• vom 01.09.2016, 16:10 Uhr

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Update: 01.09.2016, 16:29 Uhr

Folding Beijing

Chinesisch gefaltete Realität




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Von Wolfgang Liu Kuhn

  • Mit ihrer Sci-Fi-Erzählung "Folding Beijing" wies die 32-jährige Hao Jingfang Altmeister Stephen King in die Schranken - und wirft einen so dystopischen wie zutreffenden Blick auf ihre Heimat.

Hao Jingfang: "Die Struktur der Welt, so unfair und ungerecht wie sie ist". Videostill: YouTube/Beijing Flash Info

Hao Jingfang: "Die Struktur der Welt, so unfair und ungerecht wie sie ist". Videostill: YouTube/Beijing Flash Info

Fast wirkt Hao Jingfang selbst wie eine Über-Figur aus einem ihrer Science-Fiction-Romane: Die 32-jährige Chinesin ist eine Frau mit fast zu vielen Talenten, sie selbst sieht ihre preisgekrönten literarischen Arbeiten eher als Zeitvertreib an.

Geboren in Pekings Nachbarstadt Tianjin, promovierte sie zunächst in Wirtschaftswissenschaften an der Tsinghua-Universität - jener Bildungseinrichtung, die der Elite des Landes vorbehalten ist. Nach einem Bachelor-Abschluss in Physik verbrachte sie drei Jahre am Zentrum für Astrophysik. Ihr schriftstellerisches Talent bewies sie bereits in jungen Jahren, als sie 2002 im Alter von 18 Jahren die vierte chinesische "New Concept Writing Competition" gewann. Nun also wieder ein Preis: Mit "Folding Beijing", also "Faltbares Peking", gewann sie jüngst den Hugo Award in der Kategorie Erzählung - quasi den Oscar im Bereich der Science-Fiction-
Literatur. Damit wies sie auch prominente Mitbewerber wie Stephen King in die Schranken.


Drei Welten, drei Klassen
Ihre Kurzgeschichte über ein faltbares Peking, das in einem 48-Stunden-Rhythmus über die Erdoberfläche rotiert, ist dabei ebenso kühn wie verblüffend realitätsnah: In der Stadt existieren drei Welten nebeneinander, drei soziale Klassen, die voneinander abgekapselt sind und nicht in Berührung kommen. In einer lebt eine ebenso unsichtbare wie unnahbare Machtelite, in der zweiten eine bequeme Mittelschicht, die sich arrangiert hat, und in der dritten ein zusammengepferchtes Proletariat von 50 Millionen Menschen. Jede Klasse ist zu unterschiedlichen Tageszeiten wach, wobei die Arbeiterklasse nur acht Stunden in der Nacht aktiv sein darf, wodurch die drei Schichten sowohl räumlich als auch zeitlich voneinander getrennt sind: "Wir denken, dass Zeit der einzige Faktor ist, der uns alle eint. Wenn selbst die Zeit zwischen den sozialen Klassen aufgeteilt wird, ist die Ungleichheit komplett", kommentiert Hao ihren literarischen Kniff. Protagonist ihrer Geschichte ist ein Müllarbeiter, der für die Erziehung seiner Adoptivtochter mehr Geld braucht. Also sendet er unerlaubte Liebesbriefe zwischen Angehörigen der Ober- und Mittelschicht hin und her - ein gefährliches Geschäft.

Hao Jingfang brachte die Geschichte 2012 innerhalb von drei Tagen zu Papier, nachdem sie sich mit einem Taxifahrer unterhalten hatte, der keinen Kindergarten für sein Kind fand - da er selber kein registrierter Bürger der Hauptstadt war, musste er nächtelang in Schlangen stehen, um doch einen Platz an einer Schule zu ergattern. "Die Struktur der Welt, so unfair und ungerecht wie sie ist - die Perspektive wollte ich in meiner Geschichte zeigen", kommentierte Hao ihre Erzählung. In dieser leben die Menschen vor sich hin und nehmen ihre Welt so, wie sie ist - an politische Rebellion denken sie dabei nicht. "Das ist für mich ein zu großes Klischee", winkt Hao ab, wohlwissend, dass in China auch die Freiräume der Science Fiction nicht unbegrenzt sind - selbst wenn ihr das parabelhafte Erzählen Freiheiten schenkt, die in ihrer exakten Realitätsbeobachtung erstaunlich sind.

Überhaupt erfreut sich Science Fiction in Zeiten einer verschärften Zensur zunehmender Beliebtheit im Reich der Mitte. Schon im letzten Jahr gewann mit Liu Cixin ein Chinese den Hugo Award. Die Trilogie "Drei Sonnen" des ehemaligen Kraftwerksingenieurs wird derzeit gerade verfilmt und befeuerte ein Genre, das nicht zufällig gerade in China boomt: Übermorgen-Städte wie Shanghai oder Peking erinnern schon optisch ein wenig an "Blade Runner", viele Probleme, die in der einschlägigen Literatur beschrieben werden, sind dort längst Realität. Der massenhafte Gebrauch von Kommunikationsapps wie WeChat wirkt mitunter wie eine Wirklichkeit gewordene Cyberpunk-Fantasie.

Treffend erklärt Hao Jingfang daher auf der Preisverleihung: "Ich lote in ‚Folding Beijing‘ die Möglichkeiten für die Zukunft aus und welchen Herausforderungen wir begegnen müssen, etwa der automatisierten Produktion, dem technischen Fortschritt, der Arbeitslosigkeit und der wirtschaftlichen Stagnation." Was mehr nach "Science" denn nach "Fiction" klingt.




Schlagwörter

Folding Beijing, Hao Jingfang

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-09-01 16:14:05
Letzte nderung am 2016-09-01 16:29:05



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