• vom 23.04.2016, 17:00 Uhr

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Update: 23.04.2016, 17:44 Uhr

Christopher Marlowe

Der Spion, der aus England kam




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Von Gerald Szyszkowitz

  • Der Dramatiker Christopher Marlowe, den bis heute viele für den wahren Shakespeare halten, soll 1593 ermordet worden sein. Dagegen spricht viel - sehr viel. Eine Spurensuche.

Am heutigen 23. April denkt alle Welt an den vierhundertsten Todestag des Mannes aus Stratford, ohne darüber zu berichten, dass vielen Gelehrten in London ein anderer Todestag wesentlich interessanter zu sein scheint.

Eine der vielen Mystifikationen rund um Christopher Marlowe ist auch dieses Bild, das ihn angeblich 1585 als 21-Jährigen zeigt, was aber bis heute nicht gesichert ist.

Eine der vielen Mystifikationen rund um Christopher Marlowe ist auch dieses Bild, das ihn angeblich 1585 als 21-Jährigen zeigt, was aber bis heute nicht gesichert ist.© wikimedia/gemeinfrei Eine der vielen Mystifikationen rund um Christopher Marlowe ist auch dieses Bild, das ihn angeblich 1585 als 21-Jährigen zeigt, was aber bis heute nicht gesichert ist.© wikimedia/gemeinfrei

Am 30. Mai 1593 soll nämlich der Dramatiker Christopher Marlowe bei einer Wirtshausrauferei erstochen worden sein. Aus einigen Unterlagen ergibt sich allerdings, dass der angeblich an diesem Tag Ermordete nicht nur bereits als Student in Cambridge im Auftrag des Secret Service als
Spion ins Jesuitencollege nach Reims geschickt worden war, sondern dass er im Jahr 1603 unter dem Decknamen Matthew als
Spion auch noch in das Jesuitencollege nach Valladolid verschickt worden ist. Das Secret Service scheint sich also auch nach diesem "fiktiven Mord" noch um Marlowe gekümmert zu haben.

Englischen Gelehrten scheint an der Geschichte dieses fiktiven Mordes vieles seltsam zu sein. Zum Beispiel, dass nicht nur die Witwe Eleonor Bull, die Dame, die das Haus vermietet hat, eine enge Beziehung zum Secret Service gehabt hat, und dass die drei Männer, die an diesem Abend mit Marlowe im Haus dieser Dame gewesen sind - Ingram Frizer, Robert Poley und Nicholas Skeres -, ebenfalls enge Beziehungen zum Secret Service hatten, sondern vor allem, dass alle Zeugen, die zwei Tage später der Untersuchungskommission bestätigten, der Tote sei zweifellos Marlowe, aus dem Dunstkreis des Secret Service gekommen sind.

Rasche Begnadigung

Kurz: Irgendein Leichnam wurde am 1. Juni 1593 schon in einem nicht näher markierten Grab im Kirchhof von St. Nicholas in Deptford begraben, aber der tote Marlowe war das offenbar nicht. Der war mittlerweile schon auf einem Schiff des Secret Service unterwegs nach Frankreich, und die Königin Elisabeth begnadigte auch schon vier Wochen später den "Mörder Frizer". Und das ist schon ein bemerkenswert kurzes Zeitintervall nach einem Kapitalverbrechen - das noch dazu innerhalb der "Zwölf-Meilen-Zone der Königin" begangen worden ist.

Wegen der großen Nähe des Tatortes Deptford an der Themse zum Schloss Greenwich, in dem die Königin sich an diesem ´Tag des Verhängnisses zufällig aufhielt, durfte allein ihr persönlicher Coroner, also der "Coroner to the Queens houshold", alle Untersuchungen durchführen. Und dieser William Danby hat dann eben auch ein kompliziertes lateinisches Protokoll verfasst, dessen zufällige Auffindung nun die Frage neu stellt: War es Mord? Oder doch nur ein vorgespielter Mord?

Die meisten Gelehrten gehen davon aus, dass der Untersuchungsbericht eine "Fabrikation" ist, und dass die Zeugen, die alle aus dem Umkreis des Secret Service kommen, im Täuschen zweifellos geübt waren - und folglich auch in diesem Fall nicht die Wahrheit gesagt haben.

Vier Wochen nach dem fiktiven Mord pardoniert die Königin also den Mörder Ingram Frizer. Und wohin geht der? Sofort zu seinem Dienstherrn Thomas Walsingham, dessen Onkel der Geheimdienstchef der Königin ist; zu eben jenem Thomas Walsingham, der in Cambridge Marlowes "bester Freund" gewesen ist. Frizer geht also zu jenem Mann, dessen besten Freund er vor vier Wochen ermordet hat? Das ist noch eine Unglaubwürdigkeit mehr.

Allen Gelehrten wird immer klarer, warum sich die drei direkt an diesem fiktiven Mordfall Beteiligten in dem Secret-Service-Quartier der Witwe Bull getroffen haben. Denn fest steht: Marlowe war damals in ernsten Schwierigkeiten. Er musste sich vor dem Kronrat rechtfertigen, weil ihn seine Feinde wegen seines öffentlichen Atheismus angeklagt hatten. Auf dieses Verbrechen stand zu jener Zeit unweigerlich die Exekution.

Mehrere seiner Dichterfreunde waren in den vorangegangenen Wochen deswegen schon gehängt worden. Also scheinen seine Freunde im Kronrat gefürchtet zu haben, dass Marlowe, wenn auch er wie seine Freunde gefoltert werden sollte, alles zugeben würde, was seine Feinde - und vor allem die Feinde seiner Freunde im Kronrat - würden hören wollen. Mithin musste er verschwinden. Am besten unter Zurücklassung einer anderen Leiche. Darum also wurde dieses ganze Theater im Haus der Witwe Eleonor Bull veranstaltet. Die Dame war übrigens eine Cousine von Lord Burghley, der zufällig auch im Kronrat saß. Und der zudem ein persönlicher Freund von Marlowe gewesen ist.

Illegale Untersuchung

Dass die Staatsspitze in diese fiktive Mordgeschichte involviert war, ergibt sich auch daraus, dass die gesamte Untersuchung dieses Falles eigentlich illegal gewesen ist: Diese, einschließlich der amtlichen Leichenbeschau, hätte nach damaligem Recht von dem örtlichen County Coroner durchgeführt werden müssen, und nicht vom Coroner der Königin. Sie wurde aber von eben diesem, nämlich William Danby, durchgeführt, der offensichtlich schon vorher von der geplanten Tötung informiert worden ist, und dadurch zur rechten Zeit am rechten Ort hat sein können.

Daraus ergibt sich die Frage: Wer war die Leiche?

Am Abend vor dem Begräbnis in Deptford wurde zu einem für eine Erhängung ungewöhnlichen Zeitpunkt ein Mann mit dem Namen John Penry öffentlich gehängt. Unter dem Vorwand, dass er subversive Literatur geschrieben habe. Was mit dem Leichnam dieses Mannes geschah, weiß bis heute niemand. Denn verantwortlich für das Verschwinden dieser Leiche war offensichtlich wieder William Danby, the Coroner of the Queens houshold. Geplant war die Erhängung von John Penry schon zwei Tage davor, aber Willam Danby hat sie auf den 1. Juni verlegt. Weil er erst an diesem Tag die Leiche für das andere Begräbnis gebraucht hat.




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Dokument erstellt am 2016-04-22 14:35:06
Letzte ─nderung am 2016-04-23 17:44:26



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