• vom 16.05.2016, 16:58 Uhr

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Update: 16.05.2016, 17:08 Uhr

Emily Bronte

Seelenbilder in Dunkelschwarz




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Von Edwin Baumgartner

  • Emily Brontë legte in "Wuthering Heights" den düstersten Roman des 19. Jahrhunderts vor - eben erschien eine Neuübersetzung.

Die Hochmoore von Yorkshire sind der Schauplatz von Emily Bront s düsterem Roman "Wuthering Heights". Terry Roberts/getty images

Die Hochmoore von Yorkshire sind der Schauplatz von Emily Bront s düsterem Roman "Wuthering Heights". Terry Roberts/getty images



Krypto-Literaturologen könnten auf die Idee kommen, Jane Austen habe ihren Tod inszeniert, weil sie nicht mehr Gesellschaftsromane plaudern, sondern der Horrorliteratur schreiben wollte. Altersmäßig ginge es sich aus. Wenn die Austen als Emily Brontë weitergelebt hätte, wäre sie bei ihrem Tod am 19. Dezember 1848 73 Jahre alt gewesen. Das Szenarium entspräche jenem bei Marlowe und Shakespeare. Vielleicht müsste man solche Identitätswechsel als englische Krankheit der besonderen Art betrachten. Doch im Fall der beiden englischen Schriftstellerinnen sind die schriftlichen Zeugnisse zu eindeutig für solche Spekulationen.

Vielleicht hilft die Esoterik. Wie wäre es mit einer wandernden Seele? Als Jane Austen am 18. Juli 1817 die ihre aushaucht, fühlt sich diese weiterhin dem Diesseits verhaftet. Nach knapp einem Jahr des Wartens reinkarniert sie sich am 30. Juli 1818 als Emily Brontë. Nachdem sie jedoch in ihrer früheren Existenz so viel über die strahlenden und amüsanten Seiten der Liebe berichtet hat, will sie jetzt nur noch von den dunklen künden.


Verschwörungstheorie beiseite, Esoterik entsorgt, zu den Tatsachen - und doch ist etwas dran. Einen einzigen Roman nämlich schreibt Emily Brontë in ihrem gerade einmal 30 Jahre dauernden Leben, und der nimmt sich wirklich aus, als habe die Autorin Jane Austens Welt in Düstergrau und Dunkelschwarz nachgezeichnet. Die Liebe ist etwas Böses geworden, sie ist von Besessenheit und Wahnsinn nicht mehr zu unterscheiden. Bei der Austen fühlt sich der Leser eingehüllt in den Duft der Gärten, bei der Brontëfröstelt er im Wind, der unter niedrig hängendem Himmel über das Hochmoor Yorkshires bläst. Allein Andeutungen des Inhalts lassen schaudern. Heathcliff, der Mann ohne Nachnamen: Irrsinnige Liebe hält kettet diesen Rachedämon in Fleisch und Blut an die seelenverwandte und doch unerreichbare Frau. Auch nach ihrem Tod.

"Wuthering Heights" wird auf Deutsch meist mit "Stürmische Höhe" oder "Sturmhöhe" wiedergegeben. Der deutschen Sprache fehlt ein Äquivalent für "wuthering": "Windig" ist zu schwach, "umbraust" zu prätentiös, zu literarisch für den Dialektausdruck.

Der erste Übersetzer ins Deutsche, namentlich ungenannt, verstand das. So wählte er 1850 die Verlegenheitslösung "Wutheringhöhe". Es folgte keine weitere Übersetzung bis an den Beginn des 20. Jahrhunderts. Dann kommt, das sagt viel aus über die Modernität des Romans, eine nach der anderen. Die zwölfte und mit Abstand beste legte soeben Wolfgang Schlüter vor.

Männliche Pseudonyme
Diese gleichgültige Aufnahme im 19. Jahrhundert ist nicht nur der Biederkeit anzulasten, die sich überall, wo deutsch gesprochen wurde, in jenen Tagen in Gartenlauben zu Ritterromantik und bürgerlicher Betulichkeit niedergelassen hat oder eben beginnt, soziale Missstände zu schildern: Auch im englischsprachigen Raum war der wüste Roman der Emily Brontë kein großer Erfolg.

1847 brachte ihn der Verleger Thomas Cautley Newby zusammen mit "Agnes Grey" von Emilys Schwester Anne heraus. Ihre richtigen Namen verschwiegen beide zugunsten männlicher Pseudonyme: Emily nannte sich Ellis Bell, Anne wählte Acton Bell. Auch die dritte Schwester im schreibenden Bund, Charlotte Brontë, veröffentlichte unter dem Namen Bell, sie als Currer. Die Anfangsbuchstaben der angenommenen Vornamen stehen für jene der Realnamen.

Dass Schriftstellerinnen männliche Pseudonyme wählten, war nichts Außergewöhnliches. Im Frühviktorianismus traute man Frauen zu, elegante Gesellschaftsromane zu schreiben, nicht aber, in die düsteren Winkel des Lebens und der Seele zu schauen. Auch eine andere große Frau, die damals die englische Literatur aufmischte, fühlte sich genötigt, ein männliches Pseudonym zu verwenden: Mary Anne Evans schrieb ihre sozialkritischen Werke unter dem Namen George Eliot.

Wobei es auffällt, dass es gerade vier Frauen waren, die der englischen Literatur die männliche Behaglichkeit austrieben. Keine ging indessen weiter als Emily Brontë, die sich auch nach heutigem Stand als moderne Autorin liest. Sie war ihrer Zeit weit voraus: in der Architektur des Romans, in der Psychologie, im Mut zu unsympathischen Protagonisten und, nicht zuletzt, sondern vor allem sogar, in der Sprache. Das konnte kein Erfolg werden.

Obwohl der Roman keineswegs auf die breite Ablehnung stieß, die später behauptet wurde. Immerhin erfolgt schon 1850 eine Neuausgabe. Zu ihr steuert Charlotte Brontë "Biographical Notes of Ellis and Acton Bell" bei, die zu einer Verzerrung des Bildes von Emily führen. Charlotte versucht aus taktischen Gründen, die widerborstige Schwester als naives Naturkind in die Gesellschaft des Viktorianismus einzupassen: Sie habe nicht gewusst, was sie tat, als sie "Wuthering Heights" schrieb.

Das Gegenteil ist richtig. Die hochgebildete Emily Brontë, die, nach einem Studium an der Schule der Madame Heger in Brüssel, fließend Französisch sprach und aus dem Altgriechischen und Lateinischen übersetzte, nahm ihre Umgebung vor allem mit ihrer brillanten Intelligenz für sich ein.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-05-16 17:02:06
Letzte ńnderung am 2016-05-16 17:08:05



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