• vom 10.03.2016, 17:46 Uhr

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Update: 11.03.2016, 12:25 Uhr

Interview

"Werte sind nicht mehr in unserer DNA"




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Von Christina Böck

  • Juli Zeh über ihren neuen Roman, über Stadtflucht, Flüchtlingskrise und politische Teufelskreise.



Landidylle kann bedrohlich sein: Juli Zeh beschreibt es in "Unterleuten" (Luchterhand).

Landidylle kann bedrohlich sein: Juli Zeh beschreibt es in "Unterleuten" (Luchterhand).© Thomas Müller Landidylle kann bedrohlich sein: Juli Zeh beschreibt es in "Unterleuten" (Luchterhand).© Thomas Müller

Einen wuchtigen Gesellschaftsroman hat Juli Zeh mit "Unterleuten" geschrieben - die Land-Idylle, nach der sich der Städter sehnt, schlägt bald in Horror um. Selbstgemachten Horror. Fragen der Moral treiben Zeh seit eh und je um. Nicht nur in der Literatur, in der sie 2001 mit "Adler und Engel" ihre Karriere startete. Auch in der Realität engagiert sie sich, so versuchte sie etwa im Zuge der NSA-Überwachungsaffäre auf Gefahren der Digitalisierung aufmerksam zu machen. Sie stieß nicht auf viel Resonanz und muss in der Angelegenheit jetzt "Atem holen". Zeh ist übrigens, wie einige ihrer Romanfiguren, selbst aus der Stadt aufs Land gezogen. Irgendwo dazwischen fand dieses Telefoninterview statt: im Auto.

"Wiener Zeitung": Ihr Buch "Unterleuten" spielt in einem Dorf. Wie erklären Sie sich den nachhaltigen Hang zum Ruralen, der sich ja auch in Magazinen und Modetrends niederschlägt?

Juli Zeh: Ich halte das für unglaublich wichtig, denn dahinter steckt die große prägende Haltung, die unsere Epoche ausmacht. Wie vor gut 100 Jahren die Hysterie ein ganzes Zeitalter geprägt hat, so ist es heute die Depression. Ich glaube, dass es diesen Wunsch nach Flucht, nach Exil aufs Land auch gibt, weil die Welt an sich keine Exotik mehr bereithält. Die Großstädte werden immer ähnlicher weltweit. Selbst in Asien sind sie für alle, die das urbane Leben gewöhnt sind, durchschaubar. Man kommt erst so wirklich raus aus der Metropole, wenn man am Land lebt. Das ist, zumindest in der Vorstellung, so eine Gegenwelt. In diesem verbreiteten Zustand von Überforderung und vielleicht sogar Lebensekel, wird das zu einer Sehnsuchtsinsel.

Woher kommt die Überforderung?

Die Großstadt steht für ein Zuviel, zu viel Information, zu viele Angebote - vor zehn, 20 Jahren hat uns das begeistert, das ist jetzt umgeschlagen. Die Möglichkeiten sind Druck, Stress, da muss man sich auseinandersetzen, muss sich entscheiden. Da ist diese Reduktion verlockend, dass man an einem Ort sitzt, an dem man sich nicht fragen muss, geht man ins Theater oder ins Kino - weil es beides nicht gibt. Diese ganzen Formeln "am Boden bleiben", "Zurück zur Natur", das deutet alles darauf hin, dass die Menschen wieder den Ort betrachten wollen, der sich unmittelbar unter ihren Füßen befindet, und eben nicht gezwungen sind, die ganze Zeit das globale Informationsaufkommen zu konsumieren.

Sie selbst sind ja auch aus der Stadt aufs Land gezogen...

Bei mir war das natürlich total anders, sonst könnte ich ja nicht lästern (lacht). Ich bin nicht geflohen. Ich wollte eigentlich nach Berlin und das ist ja das Gegenteil von Land. Mein Mann und ich sind gestrandet in der Provinz, weil wir uns in ein altes Haus verliebt haben und auf einmal völlig überwältigt waren von der Erkenntnis, dass wir uns das leisten konnten. Da hat sich so ein anderer Lebenstraum breitgemacht, von dem wir vorher gar nicht wussten, dass wir ihn hatten, nämlich ein Haus zu besitzen. Das Dorf und das Landleben rundherum haben wir einfach als Kollateralschaden akzeptiert, wir hatten eher Sorgen im Blick auf die Provinz.

Haben sich diese Sorgen bestätigt?

Die Sorgen, die wir hatten, haben sich überhaupt nicht bestätigt, dafür haben sich andere Probleme gezeigt. Wir hatten Angst vor den Leuten, haben gedacht, dass wir als Westdeutsche, als Künstler, als unbürgerliche Existenzen anecken. Das war gar nicht der Fall, ich habe festgestellt und es begeistert mich noch immer, dass das eben Regionen sind, wo es noch echte Exzentrik gibt. Für mich sind inzwischen die Städte die Orte der Anpassung, wo jeder wie der andere aussieht. Deswegen wurden wir kein bisschen als sonderlich gesehen. Im Vergleich zu den echten Freaks in der Provinz sind wir eher langweilig. Was ich ein bisschen unterschätzt hatte, war das Leben ohne Infrastruktur, vor allem, was medizinische Versorgung betrifft, aber auch bei normalen Sachen wie einkaufen: Man ist immer am Bunkern und Hamstern, es gibt keine Spontaneität in der Alltagsführung, das ist halt schade.

Sie haben sich sehr eingesetzt im Protest gegen die NSA-Überwachung. Was blieb davon?

Momentan Frust, Erschöpfung und ein allgemeiner Hass auf die Dinge. Da komm ich aber auch wieder raus, ich habe einfach sehr viel Kraft in dieses Engagement investiert, aber, wie das halt mal so ist in Demokratien, und erst recht, wenn es unsexy Themen sind, sind die Fortschritte so langsam, dass man sie mit bloßem Auge nicht wahrnehmen kann. Obwohl ich das weiß, konnte ich es irgendwann nicht mehr gut ertragen. Seit etwas über einem Jahr beschäftige ich mich nicht mehr so intensiv damit, hab mir aber selber fest versprochen, das ich da wieder zurückgehe, ich muss nur mal Atem holen.

Verstehen die Menschen nicht, dass das Thema wichtig ist oder haben sie andere Prioritäten?

Ich glaube tatsächlich, dass es viele nicht verstehen. Ich will nicht sagen, die sind alle blöd, aber man braucht echt viel Phantasie, um sich vorzustellen, wo der Weg hinführt, den wir gerade gehen. Und dass wir es eben nicht zu tun haben mit einem klar umrissenen Problem. Selbst die Flüchtlingsfrage ist im Vergleich mit der Digitalisierung eine überschaubare Angelegenheit. Das ist nicht ein Problem, das ist nicht nur die NSA, da geht es um einen riesigen Strukturwandel - vergleichbar mit der Industrialisierung -, der die Gesellschaft umkrempelt. Die Technologie durchdringt wirklich jeden Bereich unseres Alltags. Und die Politik suggeriert dauernd, man kann nichts machen, das lässt sich alles nicht regeln, das ist alles international. Das ist eh das Lieblingsargument, wenn man keine Lust hat, ein Problem anzugehen: Dann sagt man, das ist international, da können wir als einzelner gar nichts ausrichten. Natürlich legen dann die Leute die Hände in den Schoß und gucken in eine andere Richtung.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-10 15:35:06
Letzte ńnderung am 2016-03-11 12:25:43



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