• vom 13.03.2016, 15:00 Uhr

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Apachen und Wasserstoffbomben




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Von Petra Paterno

  • Am 18. März würde Wolfgang Bauer 75 Jahre alt. Der 2005 verstorbene Grazer Dramatiker wurde in den 1960er Jahren wie ein Popstar gefeiert - heute spielt "Magic-Wolfi" die Rolle einer Randfigur. Warum bloß?

Zwischen Pop und Poesie: Wolfgang Bauer, umrahmt von Falco (l.) und dem Dichter H. C. Artmann. - © Alexander Tuma/picturedesk.com (1995)

Zwischen Pop und Poesie: Wolfgang Bauer, umrahmt von Falco (l.) und dem Dichter H. C. Artmann. © Alexander Tuma/picturedesk.com (1995)

Aufruhr im Zuschauerraum. Buh-Rufe, Bravo-Chöre, hin und her wogend. 1969. Wolfgang Bauers Stück "Change" - in dem sich eine Horde junger Künstler nach allen Regel der Kunst fertigmacht - wird am Volkstheater uraufgeführt. Der Autor ist 28, steht unter Genieverdacht und mischt von der Grazer Provinz her das heimische Kulturleben auf. Im Jahr zuvor hatte "Magic Afternoon", Bauers Meisterstück über eine Künstlergruppe, die ebenfalls in Sex und Gewalt versinkt, bei der Uraufführung in Hannover eingeschlagen. Parallel dazu sorgt der 1941 geborene Nachwuchsautor als "Magic Wolfi" mit seinem exquisit exzessiven Lebensstil für Schlagzeilen.

"Bürgerschreck", so nannte man damals Bauers öffentliches Rollenfach. Die Kunstwelt zollte ihm Respekt. Die Autorin und Kritikerin Hilde Spiel urteilte über "Change": "In Wien begann ein neues Kapitel Theatergeschichte." Friedrich Torberg, nicht unbedingt als Avantgarde-affin verschrien, setzte sich für Bauer als Dichter der Stunde ein. Nach dem Erfolg von "Change" - das Stück sorgte für volle Kassen und wurde zum renommierten Berliner Theatertreffen eingeladen - ermunterte Volkstheater-Direktor Gustav Manker den Autor: "Johann Wolfgang, das ist Ihr Weimar!"

Schnell verglüht

Der kometenartige Aufstieg sollte Bauers weitere künstlerische Laufbahn überschatten. Im Gegensatz zu Dichter-Kollegen wie Peter Turrini und Peter Handke, die von einem ähnlichen Hype hochgespült wurden, vermochte Bauer sein dichterisches Fortkommen in den Folgejahren nur schwer auf Kurs zu halten. Die meisten seiner Stücke sind spätestens nach 2005, Bauers Todesjahr, von den Spielplänen verschwunden.

Der Erfolg von Bauers frühen Dramen ist untrennbar mit dem Kulturklima der ausgehenden 1960er Jahre verbunden: die Aufbruchsstimmung der Gegenkultur; die Protesthaltung der Studentenbewegung; der unbefangene Lebensstil der Hippies; die Lust am Neuen. Junge Künstler positionierten sich gegen Walzer-Seligkeit und "Sissi"-Romantik, rüttelten das prüde Nachkriegsösterreich auf.

Dass dabei die Kultur zu einer bevorzugten Kampfzone avancierte, in der politische Gesinnungen aufeinander prallten, hänge, so die These der Literaturwissenschafterin Evelyne Polt-Heinzl, mit der imagemäßigen Entmachtung althergebrachter Strukturen zusammen: Die traditionsbewusste Kultur- und Machtelite wollte ihre geistige Vormachtstellung nicht kampflos aufgeben. In die aufgeheizte Stimmung, in der Kulturkämpfe als staatspolitische Affären inszeniert wurden, fügten sich Bauers dramatische Interventionen anfangs nahtlos ein. Bauer entsprach dem Zeitgeist, er galt als "genialischer Kraftlackel", anarchischer Bohémien-Literat. Eine Hoffnung auf dem Feld der Revolution à la Austria.

Doch Wolfgang Bauer kam bald aus der Mode. Sein nachfolgendes Werk fand immer weniger Aufmerksamkeit. In 40 Jahren verfasste Bauer an die 30 Dramen, zahlreiche Hörspiele, Drehbücher für Spielfilme und Fernsehserien, wild wuchernde Kurzprosa, einen Roman: "Fieberkopf", erschienen 1964, erzählt die Krankengeschichte eines Schizophrenen. Der Wiener Germanist Wendelin Schmidt-Dengler mahnte noch zu Lebzeiten des Dramatikers ein, dass Bauer unterschätzt und zu Unrecht an den Rand des Kulturbetriebs gedrängt werde. Man dürfe, so Schmidt-Dengler, Bauers Texte keineswegs als "solipsistische Spielereien" abtun, seine Literatur sei "alles andere als gemütlich". Für den 2013 verstorbenen Devianzforscher Rolf Schwendter war der Grazer Autodidakt ein "postmoderner Schreiber vor dem Entstehen postmoderner Mode". Die deutschsprachigen Bühnen kamen dennoch bald ohne Bauer aus.

Nur ein "Sidestep"

Der Germanist Thomas Antonic, der gerade an der ersten Biografie über Wolfgang Bauer arbeitet, die 2017 erscheinen soll, ortet ein grundlegendes Missverständnis in der Bauer-Rezeption. Die weltweit gespielten Erfolgsstücke "Magic Afternoon", "Change" und "Gespenster" entstanden in einer kurzen Schaffensperiode zwischen 1966 bis 1973. Bauer wurde damals, ähnlich wie Peter Turrini und Franz Xaver Kroetz, dem "neuen kritischen Volksstück" zugeordnet. Der Fokus auf diese überaus erfolgreiche Phase, von Bauer übrigens als "Sidestep" bezeichnet, verschleierte den Blick auf Bauers eigentlichen künstlerischen Antrieb: das absurde Drama, das surreale Spiel.

Seit Anfang der 1960er Jahre schrieb Bauer bereits Stücke, sein Frühwerk steht stark unter dem Einfluss von Ionesco und Co. Vor allem in den Mikro-Dramen setzte der Autor Konventionen außer Kraft: Er forderte in Nonsens-Regieanweisungen 10.000 Apachen für die Bühne und wollte ebendort Wasserstoffbomben zünden.

Das Jahr 1975, die Entstehung von "Magnetküsse", bedeutete für Bauer eine Kehrtwende - zurück zu seinen Ursprüngen. Seine Texte wurden wieder experimenteller und phantastischer. Mitunter spielten sie nur mehr im Kopf der Figuren. Je weniger Bauer dem Bild des Volksstückautors entsprach, desto unerbittlicher wurde er an seinen frühen Erfolgsstücken gemessen. Die Theaterkritik warf ihm vor, nur mehr Chronist der Alt-68er zu sein. Die Literaturwissenschaft archivierte ihn als "realistischen Phantasten", der Zeitgeist überholte ihn.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-11 14:20:06
Letzte ─nderung am 2016-03-11 14:41:35



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