• vom 13.08.2016, 11:00 Uhr

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Update: 15.08.2016, 04:05 Uhr

Berliner Mauer

Zickzacklinie durch Berlin




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Von Michael Rohrwasser

  • Vor 55 Jahren wurde die Berliner Mauer errichtet. Eine Spurensuche in der deutschen Literatur.

Die Westseite der Mauer war in späteren Jahren bunt bemalt und dekoriert. - © Getty Images

Die Westseite der Mauer war in späteren Jahren bunt bemalt und dekoriert. © Getty Images



Berlin 1989: Viele Menschen beschaffen sich ein Stück Mauer.

Berlin 1989: Viele Menschen beschaffen sich ein Stück Mauer.© Superinkonoskop/Wikimedia Commons Berlin 1989: Viele Menschen beschaffen sich ein Stück Mauer.© Superinkonoskop/Wikimedia Commons

"Was würde geschehen, wenn Italien geteilt wäre und eine Mauer mitten durch Rom gebaut würde? Vermutlich würden die Leute sie einfach wegklauen, Stein um Stein, um sie zum Häuserbauen oder für Pizza-Öfen zu verwenden", schrieb der Regisseur Werner Herzog 1982, im Blick auf die scheinbar unzerstörbare deutsche Mauer, die einfach nicht verschwinden wollte.

Information

Michael Rohrwasser, geboren 1949, ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Wien.

Als sie im August 1961 errichtet wurde, war das Entsetzen groß und der Aufschrei laut, denn mit ihr verbunden war von Anfang an der Schießbefehl, der für die DDR-Grenzsoldaten festlegte, dass auf jeden, der sich daran machte, die Mauer zu übersteigen, um in den Westen zu gelangen, das Feuer eröffnet werden musste.

Aber die Empörung wurde schnell zur Routine, und bald schien sich die Mauer erstaunlich gut in den Gefühlshaushalt der Deutschen zu fügen, sie schützte die eine Seite vor der andern, sie konservierte das doppelte Entlastungssystem, mit dem die Deutschen sich nach 1949 eingerichtet hatten: im Westen die böse kapitalistische Welt, das eigentliche Erbe des Nationalsozialismus (so sah es der Osten), im Osten das totalitäre System, das schon wieder die Jugend in Uniformen steckte, das eigentliche Erbe des Nationalsozialismus (so sah es der Westen). In West und Ost kursierten Weißbücher, die aufzählten, welche Nazis im Dienst des je anderen Systems noch tätig waren, und die meisten Namen stimmten. Im Wiener "Tagebuch" schrieb Bruno Frei Klartext:

"Die Sicherungsmaßnahmen der Regierung der DDR vom 13. August 1961 haben deshalb ein so hysterisches Geschrei ausgelöst, weil nun das gefährliche Spiel ausgespielt ist. Mit der Kontrolle über die Sektorengrenzen ist den Brandstiftern die Fackel aus der Hand geschlagen. Das ist eine Friedenstat" (Heft 10, 1961). Entsprechend hieß die Mauer im staatsoffiziellen Sprachgebrauch "antiimperialistischer" oder "antifaschistischer Schutzwall".

Ein markanter Streit

In der Literatur hat die deutsche Mauer erstaunlich wenig Spuren hinterlassen, über die Gründe wäre nachzudenken. Am Anfang steht ein gespenstischer Streit, der viel über die Bereitschaft zum Missverstehen verrät. Erstaunlich ist der nüchterne Ton, mit dem Uwe Johnson ein paar Monate nach dem Mauerbau sich darüber äußert, weniger erstaunlich, dass seine Schilderung bei Hermann Kesten auf Unverständnis stößt.

Der Bau der Berliner Mauer begann 1961 mit der Errichtung eines Zauns.

Der Bau der Berliner Mauer begann 1961 mit der Errichtung eines Zauns.© Jürgen Schadeberg/Getty Images Der Bau der Berliner Mauer begann 1961 mit der Errichtung eines Zauns.© Jürgen Schadeberg/Getty Images

Hermann Kesten, einer der großen Autoren und Literaturmanager der Weimarer Republik, wurde 1900 im polnischen Podwoloczysky geboren, in der heutigen Ukraine. Auch nach 1945 gab er gern als Geburtsort Nürnberg an, wo er später wohnte - ein Zeichen, dass es auch in den Nachkriegsjahren nicht vorteilhaft war, die (ost-)jüdische Herkunft herauszustreichen.

Kesten, der aus dem Exil nicht nach Deutschland zurückgekehrt war, sondern sich in Rom niedergelassen hatte, war ein streitbarer Literat, der sich gerne mit ostdeutschen Kollegen anlegte und überhaupt mit "Panegyrikern der mörderischen Diktatoren Hitler und Stalin". Dann aber kam es zum überraschenden Krach mit einem jungen Suhrkamp-Autor, der 1959 aus der DDR nach Westberlin übergesiedelt war, nämlich Uwe Johnson. Am 11. November 1961 hatten sich die beiden auf einer Diskussionsveranstaltung in Mailand zum ersten Mal getroffen. Die Veranstaltung war von dem linken Verleger Giangiacomo Feltrinelli initiiert worden, um Johnson dem italienischen Publikum vorzustellen. Kesten hielt die Einleitungsrede und wurde ausgebuht, weil er Bertolt Brecht einen Diener ("servitore") der Diktatur nannte; Feltrinelli, der in seinem Verlag auch Brecht verlegte, intervenierte: "Das ist unverschämt, so darf man nicht reden, wir alle wollen dies nicht länger anhören!" Danach kam es zu einem hitzigen Streitgespräch, das aber mit einer versöhnlichen Einladung Kestens an Johnson nach Rom endete.

Das mediale Echo

Doch am 25. November erschien in der Zeitung "Die Welt" ein Artikel von Kesten, in dem er zusammenfasst, Uwe Johnson habe in Mailand gesprochen, "als wäre er Ulbricht". Kesten schrieb: "Uwe Johnson erklärte nachdrücklich, seine Romane seien völlig unpolitisch. Er sprach mit Verachtung von Moral. Übrigens sei die Mauer quer durch Berlin (Ulbrichts Mauer) keineswegs unmoralisch. Die Mauer sei notwendig gewesen. Drei bis vier Millionen seien aus dem Osten in den Westen geflohen, darunter unerlässlich notwendige Elemente. Das konnte die Deutsche Demokratische Repu-blik nicht mehr dulden. Also muss sie die Mauer bauen, und das sei gut, vernünftig und sittlich".

Feltrinelli schrieb daraufhin an Kesten, er müsse Johnson völlig missverstanden haben, dessen Äußerungen seien verdreht worden, und kurz darauf erschien eine Richtigstellung im Wochenblatt "Der Spiegel", dem inzwischen das Tonband der Veranstaltung vorlag. "Die Zeit" sprach von einem Rufmordversuch Kestens an Johnson; dagegen polemisierte "Die Welt" weiter gegen vermeintliche "Ressentiments" und "Mutmaßungen über die Presse"; und Kesten bezweifelte lautstark die Authentizität des "Spiegel"-Tonbands. Heinrich von Brentano, der amtierende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion (und ehemaliger Außenminister unter Adenauer), verlangte am 6. Dezember 1961 vor dem Bundestag die Aberkennung des Villa-Massimo-Stipendiums für Uwe Johnson. Die Empörung in der westdeutschen Presse war enorm.


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Dokument erstellt am 2016-08-12 14:53:17
Letzte ─nderung am 2016-08-15 04:05:37



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