• vom 17.03.2016, 09:52 Uhr

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Update: 17.03.2016, 10:46 Uhr

Nachgefragt

Auftritt der "Wiener Zeitung"




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Von WZ Online, ez

  • Das aktuelle Buch des polnischen Autors Michał Witkowski spielt in Wien und die "Wiener Zeitung" spielt mit.

Sein aktuelles Buch ist 2015 erschienen.

Sein aktuelles Buch ist 2015 erschienen.© WZ/EZ Sein aktuelles Buch ist 2015 erschienen.© WZ/EZ

Michał Witkowski ist ein homosexueller polnischer Schriftsteller. Zu Weihnachten schenkte mir das Christkind sein jüngstes Werk "Funf und cfancyś". Ja, es geht um die Zahl 25. Konkret ist die Penislänge des Protagonisten gemeint. Aber darauf möchte ich jetzt nicht eingehen, lest es lieber selbst.

Der in Wrocław (Breslau) geborene Autor bedient sich in seinen als "Schwulenromane" bezeichneten Büchern gerne der Vulgärsprache, schildert ungeniert und anschaulich Abgründe des Rotlichtmilieus und provoziert mit Stereotypen über Schwule, Minderheiten und Ausländer. Äußerst amüsant findet Witkowskis Satzkreationen, wer Polnisch, Deutsch und Englisch spricht. Der Autor mixt die Sprachen kreativ und mit viel Witz in Lautschrift.

Information

Der Buchstabe Ł folgt im polnischen Alphabet auf das L und ist ein quasi durchgestrichenes L. Es kann wie ein W ausgesprochen werden. Es ist ein sogenannter lateraler Frikativ.

Polnische Sprache (Wikipedia-Eintrag)


Einige Beispiele:

"Ju łil daj" (you will die)
"Aj łont tu daj" (I want to die)
"Yś. Und ject du? Majn got!" (Ich. Und jetzt du? Mein Gott.)
"klajne szwance" (selbsterklärend)

Ein Kuriosum finde ich hier witzig. Das "Yś" (Ich). Denn die Polen gewöhnen sich beim Deutschlernen an, das "ch" als "sch" auszusprechen. Beispiel: "Isch fahre nach Schina." Ich werde NIE verstehen, warum sie das tun. Es ist eigentlich weniger witzig als zermürbend.

"Ein alter Klient, Dieter, mit einem Schnauzer wie Günter Grass und einer "Wiener Zeitung" unter den Arm geklemmt schlendert durch die Kneipe wie der Professor aus dem Film Der Blaue Engel."

"Ein alter Klient, Dieter, mit einem Schnauzer wie Günter Grass und einer "Wiener Zeitung" unter den Arm geklemmt schlendert durch die Kneipe wie der Professor aus dem Film Der Blaue Engel."© WZ/EZ "Ein alter Klient, Dieter, mit einem Schnauzer wie Günter Grass und einer "Wiener Zeitung" unter den Arm geklemmt schlendert durch die Kneipe wie der Professor aus dem Film Der Blaue Engel."© WZ/EZ



Auffällig ist, dass Michał Witkowskis Werke just zur gleichen Zeit bejubelt werden wie die nationalkonservative und rechtspopulistische Partei "PiS" ihren Aufstieg im Land feiert. Das kann damit erklärt werden, dass natürlich auch Polen keine homogene Gesellschaft aufweist und die Menschen nach queerer Literatur mit extremen Helden und einer so rücksichtslosen sprachlichen Offenheit lechzten.

Sein aktueller und sechster Roman "Funf und cfancyś" ist besonders für Wiener spannend, da er zum Teil in der österreichischen Hauptstadt spielt. Wer sich ein bisschen in Wien auskennt, schlendert mit den Figuren durch die Stadt, kennt vielleicht die heruntergekommenen Spelunken rund um den Westbahnhof und das Café Karlsplatz im einstigen Drogenhotspot Resselpark. Auch nach Deutschland und in die Schweiz entführt der Autor die Leser. Sein ins Deutsche übersetztes Buch "Funf und cfancyś" empfiehlt Witkowski primär aus einem Grund: "Für Menschen aus deutschsprachigen Ländern ist es sicher ganz spannend, aus einer nicht alltäglichen Perspektive von sich bzw. ihrem Land zu lesen."

Und nun zur eigentlichen Frage: Plötzlich, auf Seite 11, schlurft die Nebenfigur Dieter "mit Günter Grass’schem Schnauzbart und der "Wiener Zeitung" unter dem Arm" durch ein Beisl. Wie kommt die "Wiener Zeitung" in den Roman eines polnischen Autors? Gut recherchiert, denke ich, habe aber dennoch nachgefragt.

"Die Wiener Zeitung scheint mir eine sehr beliebte Zeitung zu sein und wie ich es als alter Intellektueller einschätzen kann, ist sie das auch", sagt Michał Witkowski. Er habe ein halbes Jahr in Wien gelebt und die Tageszeitung sehr präsent erlebt, in Kaffeehäusern aufliegend, wo sie in den traditionellen Zeitungshaltern steckten.

Präsent und beliebt also. Wo er Recht hat, hat er Recht.

"Ju łil daj" - "Aj łont tu daj": Michał Witkowskis Dialoge in der Lautschrift.

"Ju łil daj" - "Aj łont tu daj": Michał Witkowskis Dialoge in der Lautschrift.© WZ/EZ "Ju łil daj" - "Aj łont tu daj": Michał Witkowskis Dialoge in der Lautschrift.© WZ/EZ





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-03-17 09:54:19
Letzte ─nderung am 2016-03-17 10:46:27



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