• vom 23.04.2016, 10:30 Uhr

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Von Irene Prugger

  • Die Tiroler Schriftstellerin Barbara Hundegger überzeugt mit kunstfertiger Lyrik - und fordert von ihrem Publikum Haltung ein.

Blumen für die Dame, Wein für den Herrn? Als die Schriftstellerin Barbara Hundegger den "Literaturpreis der Österreichischen Industrie - Anton Wildgans 2014" überreicht bekam, ließ sie bei der Vorbesprechung zur Preisverleihung durchblicken, dass sie eine Flasche Wein einem Strauß Blumen vorzöge. Das hatte zunächst rein praktische Gründe: eine Flasche war leichter von Wien in ihre Heimatstadt Innsbruck zu transportieren. Aber es war auch, wie so oft bei Hundegger, der Durchkreuzung herkömmlicher Rollenklischees geschuldet. In der Jurybegründung des Wildgans-Preises heißt es u. a.: "Barbara Hundeggers hoch artifizielle Lyrik öffnet große Denkräume und leitet durch Kunstfertigkeit (. . .) zu neuen Sichtweisen. Die dabei gestaltete Verbindung von Kunst, Politik und Emotion ist ein literarischer Kommentar zu unserer Welt, dessen kluge Feinheit und poetische Raffinesse faszinieren, überraschen und herausfordern."

"Zwischen der Lyrik und mir flutscht es": Barbara Hundegger.

"Zwischen der Lyrik und mir flutscht es": Barbara Hundegger.© Bernhard Aichner /Haymon Verlag "Zwischen der Lyrik und mir flutscht es": Barbara Hundegger.© Bernhard Aichner /Haymon Verlag

Manchmal eröffnen tatsächlich kleine Gesten neue Sichtweisen, ein wortgewaltiges Gedicht kann noch mehr bewirken. In ihrer Dankesrede im Haus der Industriellenvereinigung zitierte Hundegger deshalb aus ihrem Gedichtband "Wie ein Mensch der umdreht geht": ". . . und neben vielem - der Armut, der Flucht, dem Kalkül in der Liebe usw. -, geht es darin auch in gravierender Weise um das Verhalten der politischen und wirtschaftlichen Eliten - und Sie werden verstehen, dass ich der Versuchung, zwei dieser Texte einmal halbwegs Richtung Zielpublikum zu zirkeln, nicht widerstehen kann." Sie zirkelte punktgenau und heftig:

"hier kauern: die väter und schwiegerväter / des unglücks | in ihrem charakter so viel / wachs wie es brauchte zum großen glanz: / wie oft haben sie allein in der zeit die sie / überblicken gesetz geld amt und lebensart / verändert | ihre smartphones ausgetauscht | / ihre meinungen nie mit anderen nägeln als / saldos rallyes vorteilsnahmen eingeschlagen / in ihren kopf | o wie dieses volk im volk sich / liebt | kommt nur euer europa zu schauen: / das um sich weint vor lauter feingefassten / beschlüssen die bis mitte november nicht / hielten was im oktober noch galt | . . ."

Haltung in der jeweiligen Situation beweisen, gerade in der Kunst, diesen Anspruch stellt Hundegger eben auch an sich selbst - und löst ihn in der ihr eigenen Kombination aus Scharfsinn und menschlicher Wärme ein. Für sie, die in ihrer Arbeit um jedes Wort, jede Silbe ringt und mit feinem Sinn ausbalanciert, geht es beim Schreiben immer um die beste, die organische Synthese zwischen sprachlicher Qualität und gesellschaftspolitischen Fragen.

Die Arbeiten der 1963 in Hall geborenen Schriftstellerin umfassen Textprojekte im öffentlichen Raum ("public poetry" © bahu), Filmprojekte, Libretti, Text-Klang-Installationen, Prosatexte und - in erster Linie - Lyrik. Neben ihrer schriftstellerischen Arbeit war Hundegger viele Jahre als Korrektorin, Lektorin und Redakteurin tätig. Sie arbeitete in feministischen Zusammenhängen an Projekten zu Themen wie Gen- und Reproduktionstechnologien, Homosexualität, Faschismus, Herrschaftsstrategien, sexualisierte Gewalt und Diskriminierung (www.bahu.at).

"Wiener Zeitung": Barbara Hundegger, wann erfasste Sie die Lust an der Sprache?

Barbara Hundegger: Nicht durch Viel-Lesen von frühester Kindheit an, denn ich hatte weder Zeit noch Sinn zum Lesen, zu prekär waren Bedingungen und Umstände, in denen ich aufgewachsen bin. Bis ich ungefähr 15 war, habe ich nur vereinzelt Bücher gelesen - eines davon eine total zusammengekürzte Donaulandausgabe von "Robinson Crusoe", die mich aber begeistert hat. Mein Einstieg in die Literatur hat sich mehr über die Popkultur und Songtexte vollzogen - Bob Dylan, Lucio Dalla usw. haben mich zutiefst bewegt und mir erste Fenster in eine andere als die eigene Welt eröffnet. Erst später hab’ ich die vielen Kosmen, in welche Literatur entführen kann, für mich entdeckt und mich durch die Weltliteratur gelesen, wobei mich Bachmann, Schutting, Frisch, Kafka oder Norbert C. Kaser besonders fasziniert haben. Kurios ist: schon davor, circa mit 14, ist zum ersten Mal ein Gedicht herausgekommen aus mir - ich hab’ also quasi schon geschrieben, bevor ich zum Lesen kam.

Die literarische Ausdrucksform der Lyrik hat Sie also von Beginn an fasziniert?

Zwischen der Lyrik und mir flutscht es, das war schon immer so. Zwar arbeite ich auch mit anderen Textsorten, aber Storytelling als literarische Form interessiert mich weniger. Ein gutes Gedicht im Sinn von Verdichtung kann es ja schaffen, in sieben Zeilen zu sagen, wozu manche Prosa 250 Seiten braucht. Und in Zeiten von Kurznachrichten hat diese konzentrierte Textform auch einen subversiven Charakter, den ich sehr mag. Weil: Lyrik schaut ja nur kurz aus.

Politik und Poesie - ein ungleiches Paar, das in Ihrer Lyrik eine radikale und zugleich faszinierend schöne Verbindung eingeht. Gibt es dabei eine Vorrangregelung beim Schreiben? Was ist wichtiger: Inhalt oder Form, Poesie oder Gesellschaftskritik?




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-04-21 17:44:04
Letzte ─nderung am 2016-04-21 18:10:12



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