• vom 08.04.2016, 17:00 Uhr

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Ein wenig Glück in einem Winkel




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Von Wolfgang Tumler

  • Eine Erinnerung an den vor wenigen Tagen verstorbenen schwedischen Schriftsteller Lars Gustafsson.

Dichter und Philosoph: Lars Gustafsson, hier im Jahr 2015.

Dichter und Philosoph: Lars Gustafsson, hier im Jahr 2015.© Marco Destefanis/Demotix/Corbis Dichter und Philosoph: Lars Gustafsson, hier im Jahr 2015.© Marco Destefanis/Demotix/Corbis

"Unsere Autos, Busse und Lastwagen sind eigentlich nichts anderes als verkappte Fahrräder, dem zeitweiligen Vorrat an fossilen Brennstoffen angepasst, sie werden ungefähr so schnell verschwinden, wie sie aufgekommen sind". In diesem Satz ist schon viel von dem enthalten, was den großen schwedischen Dichter Lars Gustafsson charakterisiert: die Liebe zum Fahrrad und zur Umwelt, der klare, unsentimentale, am Material orientierte Geist - und die Poesie, diesen zum Klingen zu bringen.

Vor wenigen Wochen erschien sein Roman "Doktor Wassers Rezept" in der deutschen Übersetzung von Verena Reichel, aber nun ist Lars Gustafsson in der Nacht zum vergangenen Sonntag in Stockholm gestorben. Eigentlich sollte er am 17. Mai 2016 achtzig Jahre alt werden. Für einen Geburtstagsartikel in der "Wiener Zeitung" hatten wir über ein Treffen korrespondiert, und er hielt das für möglich. Meine Idee, in München eine Ausstellung seiner Aquarelle zu präsentieren, traf nicht mehr auf die Unterstützung seines deutschen Verlegers, obwohl Gustafsson mit dem Hanser Verlag eine lange, sehr erfolgreiche Geschichte verbindet.

Erst kürzlich auf Deutsch erschienen: Gustafssons letzter Roman.

Erst kürzlich auf Deutsch erschienen: Gustafssons letzter Roman. Erst kürzlich auf Deutsch erschienen: Gustafssons letzter Roman.

Vor beinahe fünfzig Jahren, als noch Carl Hanser selbst den Verlag leitete, hatte die Allianz-Versicherung zweitausend Exemplare des Gedichtbandes "Die Maschinen" als Weihnachtsgabe für Mitarbeiter und Geschäftsfreunde angekauft, und das überzeugte seinerzeit den Verleger. Carl Hansers späterer Nachfolger, der junge Lektor Michael Krüger, wurde vom Entdecker des Autors zum treuen, kritischen Begleiter von Gustafssons gesamtem folgendem Werk.


Übersetzerin Reichel
Bei nur acht Millionen potentiellen Lesern in Schweden war der Schritt in den deutschen Buchmarkt ein großer Gewinn für Gustafsson. "Das hat ihm auch die Tür zur Welt geöffnet, da die internationalen Verlage für Lizenzankäufe ja eher Deutsch lesen als Schwedisch", sagt Verena Reichel. Sie hat von mehr als vierzig Büchern die meisten übersetzt, und sie hat uns damit Augen, Verstand und Herzen für Lars Gustafsson und sein Schreiben geöffnet.

Verena Reichel sieht sich nicht als Dienerin, möchte aber auch keine Co-Autorenschaft beanspruchen für ihre "Botengänge zwischen zwei Welten". Im Alter von vier Jahren aus Schweden nach Deutschland gekommen und zweisprachig aufgewachsen, sieht sie sich als "Vermittlerin zwischen Vaterland und Muttersprache"; und so wie Lars Gustafsson immer neue Bereiche für sich erschlossen hat, konnte auch sie ihre Fähigkeiten entlang seines Werkes weiter entwickeln.

Die schwedische Sprache ist komprimierter als die deutsche, die Satzstellung ist anders, man muss den Text häufiger in Nebensätze auflösen. "Man entwickelt mit der Zeit natürlich seine eigenen Strategien", erklärt die erfahrene Übersetzerin. "Gustafssons Werk durch die Jahrzehnte zu begleiten, war für mich ein großes Glück", fasst sie eine respektvolle Arbeitsbeziehung zusammen. Trotz seiner sehr guten Deutschkennntnisse habe der Autor ihr nie in eine Übersetzung hineingeredet.

Den "Gustafsson-Sound" zu treffen, hat Verena Reichel immer als wesentliche Aufgabe gesehen. Mich, als Leser, hat dieser Sound Mitte der 1970er Jahre voll erwischt, als Walter Schürenberg, seinerzeit Redakteur für Literatur beim Radio in Berlin, mir den Roman "Wollsachen" empfahl, den Lars Gustafsson 1973 als Stipendiat während eines Berlin-Aufenthalts geschrieben hatte, und der ein Filmstoff hätte sein können. Nicht nur das glaubte ich nach der Lektüre sofort, sondern schon damals begeisterte mich die Kombination zeitgeschichtlicher Linien mit psychologischen Brüchen und philosophischen Grundfragen, die später zu einem Markenzeichen für Gustafssons Texte werden sollte.

Erzählt wird in "Wollsachen" die Geschichte eines jungen Lehrers, der in der schwedischen Provinz nach dem Scheitern eigener Genieträume als Mathematiker und mit dem Echo der 68er-Studentenunruhen im Kopf auf einen kleinen frechen Schüler trifft, der geniale mathematische Fähigkeiten besitzt. Der Lehrer mit dem gleichen Vornamen wie Gustafsson heißt Lars Herdin und hat ein Problem: Soll er das junge Genie fördern und damit hinaus in die weite Welt und in die eiskalte Spitze des internationalen Wissenschaftsbetriebs schicken, die er selbst verpasst hat? Oder soll er ihn im natürlichen Eis seiner heimatlichen Landschaft, in der wirtschaftlich prekären Autowerkstatt und der bildungsmäßig unterirdischen, aber menschlich warmen Nähe seiner elterlichen Herkunft in Ruhe lassen?

Gustafsson überlässt das weder dem Lehrer Lars noch dem Zufall - er lässt es offen. Der Junge stirbt beim ersten lausigen Kontakt mit Drogen, als seine Freunde und er mit Handtüchern über dem Kopf Dämpfe aus großen Klebstoffdosen einatmen.

Leider ist damals aus dem Werk eines "antiautoritär Liberalen", wie Gustafsson sich seinerzeit sah, kein Film geworden, weil die Fernsehchefs in Deutschland dreierlei nicht wollten: Die Geschichte eines ihnen unbekannten Autors, vor dem Hintergrund von Studentenunruhen, die gerade vorbei waren, und dann noch dazu in Schweden - nein, danke!

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-08 15:47:09
Letzte nderung am 2016-04-08 16:02:06



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