• vom 22.07.2016, 18:00 Uhr

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Von Oliver Lehmann

  • Beiläufig und zutiefst menschlich - so war Péter Esterházy, so ist seine Literatur. Eine persönliche Erinnerung an den verstorbenen Schriftsteller.

Freundlichkeit im Kostüm der Höflichkeit: Péter Esterházy (1950-2016).

Freundlichkeit im Kostüm der Höflichkeit: Péter Esterházy (1950-2016).© F. Sandberg/TT News Agency Freundlichkeit im Kostüm der Höflichkeit: Péter Esterházy (1950-2016).© F. Sandberg/TT News Agency

Die Frage nach einem Leitmotiv in einem derart opulenten Werk wie jenem Péter Esterházys ist absurd. Aber wenn es so etwas wie ein Lebensthema von Esterházy gab, dann war es die immer wieder erneuerte Selbstbefragung nach dem Verhältnis zwischen dem Individuum und der Gesellschaft. Nicht dass dieses Thema - sagen wir seit Perikles - sonderlich neu wäre. Aber es war Péter Esterházy vorbehalten, darauf eine Antwort anzubieten, wie dieses Verhältnis zu praktizieren sei, die verblüffend naiv scheint, jedoch - von ihm praktiziert - äußerst effektiv und erkenntnisreich war: die Freundlichkeit im Kostüm der Höflichkeit.

Diese prinzipielle Höflichkeit, selbst und gerade auch in den widrigsten Umständen, hatte mindestens zweierlei zur Folge: Erstens erwehrte sich Péter Esterházy damit diesen Umständen und ihren Verursachern, indem er sie letztlich nicht Besitz nehmen ließ von seiner Person. Und zweitens beraubte seine Höflichkeit die Umstände und ihre Verursacher ihrer selbst zugemessenen Bedeutung und enthüllte sie als das, was sie war, nämlich als Wichtigtuerei. Diese prinzipielle Höflichkeit stand also nicht im Widerspruch zu seinem exakten Urteilsvermögen und seiner unbezweifelbaren Haltung, die er an den Tag und die Öffentlichkeit legte, sobald Grundsätze europäischer Zivilisiertheit in Frage gestellt wurden. Ein Trottel bleibt ein Trottel, auch wenn man ihm höflich begegnet.

Information

Oliver Lehmann ist Vorsitzender des Klubs der Bildung- und WissenschaftsjournalistInnen, Organisator des Wiener Balls der Wissenschaften und Head of Stakeholder Relations am IST Austria.


Höfliche Präsenz
Mit dieser Höflichkeit begegnete er auch der wohlmeinenden Vereinnahmung. Gefragt, ob er sich anlässlich seiner Rede zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 1999 mit Ungarn als Gastland als Repräsentant seines Heimatlandes verstehe, hielt Esterházy fest: "Es interessiert mich nicht. Nicht weil ich bescheiden wäre, sondern weil mich die Arbeit am Schreibtisch vor derart große Probleme stellt, dass ich ausschließlich damit befasst bin. Wenn mich die Arbeit auffrisst, wird es völlig uninteressant, ob ich repräsentativ bin."

Seine Höflichkeit hatte aber auch eine andere, mindestens so wichtige Aufgabe. Sie ermöglichte es ihm, Menschen kennenzulernen - und damit die Geschichten, die eigentlich die Menschen ausmachen. Seine Präsenz dabei war ausschlaggebend für das Gelingen einer solchen Geschichte. Eine kleine Anmerkung, ein erstaunter Geschichtsausdruck, eine verblüffte und ungläubige Verneinung, die er sogleich wieder mit der Bitte um Ausführung austarierte ("Nein, wirklich?"), reichten aus, um in seinem Vis-à-vis die feinsten Geschichten zu heben, das absonderlichste Gerücht preis zu geben, auch die doofsten Kalauer für einen Moment lang auszulüften. Man kann das leicht als Spaß am Tratsch abtun, doch das war es nicht.

Péter Esterházy konnte (bei aller Höflichkeit) unwirsch auf mitteleuropäische und donaumonarchistische Anspielungen seiner Person reagieren. Aber die Anfertigung eines Geschichtengeflechts an einem unter spontanen Umständen geglückten Nachmittag im Kaffeehaus ist einfach eine sehr mitteleuropäische Angelegenheit, die sich in Kenntnis aller Klischees eben am Besten als "Schmähführen" beschreiben lässt. Eine zentrale Qualität des Schmähführens ist die Beiläufigkeit.

Einleitende Personenbeschreibungen, ausführende Handlungsstränge und abschließende Pointen müssen mit Natürlichkeit und der daraus sich ergebenden Eleganz ausgeführt werden, gerne verziert durch eine Andeutung, vertieft durch eine Ausschweifung und veredelt durch ein Wortspiel. Aufgesetzter Humor, aufdringliche Zuspitzungen und zwingende Schlussfolgerungen verbieten sich also von selbst. In Wahrheit (dazu später mehr) bildet die Beiläufigkeit die Funktionsweise des menschlichen Denkens mit ihren Inspirationen und Assoziationen sehr viel lebhafter ab als jede noch so präzise Schilderung mit dem Charme einer Handlungsanleitung. In diesem Sinne war die Literatur von Péter Esterházy beiläufig, also zutiefst menschlich.

Eine weitere Eigenschaft des Schmähführens ist die Unmöglichkeit der angemessenen Reproduktion. Deswegen verzichte ich auf die entsprechenden Beispiele und schildere hier nur meine erste und meine letzte Begegnung mit Péter Esterházy. Dazwischen liegen 27 Jahre.

Im Juni 1989 nahm ich mit einer Kollegin an einer Konferenz der US-amerikanischen Wheatland Foundation in Budapest teil. Schriftstellerinnen und Verleger aus Ost und West diskutierten das Thema "Mitteleuropa", was vom Korrespondenten der "New York Times" fest verspottet wurde: Der Begriff beschreibe "an informal federation of losers, of nations or individuals who have been deprived of autonomy or sense of importance, condemned to live on memories" (Kamm, 1989).

Esterházy repräsentierte (ob er wollte oder nicht, und er wollte nicht) gemeinsam mit Péter Nádas jene damals jüngere Genera-tion ungarischer Schriftsteller, die sich jeder Vereinnahmung verweigerten, indem sie auf ihren Wahrnehmungen und Äußerungen als Individuen beharrten. Während Esterházy and Nádas auf dem Burgberg von Buda auf ihrer Individualität bestanden, wurden drüben in Pest die fünf Helden des Aufstands von 1956 mit einem Staatsakt gewürdigt und deren Särge in Ehrengräbern beigesetzt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-07-22 15:29:11
Letzte ńnderung am 2016-07-22 15:43:45



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