• vom 10.09.2016, 10:00 Uhr

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Ein königlicher Fragensteller




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Von Peter Jungwirth

  • Der argentinische Schriftsteller Alberto Manguel fasziniert mit einer "Geschichte der Neugierde": Ein Kompendium eleganter Essays, aber auch eine faustische Expedition.



Alberto Manguel: Kosmopolit, Universalgelehrter, Bibliotheksdirektor.

Alberto Manguel: Kosmopolit, Universalgelehrter, Bibliotheksdirektor.© Ulf Andersen/Getty Images Alberto Manguel: Kosmopolit, Universalgelehrter, Bibliotheksdirektor.© Ulf Andersen/Getty Images

Warum hatte der Biss in den Apfel so weitreichende Konsequenzen? Wie könnte die Rückkehr ins Paradies gelingen? Welche Sprache wird dort gesprochen? Und warum wird der Name "Dante" in den 100 Gesängen der "Göttlichen Komödie" nur einmal genannt? Weshalb gerade in Vers 55? Aus Zufall? Oder aus Notwendigkeit? Wie argumentieren wir? Und was ist Wahrheit? Zuletzt noch eine andere Frage: Wen könnte man, nachdem Umberto Eco, der letzte weltberühmte Universalgelehrte, bereits gestorben ist, all das fragen?

Alberto Manguel, zum Beispiel. Der ist Experte für derlei große Fragen, die, so zugespitzt, in der säkularen westlichen Welt anachronistisch anmuten. Vielleicht, seine "Geschichte der Neugierde" lässt dies vermuten, sogar derzeit der führende Experte. Allerdings muss man sich bei ihm etwas in Geduld üben. Denn, so teilt er Neugierigen mit, "wie jeder erfahrene Fragesteller weiß, gleicht eine vorschnelle Antwort eher einer Zurückweisung des Gesprächspartners, während Nachfragen verbindet. Durch unsere Neugierde erklären wir unsere Verbundenheit mit der Menschheit."



Raffinierte Enzyklopädie

Die Geduld lohnt sich. Man wird von Manguel ebenso märchenhaft wie geistreich beschenkt. Die "Geschichte der Neugierde" ist einerseits ein Kompendium eleganter Essays, andererseits, ähnlich wie Dantes "Commedia", eine raffinierte Enzyklopädie. Nur finden sich darin nicht bloß archaische, biblische und mittelalterliche Gedanken, Figuren und Geschichten, sondern auch darauf folgende und zeitgenössische. Das Register reicht also von Adam und Eva über Aristoteles und Augustinus bis hin zu Zenon und den Zyklopen; es umfasst aber auch Joseph Brodsky, Marina Zwetajewa und den Roboter Curiosity, der 2012 auf dem Mars gelandet ist.

Information

Alberto Manguel

Eine Geschichte der Neugierde Aus dem Englischen von Achim Stanislawski.

S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2016, 527 Seiten, 25,70 Euro.

Und wenn auch, notgedrungen, nicht alle in diesem Buch Platz finden, so treten doch fast alle je von Göttern gezeugten oder aus dem menschlichen Leib oder Geist geborenen Geschöpfe von Rang auf. Und mehr noch: Auch St. Guignefort ist an Bord, ein Hund, der im 13. Jahrhundert ein Kind gerettet hatte, trotzdem verkannt und erschlagen, am Ende aber rehabilitiert und verehrt wurde.

Mit dabei, als Steuermann und in die Zukunft reisender Passagier, ist auch der Autor selbst, der anhand seiner Lebenserinnerungen durch seine faszinierend doppelbödige "Geschichte der Neugierde" navigiert. Wer aber ist Alberto Manguel, der zwischen Argonauten und Astronauten phantastische erzählerische Purzelbäume schlägt?

Auf dem Klappentext des Buches finden sich unter anderem folgende Daten: 1948 in Buenos Aires geboren, in Israel und Argentinien aufgewachsen, kanadischer Staatsbürger, war in Buenos Aires, Paris, Mailand, London und Toronto als Verlagslektor, Literaturdozent und Übersetzer tätig, sein Bestseller "Eine Geschichte des Lesens" wurde in alle Weltsprachen übersetzt. Eine biographische Skizze wäre damit fertig - Kosmopolit von Geburt an, zum Bildungsbürger herangewachsen, gereift zum internationalen Erfolgsautor -, und sie könnte mit leicht verfügbaren Informationen zu einem farbigen Bild vervollständigt werden: die private Bi-bliothek, in der sich 30.000 Bücher befinden; das alte Pfarrhaus in der kleinen Landgemeinde, in dem er mit seinem Partner, einem Psychoanalytiker, wohnt; der Garten, in dem Rosen wachsen.

Rosen? An diesem Punkt sollte man innehalten. Geht hier die Neugierde zu weit? Oder hat Sherlock Holmes recht, wenn er meint, dass sich aus jedem Detail, auch aus den scheinbar nebensächlichen, Vermutungen ableiten lassen? Manguel, der Conan Doyle schätzt, würde wohl Holmes zustimmen - und aus den Rosen in seinem Garten könnte man die Vermutung ableiten, das erste Zitat in "Eine Geschichte der Neugierde" - es stammt von Gertrude Stein - könnte davon inspiriert sein. Aber diese, auf der berühmten Zeile "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" aufbauende Hypothese könnte auch falsch sein: trügerisch wie das Bild, das man sich von einem Menschen macht. Denn menschliche Charaktere sind immer vielschichtig, verschlungen, schwer durchschaubar - und besonders Letzteres gilt, wie Manguel immer wieder betont, auch für den eigenen Charakter.

Vorleser von Borges

Wollte man dennoch nach dem einen zufälligen Ereignis im Leben Alberto Manguels suchen, welches verständlich macht, warum er Literatur und Philosophie studiert und Bücher mit Titeln wie "Tagebuch eines Lesers", "Eine Stadt aus Worten" und "Die Bi- bliothek bei Nacht" geschrieben hat, dann käme man wohl an jenem Moment nicht vorbei, in dem Jorge Luis Borges den Buchladen betrat, in dem Manguel nach der Schule aushalf. Manguel wurde bald darauf Vorleser von Borges, also jenes weltberühmten, fast blinden Autors, dessen Name mit seinem Buch "Die Bibliothek von Babel" untrennbar verbunden ist. Jenes Mannes auch, auf den Umberto Eco in seinem Roman "Der Name der Rose" angespielt hat.

Welche Menschen ihn wann, wo und wie inspiriert haben, lässt sich in Manguels "Geschichte der Neugierde" erhellend nachlesen. Und auch welche Bücher: "Viele Jahre lang waren es die ,Essais‘ von Montaigne, dann ,Alice im Wunderland‘, Borges’ ,Fiktionen‘, der ,Don Quijote‘, ,Tausendundeine Nacht‘ und ,Der Zauberberg‘
(. . .) Jetzt, in meinem etwas fortgeschrittenen Alter, ist für mich die ,Commedia‘ von Dante das Buch, das einfach alles zu beinhalten scheint."


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-09-08 17:32:08
Letzte nderung am 2016-09-08 17:54:30



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