• vom 13.10.2016, 17:06 Uhr

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Update: 13.10.2016, 17:14 Uhr

Nachruf

Der letzte Harlekin Italiens




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Von Edwin Baumgartner

  • Literaturnobelpreisträger Dario Fo ist im Alter von 90 Jahren in Mailand gestorben.



Mailand. Dass Dario Fo genau an dem Tag starb, an dem der Träger des Literaturnobelpreises bekanntgegeben wurde, wirkt wie eine tragische Komödie der Literaturgeschichte. Denn außerhalb Italiens war der am 24. März 1926 in Sangiano geborene Autor, Schauspieler und Politiker nahezu ausschließlich durch die überraschende Entscheidung der Schwedischen Akademie bekannt, ihm im Jahr 1997 den Literaturnobelpreis zuzuerkennen. In Italien freilich kann es gut sein, dass die Nachrufe in den Medien weit breiteren Raum einnehmen als die Meldung, wer der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2016 ist. Die Popularität Dario Fos in seiner Heimat war bis zuletzt ungebrochen.

Vielleicht war es so auch, weil man über seine Biografie den Titel "ein italienisches Leben" setzen könnte - ein italienisches Leben, wie man für diese Generation als Idealbild ansieht. Fo kommt aus kleinen Verhältnissen, der Vater ist Bahnhofsvorsteher und Amateurschauspieler. Während des Zweiten Weltkriegs sind die meisten Familienmitglieder im Widerstand, Dario Fo selbst wird gegen seinen Willen durch die Truppen des faschistischen Satellitenstaates Salò rekrutiert, doch er schafft es, sauber zu bleiben.


Das Theater als Lebenszentrum
Nach Kriegsende studiert er in Mailand Kunst und Architektur. Gleichzeitig beginnt er, sich in der "Piccoli teatri"-Bewegung zu engagieren. Auf Ausstattung musste man verzichten, nicht aber auf den Zuspruch des Publikums: Das "arme Theater" war ein Theater für alle, nicht nur für die Wohlhabenden. Man war nahe am Menschen, betrachtete Theater als Form der Kommunikation. Fo präsentierte improvisierte Ein-Personen-Stücke. 1950 unterschrieb er im Theaterensemble Franco Parentis einen festen Vertrag und gab seinen Job als Architekt auf.

Dann wird die RAI auf ihn aufmerksam. In ihrem Auftrag entwirft Fo 18 satirische Monologe, in denen er biblische Themen politisch interpretiert. Die Kirche zürnt und ruft nach Zensur. Doch das freigeistige Italien, zu dem auch viele Katholiken gehören, steht auf Fos Seite.

1954 heiratet er die Schauspielerin Francesca Rame. Ihren Lebensunterhalt verdient das Ehepaar mit der Arbeit am Piccolo Teatro di Milano, später für das Teatro Stabile in Bozen, außerdem schreibt Fo Filmdrehbücher. 1959 gründet er in Mailand ein eigenes Ensemble.

Nur ein Clown?
Wiederholt nützt er das "versteckte Theater", das nicht im Theater stattfindet, sondern Situationen in der Öffentlichkeit durchspielt, etwa an Bushaltestellen oder in Supermärkten, ohne den Passanten klarzumachen, dass es sich um Theater handelt. Mehrfach wird er verhaftet. Doch gerade mit seiner frischen Subversivität gewinnt er die Menschen. Bald gilt er als letzter Vertreter der großen Commedia-dell’arte-Tradition mit all ihrer Poesie, aber auch mit all ihrem geschärften Witz.

Das Stück "Erzengel spielen nicht am Flipper" (1960) macht Fo international bekannt. Er arbeitet weiterhin am Theater als Autor und Regisseur und nimmt auch Aufträge für das Fernsehen an, die ihm, etwa durch die Serie "Canzonissima", zu großer Popularität verhelfen.

Vom ersten Moment an ist Fo ein Gegner Silvio Berlusconis, und Fo meint, sich nun auch als Politiker auf der Seite des besseren Italiens engagieren zu müssen. 2006 kandidiert er in einem Mitte-links-Bündnis bei der Bürgermeisterwahl in Mailand. Er verliert zwar bei den Vorwahlen, doch 23,4 Prozent der Stimmen sind ein stolzes Ergebnis für den Autor. Danach wird Fo zu einem der prominentesten Mitglieder in Beppe Grillos Protestbewegung MoVimento 5 Stelle.

Fo war einer jener Autoren, der Satire benützte, um Macht zu demaskieren. Die Satire betrachtete er als "das schlechte Gewissen der Macht". "Die Macht, und zwar jede Macht, fürchtet nichts mehr als das Lachen, das Lächeln und den Spott", sagte er in seiner Nobelpreisrede. Er selbst bezeichnete sich schlicht als Clown - doch vielleicht war er Italiens letzter großer Volkskünstler.




Schlagwörter

Nachruf, Dario Fo

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Dokument erstellt am 2016-10-13 17:11:11
Letzte Änderung am 2016-10-13 17:14:04



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