• vom 21.04.2016, 16:27 Uhr

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Update: 21.04.2016, 16:29 Uhr

Sachbuchkritik

Liebe und Literatur




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Von Edwin Baumgartner

  • Der Briefwechsel von Peter Suhrkamp und Annemarie Seidel ist das Abbild einer Epoche.

Keine Zeile war für die Öffentlichkeit gedacht, kein Wort für die Ewigkeit bestimmt, dennoch möchte man ständig zitieren: "Endlich kam der erste Stoß des Gewitterwindes. Die Pappeln schauerten einen Augenblick, dann wieder still." Oder: "Den armen Loerke hat wieder das Pech an den Schößen." Oder: "Nach dem Himmel wie er hier aussieht zu schließen, müssen in der Schweiz ununterbrochen Schneestürze sein." Oder vielleicht am schönsten: "Mir will scheinen, ich bin im Begriff, einen Liebesbrief zu schreiben, und daß ich aufhören muß."

Wiederaufbau, auch im Geisteswesen: Peter Suhrkamp (m.) mit dem Autor Hermann Kasack (l.) und dem Mediziner und Schriftsteller Martin Gumpert.

Wiederaufbau, auch im Geisteswesen: Peter Suhrkamp (m.) mit dem Autor Hermann Kasack (l.) und dem Mediziner und Schriftsteller Martin Gumpert.© Getty Images/Charles E. Steinheimer Wiederaufbau, auch im Geisteswesen: Peter Suhrkamp (m.) mit dem Autor Hermann Kasack (l.) und dem Mediziner und Schriftsteller Martin Gumpert.© Getty Images/Charles E. Steinheimer

So schreibt ein Mann, für den der Umgang mit dem dichterischen Wort zum Alltag gehörte: 345 Briefe umfasst die überlieferte Korrespondenz zwischen dem Verleger Peter Suhrkamp und der Schauspielerin Annemarie Seidel. An jenem 27. Mai 1935 setzt der Briefwechsel ein. Im selben Jahr heiraten Suhrkamp und Seidel. Für ihn ist es die vierte Ehe, für sie die zweite.

Kämpfe eines Lebens

Wertvoll ist der Briefwechsel nicht allein wegen der Einblicke in das Verlagsgeschäft, sondern auch wegen der privaten Wahrnehmungen. Was Suhrkamp und Seidel einander berichten, färbt eine Epoche. Geschichte besteht nicht allein aus den historischen Vorgängen, sondern aus den vielen Kleinigkeiten, die man Leben nennt. Was zunächst folgt, ist ein Kampf um die deutschsprachige Literatur, dem sich ein Kampf um die Existenz anschließt.

1932 war der Bauernsohn und Lehrer Peter Suhrkamp Mitarbeiter des S. Fischer Verlags geworden. Ab 1933 gehört Suhrkamp zum Vorstand des Verlags. In diesem Jahr wird auch relevant, wofür das "S." steht: 1886 hatte Samuel Fischer den Verlag gegründet. Für die Nationalsozialisten ist es ein "jüdischer" Verlag. 15 der 135 belletristischen Titel auf der sogenannten Schwarzen Liste gehören zum S. Fischer Verlag. Samuel Fischer stirbt 1934, sein Schwiegersohn Gottfried Bermann Fischer übernimmt die Verlagsleitung. 1936 verlässt die Verlegerfamilie Deutschland. Suhrkamp kauft jenen Teil des Verlags, der nicht ins Exil nach Wien transferiert werden kann, und leitet diesen Verlag bis April 1944. 1942 erzwingen die Nationalsozialisten eine Umbenennung des Verlags: Erst wird das Unternehmen in "Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer" umbenannt, wenig später heißt es "Suhrkamp Verlag", um den Namen des jüdischen Gründers ganz zu tilgen.

Suhrkamp ist kein Freund der Nationalsozialisten. Der Briefwechsel zeigt, dass er mit offenen Augen durch ein moralisch ruiniertes Deutschland geht. Gerade, weil es keine offizielle Selbstdarstellung ist, sondern ein Gedankenaustausch mit der ihm in dieser Zeit vertrautesten Person kann man ihm glauben, dass er vor allem retten will, was zu retten ist. Er bleibt sauber.

Vielleicht ist gerade das sein Fehler. 1944 wird Suhrkamp wegen Verdachts der Vorbereitung zum Hoch- und Landesverrats von der Gestapo verhaftet und ins KZ Ravensbrück verschleppt. Ein Spitzel hatte belastendes Material gesammelt: Suhrkamp verlege weiterhin Autoren wie Hermann Hesse, Otto Flake und Oskar Loerke. Deutsche Dichtung offenbar, die den Nationalsozialisten erzittern macht. Die Bitterkeit und den Kampf buchstäblich ums Brot spürt man in den Briefen, obwohl Suhrkamp sie bewusst optimistisch gestaltet.

Letzte Konflikte

Nach 1945 kommt es zum Konflikt zwischen den S.-Fischer-Erben und Suhrkamp. Suhrkamp scheidet aus und gründet 1950 seinen eigenen Verlag. Den Autoren ist es freigestellt, zu wem sie gehen. 33 von 48 entscheiden sich für Suhrkamp. Der Rest ist eines der glänzendsten Kapitel der deutschen Nachkriegsliteratur.

Doch der Briefwechsel enthüllt auch die bitteren späten Jahre des Ehepaars. Annemarie Seidel alkoholkrank, Suhrkamp selbst fühlt seine Kräfte schwinden. Man hat sich auseinandergelebt, Erinnerungen an eine große Liebe blitzen vereinzelt auf. Der letzte Brief Suhrkamps am 1. Februar 1959 behandelt in Bitternis Fragen zur Scheidung. Zwei Monate später, am 31. März 1959, ist Peter Suhrkamp tot.

Information

Sachbuch
"Nun leb wohl! Und hab‘s gut!"
Briefwechsel von Peter Suhrkamp und Annemarie Seidel
Suhrkamp, 847 Seiten, 49,40 Euro





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-21 15:50:05
Letzte ńnderung am 2016-04-21 16:29:01



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