• vom 18.09.2015, 16:58 Uhr

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Update: 18.09.2015, 17:54 Uhr

Philosophicum Lech

Ohne Scham keine Moral




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Von Heiner Boberski

  • Interview mit "Tractatus"-Preisträger Ulrich Greiner über sein Buch "Schamverlust".

Auch "Fremdschämen" behandelt Greiners Buch ausführlich.

Auch "Fremdschämen" behandelt Greiners Buch ausführlich.© apa Auch "Fremdschämen" behandelt Greiners Buch ausführlich.© apa

Lech. Die Übergabe des Essaypreises Tractatus ist stets ein Höhepunkt beim Philosophicum Lech. Ulrich Greiner, der diesjährige Preisträger, wurde für sein Buch "Schamverlust - Vom Wandel der Gefühlskultur", das die Literatur als "Archiv der Schamgeschichte" heranzieht, ausgezeichnet. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erläutert er den Wandel von der Scham zur Peinlichkeitsfurcht.

"Wiener Zeitung":Was bedeutet der Tractatus für einen Journalisten und Literaturkritiker wie Sie?

Information

Ulrich Greiner,  geboren 1945 in Offenbach, ist Journalist und Literaturkritiker. Er arbeitete in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und in der "Zeit", seit 2009 als Herausgeber der "ZeitLiteratur".


Ulrich Greiner: Das eine ist, dass mir die Philosophie ja nicht fremd ist. Ich habe Philosophie studiert und sogar noch die letzte Vorlesung von Adorno in Frankfurt am Main miterlebt. Der Tractatus ist ja nicht so sehr gedacht für ein philosophisches Sachbuch, sondern für ein Buch, das möglichst umfassend und für ein größeres Publikum verständlich Fragen von allgemeinem und philosophischem Interesse behandelt. Das andere ist: Ich finde diesen Preis toll, denn es ist der erste Preis meines Lebens.

Warum ist Schamgefühl wichtig?

Scham ist die Bedingung von Moral überhaupt. Moral hat ja damit zu tun, dass ich mein eigenes Verhalten beurteile, dass ich entweder wirklich oder gedanklich in den Spiegel schaue und mich sehe. Und ich sehe mich als jemanden, der sich eigentlich so oder so zu verhalten hätte, aber sich anders verhalten hat. So beginnt ein Vorgang, bei dem ich mich beurteile, und zwar nach den kulturellen Maßstäben, die ich mir angeeignet habe. Ich kann nur dann moralisches Verhalten an den Tag legen, wenn ich mir Rechenschaft ablege über das, was ich tue. Ich glaube, dass Scham eine menschliche Grundeigenschaft ist, dass alle Menschen Scham empfinden.

Ist Schamverlust ein markantes Kennzeichen unserer Zeit?

Es ist eine Beobachtung, die jeder machen kann, dass sich die Leute heute ungehemmter und vielleicht auch hemmungsloser benehmen als früher. Jeder Gang zum Badestrand oder durch eine sommerlich heiße Stadt zeigt, wie die jungen Menschen sich anziehen oder auch nicht anziehen. Auch die Bereitschaft, intime Dinge öffentlich zu verhandeln, auch ernste Dinge wie die Krebserkrankung der Mutter oder das eigene Burn-out, das wäre früher nicht möglich gewesen, denn das hätte die Selbstachtung verboten. Das ist heute ganz anders. Man kann das auch begrüßen, aber das ist gemeint mit Schamverlust. Es ist nicht damit gemeint, dass wir in einem Zeitalter der völligen Schamlosigkeit leben. Man kann feststellen, dass an die Stelle der Scham andere Hemmungen getreten sind, ich nenne das die Peinlichkeitsfurcht. Die Angst vor Peinlichkeit tritt an die Stelle der Scham. Scham ist das tiefere Gefühl. Peinlichkeit ist scheinbar oberflächlicher und hat immer damit zu tun, dass ich mich einer sozialen Kontrolle unterwerfe und mein Fehlverhalten von anderen beobachtet wird. Es muss Zeugen meines peinlichen Auftritts geben, sonst ist er nicht peinlich.

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Dokument erstellt am 2015-09-18 17:02:07
Letzte Änderung am 2015-09-18 17:54:04


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