• vom 08.10.2015, 16:57 Uhr

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Update: 08.10.2015, 16:57 Uhr

Literaturnobelpreis

Die Stimmensammlerin




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Von Edwin Baumgartner

  • Der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch wurde der Literaturnobelpreis zuerkannt.

Die Stimmensammlerin Swetlana Alexijewitsch steht in Opposition zu Diktaturen. - © Ulf Andersen/getty

Die Stimmensammlerin Swetlana Alexijewitsch steht in Opposition zu Diktaturen. © Ulf Andersen/getty

Die Schwedische Akademie ist bei der Vergabe des Literaturnobelpreises meist für eine Überraschung gut: Wenn es nicht gleich ein Autor ist, an den niemand gedacht hat, so wenigstens der im Vorfeld am seltensten genannte. Die Überraschung in diesem Jahr besteht darin, dass die meistgenannte Favoritin, variatio delectat, auch tatsächlich die letzten Endes Erwählte ist: Die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch bekam den Literaturnobelpreis 2015 zugesprochen.

Gesinnung und Literatur


In der Regel folgte auf die Bekanntgabe auch Hohn: Immer wieder wurde der Preis Literaten zuerkannt, deren Arbeiten kaum jemand für überragend oder gar überzeitlich bedeutend halten würde; oft merkte man die politische Botschaft und gestattete den Kritikern die legitime Frage, ob die richtige Gesinnung zur Beförderung der politischen Korrektheit höher stehe als das literarische Vermögen eines Autors.

Das steht zwar in den Statuten, nämlich, dass es auch um die moralische Integrität des Autors und seiner Arbeit geht. Nur durch diese Formel ist es plausibel, wenn ein Jorge Luis Borges, der politisch etwas zu weit rechts stehende Autorengigant, einen Preis nicht erhält, der dem im Vergleich literarisch geringeren, politisch links engagierten Dramatiker Harold Pinter zuerkannt wird.

Doch auch diese Schere zwischen Literatur und korrekter Gesinnung schließt sich im Fall von Swetlana Alexijewitsch, die 2013 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat: Sie schreibt tatsächlich lesenswerte Literatur, sie stellt sich gegen die Diktatur ihrer weißrussischen Heimat - und sie ist, auch das nicht unwillkommen, eine scharfe Gegnerin des russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Zumal Swetlana Alexijewitsch enge Bindungen an die Ukraine hat: Am 31. Mai 1948 wird sie in Stanislaw (heute Iwano-Frankiwsk) in der damaligen Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik als Tochter eines weißrussischen Soldaten und einer Ukrainerin geboren. Nachdem der Vater aus der Armee ausscheidet, siedelt die Familie nach Weißrussland um. Die Eltern arbeiten als Lehrer in einem Dorf.

Swetlana Alexijewitsch studiert an der Weißrussischen Staatsuniversität in Minsk Journalistik, beendet das Studium 1972, schreibt für eine Lokalzeitung, arbeitet daneben als Lehrerin. 1973 wechselt sie zur "Land-Zeitung" in Minsk, 1976 zum Literaturmagazin "Neman". Sie befasst sich mit Genres wie Kurzgeschichten, Essays und Reportagen.

Für ihr eigenes Werk sucht sie die größtmögliche Annäherung an die Realität. Das bedeutet für sie nicht zuletzt auch den Verzicht auf herkömmliches literarisches Gestalten, auf Metaphern und Erzähltechnik. Sie balanciert an der Grenze zwischen Reportage und Dokumentation auf der einen und erzählender Literatur auf der anderen Seite.

So montiert sie ihr Buch "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht", das sie 1983 abschließt, Stimmen sowjetischer Soldatinnen aus dem Zweiten Weltkrieg. Hunderte von Interviews, die sie auf Tonband aufzeichnet, bilden die Grundlage dieser Stimmensammlung, in der sie Frauen zeigt, die von der Geschichte überrollt, gedemütigt und betrogen werden.

Damit steht sie freilich quer zur offiziellen sowjetischen Lesart, in der das Heroische betont wird, das auch dem Opfer für das Vaterland innewohnt. Für die sowjetische Zensurbehörde Glawlit begeht sie eine Beschmutzung der "Ehre des Großen Vaterländischen Krieges". Sie verliert wegen ihrer "antikommunistischen Haltung" ihre Stellung. Das Buch darf erst zu Beginn der Perestroika 1985 erscheinen. Die deutsche Übersetzung kommt 1987 heraus und bedeutet für Swetlana Alexijewitsch den internationalen Durchbruch.

Die Stimmen der Menschen
Noch ehe das Buch erscheinen kann, dreht der weißrussische Regisseur Wiktar Daschuk auf der Basis der Tonbandprotokolle den siebenteiligen Dokumentarfilm "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht". Ein Teil wird 1983 auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival mit einem Hauptpreis ausgezeichnet, was immerhin eine mutige Aktion zu DDR-Zeiten bedeutet. 1985 erhält der Film den Staatspreis der UdSSR.

Ebenfalls im Jahr 1985 erscheint Swetlana Alexijewitschs Buch "Die letzten Zeugen (auf Deutsch 1989) über Kinder im Zweiten Weltkrieg.

Die Methode der Stimmensammlung wendet Swetlana Alexijewitsch auch in "Zinkjungen" (1989, auf Deutsch 1992) an: Mehr als fünfhundert Veteranen und Mütter gefallener Soldaten aus dem sowjetischen Afghanistankrieg interviewt sie. "Zinkjungen" - das sind die Toten, die in Zinksärgen heimkehren. Abermals stimmt ihre zutiefst menschliche Darstellung nicht mit der offiziellen überein. Diesmal wird sie dafür sogar vor Gericht gestellt, aber nicht verurteilt.

In "Seht mal, wie ihr lebt" schildert sie Schicksale russischer Menschen nach dem Umbruch. Trotz des nunmehr eingetretenen politischen Wandels, hat auch dieses Buch nichts Tröstliches, denn es geht um Menschen, die aufgrund der Umstände (abermals vom Schicksal Überrollte) Suizid begehen oder zu begehen versuchten. In "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" versammelt sie die Stimmen von Betroffenen der Reaktorkatastrophe.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2015-10-08 16:17:04
Letzte Änderung am 2015-10-08 16:57:19


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