• vom 15.10.2016, 15:30 Uhr

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Von Hermann Schlösser

  • Eine neue Gesamtausgabe erschließt das publizierte Werk Robert Musils ebenso wie seinen umfangreichen Nachlass. Und Leopold Federmair verortet Musil im digitalen Zeitalter.



Musil zeitgemäß: Grafitto von Jef Aerosol am Robert Musil Museum in Klagenfurt.

Musil zeitgemäß: Grafitto von Jef Aerosol am Robert Musil Museum in Klagenfurt.© Neithan 90/ Wikimedia Commons Musil zeitgemäß: Grafitto von Jef Aerosol am Robert Musil Museum in Klagenfurt.© Neithan 90/ Wikimedia Commons

Robert Musil hatte ein sicheres Gespür für wirkungsvolle Titel: "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" - so wird schon sehr viel angekündigt, ohne dass irgendetwas ausdrücklich gesagt werden müsste. "Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer" - da stellt man sich gleich eine ironisch-satirische Gesellschaftskomödie vor (obwohl das Drama, das diesen Titel trägt, letztlich doch etwas mehr sein wollte als bloß lustig). "Über die Dummheit" - so schnörkellos und provokant betitelte Musil eine seiner Reden, wenngleich er über deren Thema aus eigenem Erleben kaum etwas wissen konnte. Der Satz "Dummheit ist nicht meine Stärke", mit dem Paul Valéry seinen "Mon- sieur Teste" im gleichnamigen Roman auftreten lässt, gilt auch für Valérys Geistesverwandten Musil.

Was immer Musils Grenzen und Schwächen gewesen sein mögen - dumm war dieser Autor ganz gewiss nie. Mit guten Gründen gilt er seinen Verehrern als überragender Intellektueller, der seine Zeit, ihre Mythen und Illusionen so scharfsichtig durchschaut hat wie kaum ein anderer.

Davon legen seine prägnanten Überschriften Zeugnis ab, aber erst recht seine literarisch brillanten und denkerisch anspruchsvollen Texte. Sie kreisen immer wieder um die Frage, wie sich die "Genauigkeit" des exakten Denkens mit den Unwägbarkeiten der menschlichen "Seele" verbinden ließe. Ebenso gründlich denkt Musil über den Unterschied zwischen "Wirklichkeit" und "Möglichkeit" nach, wobei ihm sehr viel daran liegt, das Mögliche ebenso wichtig zu nehmen wie das Wirkliche: ". . . und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein."

Information

Robert Musil

Der Mann ohne Eigenschaften

Band 1 und 2 der neuen Robert Musil Gesamtausgabe, hrsg. von Walter
Fanta. Jung und Jung, Salzburg und Wien 2016. Erster Band 554 Seiten,
Zweiter Band 570 Seiten, 35,- Euro pro Band. (Subskriptionspreis für die gesamte Ausgabe: 370,- Euro.)

Leopold Federmair

Musils langer Schatten

Essay. Klever Verlag, Wien 2016, 206 Seiten, 22,- Euro.

So heißt es in Musils Hauptwerk "Der Mann ohne Eigenschaften" (wieder ein guter Titel!) über dessen Hauptfigur Ulrich, der sich selbst als einen "Möglichkeitsmenschen" entwirft.

Weite Denkwege

Nicht alle Texte in Musils umfangreichem Gesamtwerk sind Meisterstücke; aber was immer er schrieb, hat doch Teil an jener großen, intensiven Denkbewegung des 1880 geborenen Schriftstellers, der seine Zeit mit Hilfe der Literatur deuten, gestalten und letztendlich wohl auch überwinden wollte.

1898, als der Achtzehnjährige einige private Notizen schrieb und ihnen den preziösen Titel "Blätter aus dem Nachtbuche des monsieur le vivisecteur" verlieh, begann Musils schriftstellerische Lebensarbeit. Und sie war noch längst nicht zu Ende, als der Zweiundsechzigjährige am 15. April 1942 an einem Gehirnschlag starb. Der Tod holte ihn mitten aus der angespannten Beschäftigung mit dem riesigen Romanessay "Der Mann ohne Eigenschaften", der Musil von 1926 an in Beschlag nahm.

1930 waren im Rowohlt Verlag die 123 Kapitel des ersten Bandes dieser umfassenden Zeitdeutung veröffentlicht worden und hatten den Beifall bedeutender Schriftsteller und Intellektueller gefunden. Doch zeichnete sich schon ab, dass Musil noch sehr lange würde arbeiten müssen, um sein labyrinthisch verzweigtes Werk zu vollenden. 1932 folgte ein zweiter Teil. Er enthielt die ersten 38 Kapitel des zweiten Bandes.

Die nächste (keineswegs letzte) Fortsetzung war für 1938 geplant. Die Korrekturfahnen waren schon gesetzt - da verhinderte der "Anschluss" Österreichs an Deutschland die Drucklegung (die Korrekturfahnen sind aber noch vorhanden).

Robert Musil und seine Frau Martha emigrierten 1938 aus Wien in die Schweiz, wo sie bis zum Tod des Autors blieben. Trotz materieller Nöte und ungeachtet der nationalsozialistischen Bedrohung arbeitete Musil ununterbrochen weiter an seinem "Mann ohne Eigenschaften". Der Roman spielt im k.u.k. Österreich, dem Musil den seither geläufigen Spitznamen "Kakanien" gab. Ulrichs Geschichte sollte im Jahr 1914, also mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs, enden. Und das, während in der außerliterarischen Echtwelt schon der Zweite Weltkrieg begann. Ein Nachlass von rund 10.000 Seiten, der vom Autor sorgsam in 40 Hefte und 60 Mappen eingeordnet wurde, zeugt von Musils zäher, und doch vergeblicher Bemühung um sein ehrgeizigstes Projekt.

Wer die vom Autor selbst publizierten Texte ebenso kennen wollte wie Teile des Nachlasses, war lange auf die Werkausgabe angewiesen, die 1978 im Rowohlt-Verlag erschienen ist. Sie wurde betreut von dem Journalisten und Schriftsteller Adolf Frisé, der sich seit den 1950er Jahren für den damals fast vergessenen Autor eingesetzt hat. Ohne Frisés Engagement wäre Robert Musil vermutlich weniger bekannt, als er ist. Allerdings hat Frisé nicht den gesamten Nachlass publiziert, sondern nur ausgewählte Passagen. Außerdem ist seine Werkausgabe nicht frei von Fehlern und Mängeln, und überdies hat Rowohlt die Texte in einem augenfeindlich kleinen Schriftgrad gesetzt.

Ein neuer Ansatz

Also ist es sehr zu begrüßen, dass der Verlag Jung und Jung das Wagnis einer neuen Musil-Gesamtausgabe eingeht. Das Unternehmen ist auf zwölf Bände angelegt und soll im Jahr 2022 abgeschlossen sein. Die ersten beiden Bände sind heuer erschienen. Sie wirken haltbar und gediegen, die Schrift ist leserfreundlich groß, der Seitenspiegel großzügig.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-10-14 15:44:07
Letzte nderung am 2016-10-14 16:37:57



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