• vom 23.04.2016, 15:00 Uhr

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Von Eva Pfisterer

  • Bis heute faszinieren die Romane der Geschwister Brontë - und ihr Aufbegehren gegen die herrschende Moral. Vor 200 Jahren wurde Charlotte geboren.

Charlotte Brontë, Porträt von George Richmond, 1850.Foto: gemeinfrei

Charlotte Brontë, Porträt von George Richmond, 1850.Foto: gemeinfrei Charlotte Brontë, Porträt von George Richmond, 1850.Foto: gemeinfrei

Wie die "drei mausgrauenSchwestern" Charlotte, Emily und Anne - so nannte sie der begeisterte Arno Schmidt - im englischen Hochmoor Yorkshire, beinahe völlig abgeschlossen von der Umwelt, in den zugigen Räumen des Pfarrhauses in Haworth in ihrem so kurzem Leben Weltliteratur schreiben konnten, bleibt bis heute ein Rätsel. Schwarze Krähen umflogen den überfüllten Friedhof, auf den sie von ihrem Wohnzimmer aus blickten. Durch dessen Gräber sickerte das Leichengift ins Grundwasser, das mit zum frühen Sterben vieler Gemeindebewohner führte.

Wer fühlt sich da nicht unmittelbar an Schuberts "Krähe" in der "Winterreise" erinnert: ". . . meinst wohl bald als Beute hier, meinen Leib zu fassen?" Die Leiber von zwei der sechs Geschwister, Maria und Elisabeth, werden bereits im Alter von zwölf bzw. zehn Jahren "gefasst" und am Friedhof begraben. Der Bruder, Patrick Branwell, stirbt mit 31, Emily im selben Jahr mit 30 und Anne mit 29 Jahren.


Traumatischer Verlust
Charlotte, geboren am 21. April 1816, ist es vergönnt, etwas länger zu leben und fast 39 Jahre alt zu werden. Doch nur einer überlebt sie alle: der Vater. Als eines von zehn Kindern eines armen irischen Bauern bringt er sich selber Lesen und Schreiben bei, studiert in Cambridge, nimmt die höheren Weihen und wird 84. Seine Frau verliert den Kampf gegen den Krebs und hinterlässt ihm sechs Kinder, alle jünger als acht Jahre.



Diese traumatische Erfahrung des Verlusts ihrer Mutter im Alter von fünf Jahren zieht sich durch Charlottes gesamtes Werk: Alle ihre Heldinnen sind verwaist bzw. der Welt schutzlos ausgeliefert. Der Vater, kaum fähig damit umzugehen, zieht sich zurück. Selbst die Mahlzeiten nimmt er alleine ein. Die Schwägerin kommt und hilft den Haushalt organisieren. Mutterersatz ist sie keiner.

Spielkameraden aus dem Dorf gibt es nicht. Arbeiterkinder müssen früh in die Webereien oder im Haushalt mithelfen. Puppen, Kinderbücher, Spielsachen sind in den Augen des vom Methodismus geprägten Vaters überflüssiger Luxus. Umso erstaunlicher ist es, dass er trotz dieser puritanischen Vorstellungen seinen Kindern jede Freiheit in der Wahl von Büchern und Zeitungen lässt. Sie lesen unter anderem Cervantes, Shakespeare, Milton, Scott, Hume, Schiller und Goethe. Mit 14 übersetzt Charlotte den gesamten ersten Band von Voltaires "La Henriade".

Mit zehn bewundern sie und ihr zwei Jahre älterer Bruder Branwell George Byron für seinen Stil, seinen Witz und seine sinnlichen Exzesse, die sie in der Einsamkeit der Moore in ihre Phantasiegeschichten "Angria und Gondal" einfließen lassen. Zwölf Holzsoldaten, die der Vater dem Bruder von einer Reise mitbringt, entflammen die Phantasie der Geschwister. In 16 Jahren füllen die Kinder 150 Bände - intensive Vorstudien zu ihren späteren Romanen.

Als Charlotte durch Zufall Gedichte ihrer Schwestern Emily und Anne entdeckt, überzeugt sie die beiden, gemeinsam eine Gedichtsammlung zu veröffentlichen. Das schmale Bändchen mit 165 Seiten erscheint im Mai 1846 als "Poems by Currer, Acton und Ellis Bell" auf Kosten der Autorinnen. Wenig später bietet Charlotte ihren Roman "The Professor", sowie "Wuthering Heights" von Emily und "Agnes Grey" von Anne Verlegern an. "The Professor" wird immer wieder abgelehnt und erscheint posthum.

Erst als der Lektor des Verlagshauses von Smith, Elder und Co. Charlotte ermutigt, weiter zu schreiben, schickt sie ihm erfreut ihr fast fertiges Manuskript von "Jane Eyre". Lektor Williams kann genau so wenig aufhören zu lesen wie der junge Verleger George Smith und der berühmte Autor von "Vanity Fair", W. M. Thackeray. Sechs Wochen später, im Oktober 1847, erscheint "Jane Eyre" und löst in der literarischen Welt ein ähnliches Erdbeben aus wie die "Leiden des jungen Werther" 73 Jahre zuvor. Innerhalb eines Jahres entstehen vier Auflagen. Die Londoner High Society rätselt: Wer ist Currer Bell?

Männliches Pseudonym
"Ein männliches Pseudonym erschien uns ratsamer. Wir hatten den unbestimmten Eindruck", schrieb die 31-jährige Charlotte, "dass man bei Autorinnen dazu neigt, ihnen mit Vorurteilen zu begegnen." Wie recht sie damit hatte! Als das Geheimnis gelüftet wurde, sahen sich die drei Schwestern sofort mit Vorwürfen der Unweiblichkeit und Anstößigkeit konfrontiert.

Zwei Monate nach "Jane Eyre" erscheinen auch "Wuthering Heights" und "Agnes Grey". Die Geschwister Emily und Anne konnten sich jedoch nur kurz über ihren Erfolg freuen. Im September 1848 starb Bruder Branwell, im Dezember Emily, und im Juli 1849 Anne.

In "Jane Eyre" schildert die 31- jährige Autorin autobiographisch die schrecklichen Zustände des Internats Cowan Bridge (im Roman: Lowood), errichtet von einem scheinheiligen Prediger für die Erziehung von Pastorentöchtern, auf das Charlotte’s Vater, der Pfarrer Patrick Brontë, vier seiner Kinder schickte. Charlotte durfte mit neun Jahren kurz nach dem Tod ihrer zwei älteren Geschwister wieder zu ihrem Vater zurückkehren. Die Geschichte der kleinen Waisen Jane, die mit zehn Jahren ins Internat kommt, in dem sie mit ungeheurem Selbstbehauptungswillen Hunger, Kälte, Schläge und Demütigungen überlebt, berührt selbst Königin Victoria - auch wenn darin die buchstäblich mörderischen Verhältnisse englischer Internate sowie die geistliche Erziehungspraxis angeprangert werden.

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Dokument erstellt am 2016-04-21 22:23:06



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