem Segelflugzeug geschenkt. Inzwischen saß ich sogar selbst einmal am Steuer eine Cessna auf dem Weg nach San Francisco - auch das ein Geschenk, wo es dann irgendwann hieß: "Hier, jetzt fliegst du!" Ein unglaubliches Gefühl. Und eine andere Art von Fliegen kann ich natürlich auch im Schreiben ausleben. In "Drachenreiter" konnte ich auf einem Drachen fliegen. Und in "Reckless" ist es ja sowieso ein Flug um die Welt. . .

"Wenn man hier sitzt, inmitten eines blühenden Gartens, hat man das Gefühl, dass es Ihnen hier sehr gut geht!"-"Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Bernadette Conrad (im Vordergrund) beim Gespräch mit Cornelia Funke in Los Angeles.

"Wenn man hier sitzt, inmitten eines blühenden Gartens, hat man das Gefühl, dass es Ihnen hier sehr gut geht!"-"Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Bernadette Conrad (im Vordergrund) beim Gespräch mit Cornelia Funke in Los Angeles.© privat "Wenn man hier sitzt, inmitten eines blühenden Gartens, hat man das Gefühl, dass es Ihnen hier sehr gut geht!"-"Wiener Zeitung"-Mitarbeiterin Bernadette Conrad (im Vordergrund) beim Gespräch mit Cornelia Funke in Los Angeles.© privat

Sie schicken Ihren Helden Jacob Reckless nicht nur immer wieder in die Welt hinter dem Spiegel, sondern durch Märchen aller Kulturen. Die Prüfungen, an denen Jacob wachsen muss, haben beim Hexenhaus und Dornröschen angefangen und gehen nun weiter zur Baba Jaga. . .

Tatsächlich würde ich Jakob in den "Reckless"-Büchern liebend gerne auf alle Kontinente schicken. Von heute aus gesehen ist der Plan, dass der vierte Band durch Asien führen soll, Band 5 nach Amerika und Band 6 nach Afrika. Vielleicht kommt es auch anders. Wichtig aber ist mir: Auch Märchen haben ein Zuhause, und wenn man ihre lokalen Ursprünge ernst nimmt, muss man eben nach Russland reisen, um den tieferen Sinn etwa der Baba Jaga zu verstehen - oder nach Skandinavien, um etwas über Trolle zu lernen. Ich selbst bin im Münsterland zwischen Wasserburgen und Industrieschloten aufgewachsen. Die Industrialisierung ist auch ein Bild dafür, dass der Mensch Gott werden will. Das ist meine ursprüngliche Bilderwelt, und auch die Erfahrung, wie Altes und Neues Seite an Seite existieren.

Ist das die Reisende und die Forscherin in Ihnen, die nun mit "Reckless" diese Reise um die Welt antreten will?

Ja, aber nicht nur. Darin drückt sich wohl auch eine politische Idee aus. Ich nehme - vor dem Hintergrund meiner eigenen sehr glücklichen Erfahrung im Einwanderungsland Amerika - wahr, wie überall in der Welt der Nationalismus zunimmt. Die Spiegelwelt in "Reckless" ist ja nicht einfach eine Phantasiewelt, in die man flieht, sondern eine Welt, die vielleicht helfen kann, die "wirkliche" Welt etwas klarer zu sehen. Ich würde mir wünschen, zu einem Bewusstsein darüber beizutragen, wie selbstverständlich es ist, dass wir als Verschiedene nebeneinander und miteinander leben - in Hautfarben, Nationalitäten, sozialen Klassen. Dieser Gedanke steht auch hinter den Pässen für die Spiegelwelt, die wir gerade fertig stellen und die ab Oktober ausgeben werden: Spiegelwelt-Fans, die sich einen Wunschcharakter ausgesucht und eine kleine Geschichte über die Herkunft der eigenen Figur hinter dem Spiegel geschrieben haben. Die Zugehörigkeit zur Spiegelwelt erhält man also mit Phantasie und Engagement - während in unserer realen Welt Pässe ja nur vom Zufall abhängen, wo man geboren und wessen Kind man ist. Und wenn man bedenkt, wie oft Pässe schicksalhafte Eintrittskarten sind und bestimmte Lebensmöglichkeiten entweder eröffnen oder verschließen, dann können die Spiegelwelt-Pässe vielleicht den Blick auf Nationalitäten und Nationalismen ein bisschen verändern.

"Das Wichtigste bei Lesungen ist mir das Gespräch mit dem Publikum."

"Das Wichtigste bei Lesungen ist mir das Gespräch mit dem Publikum."© Dressler/Pascal Rohé "Das Wichtigste bei Lesungen ist mir das Gespräch mit dem Publikum."© Dressler/Pascal Rohé

"Reckless" ist der Name für eine ganze Welt geworden - ein englisches Wort, das viele Bedeutungsnuancen enthält, von kühn, leichtsinnig, waghalsig, unbekümmert bis hin zu rücksichtslos . . .

Für mich wäre die deutsche Entsprechung "verwegen" - und ich hätte es auch am liebsten gehabt, dass Jakob in den einzelnen Ländern den Namen in der Landessprache gehabt hätte. Aber "reckless" hat sich - außer in Russland - überall durchgesetzt. Der Name selbst ist mir im wahrsten Sinne des Wortes zugefallen - schauen Sie hier, unter der kleinen Schale, steht "recklessdesign". Das ist das Label des walisischen Töpfers Kevin Reckless, den ich dann um Erlaubnis gebeten habe, seinen Namen nutzen zu dürfen.

Zunächst dachte ich, nein, es kann nicht sein, dass ich nach der Tintenwelt noch eine Welt erfinde, in der ich mich über längere Zeit aufhalte; das macht kein Schriftsteller. Bis ich merkte, es ist ja doch dieselbe Welt.

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Dokument erstellt am 2015-09-04 15:59:08
Letzte Änderung am 2015-09-07 15:42:06


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