• vom 05.11.2016, 17:00 Uhr

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Interview

"Wenn einer gut stolpert, wird er eh gedruckt"




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Von Piotr Dobrowolski

  • Seit über fünfzig Jahren gibt Alfred Kolleritsch die Literaturzeitschrift "manuskripte" heraus. Nun hat er mit Andreas Unterweger einen Mitherausgeber an Bord geholt - ein Doppelinterview.

Umgeben von viel Papier: Alfred Kolleritsch im "manuskripte"-Büro. - © J. J. Kucek

Umgeben von viel Papier: Alfred Kolleritsch im "manuskripte"-Büro. © J. J. Kucek



"Wiener Zeitung": Sie bekommen Tag für Tag Texte von Autoren zugeschickt, die in den "manuskripten" publizieren möchten. Gibt es am Ende mehr Menschen, die moderne Literatur schreiben, als solche, die bereit sind, sie zu lesen?

Alfred Kolleritsch: Das mag auf den ersten Blick so wirken. Aber von den 1500 oder 2000 Texten, die wir pro Jahr bekommen, ist vielleicht gerade einmal ein Zehntel überhaupt zum Druck geeignet. Daher glaube ich, dass sich das Lesenwollen und das Schreibenwollen doch ganz gut die Waage halten. Sich schreibend den anderen mitzuteilen, ist aber für viele Menschen ein ganz grundlegendes Bedürfnis, da haben Sie Recht.

Haben Sie eine Erklärung dafür? Sie sollten es ja eigentlich wissen: Schließlich sind Sie beide nicht nur Herausgeber, sondern auch Autoren.

Andreas Unterweger: Das ist in einem drinnen. Ich habe den Wunsch, mich anderen über Papier mitzuteilen, schon gehabt, als ich noch gar nicht schreiben konnte. Da habe ich die Geschichte unserer Familie eben gezeichnet. Von Ernst Jandl gibt es übrigens die schöne Anekdote, dass er deshalb zu schreiben begonnen habe, weil er einmal einer Lehrerin eine Zeichnung schenkte - und die sich darüber so sehr freute. Man schreibt also auch deshalb, weil man anderen eine Freude machen kann. Und auch wegen des Lobs, das man bekommt.

Kolleritsch: Es kommt ja oft schon in der Pubertät vor, dass man etwas nicht aussprechen kann und es dann aufschreibt. Das versiegt bei vielen später. Für jene, die beim Schreiben bleiben, ist es ein Mittel, um sich selbst kennenzulernen, um zu erfahren, was man mit der Sprache machen kann. Es ist auch ein Mittel zur Selbstdarstellung, zur Kommunikation. Liebende haben immer schon Liebesbriefe geschrieben.

Die allerdings nicht zur Veröffentlichung gedacht sind. Wenn etwas publiziert werden soll, kommen aber Menschen wie Sie ins Spiel: Herausgeber, die darüber richten, was Literatur ist - und was nicht. Die Kriterien dafür sind subjektiv. Sie selbst, Herr Kolleritsch, haben im Bezug auf die "manuskripte" gesagt: Literatur ist, was wir dafür halten. Ein abgelehnter Autor tut sich mit einer solchen Begründung vermutlich schwer.

Kolleritsch: Abgelehnt werden gehört dazu. Wir sind als Autoren auch nicht immer genommen worden. Ich sehe unsere Rolle als Herausgeber aber nicht als die des Richters, eher schon als die eines Fußballtrainers.

Alfred Kolleritsch (l.) und Andreas Unterweger in der "manuskripte"-Redaktion.

Alfred Kolleritsch (l.) und Andreas Unterweger in der "manuskripte"-Redaktion.© J.J. Kucek Alfred Kolleritsch (l.) und Andreas Unterweger in der "manuskripte"-Redaktion.© J.J. Kucek

Information

Alfred Kolleritsch (85) ist einer der wichtigsten Förderer der österreichischen zeitgenössischen Literatur. 1960 gründete Kolleritsch gemeinsam mit Günter Waldorf die Literaturzeitschrift "manuskripte", die er auch heute noch, nach 56 Jahren und 213 Heften, herausgibt. Zu den Autoren, die in den "manuskripten" Platz für ihre ersten Veröffentlichungen fanden, zählen unter anderem Oswald Wiener, Ernst Jandl, Wolfgang Bauer, Barbara Frischmuth und Peter Handke.

Von 1968 bis 1995 war Kolleritsch Präsident des Forum Stadtpark, 1973 war er einer der Mitbegründer der Grazer Autorenversammlung, die sich damals als avantgardistischer Gegenpol zum österreichischen PEN-Club verstand. Als Autor widmet sich Kolleritsch überwiegend der Lyrik (zuletzt: "Es gibt den ungeheuren Anderen"), doch auch der Roman "Der Pfirsichtöter" hat eine breitere Aufmerksamkeit erregt. 2016 gab der Grazer Droschl-Verlag die von Kolleritsch leicht revidierte Neuausgabe seines ursprünglich 1989 veröffentlichten Romans "Allemann" heraus. Kolleritsch war auch als Lehrer für Deutsch, Philosophie und Geschichte an einem Grazer Gymnasium tätig.

Andreas Unterweger (38) wurde 2016 von Kolleritsch als gleichberechtigter Mitherausgeber an Bord der "manuskripte" geholt. Er ist als Autor und Mitarbeiter bereits seit mehreren Jahren mit der Zeitschrift eng verbunden.
Im Droschl-Verlag hat er zuletzt "Das gelbe Buch" publiziert. 2016 wurde Unterweger mit dem "manuskripte"-Preis des Landes Steiermark ausgezeichnet.

Piotr Dobrowolski, geboren 1965, war. u.a. Außenpolitik-Chef bei "Format", und ist nun als freier Journalist tätig.

Beim Fußball gibt es auch viele, die kicken wollen, und am Ende bleibt doch nur eine kleine Auswahl über. Jedes "manuskripte"-Heft ist für mich wie eine Fußballmannschaft, die wir nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt haben.

Herr Unterweger, Sie sind bei den "manuskripten" demnach der Juniortrainer?

Unterweger: Ich war schon länger Assistenztrainer, jetzt sind wir ein Trainerduo. Mir ist dabei wichtig, dass wir kein starres Spielsystem haben, kein ästhetisches Korsett, in das die Texte passen müssen. Genauso wie sich ein Trainer nach dem Spielermaterial richtet, das er hat, richten wir uns nach den Texten, die wir bekommen, und versuchen, daraus das bestmögliche Heft zu machen.

Mit dem Unterschied, dass es bei einem Trainer sehr leicht zu sagen ist, ob er seine Arbeit gut gemacht hat. In Teilen des Literaturbetriebs gilt hingegen: Was gewinnt, was erfolgreich ist, das kann nicht gut sein.

Kolleritsch: Wer sagt das?

Sie zum Beispiel. In den "manuskripten" sei kein Platz für Texte, die "höhere Interessen, ideologische Absichten oder marktgerechte Strategien" verfolgen, haben Sie einmal geschrieben. Marktgerecht bedeutet doch: auf Erfolg ausgerichtet.

Kolleritsch: Schauen Sie sich die Kriminalliteratur an, die heute so ungeheuer populär ist. Sie mag zum Lesen anregen, sie mag spannend sein, aber wir werden solche gefällige Literatur nicht veröffentlichen. Das war mit dem Zitat gemeint.

Und was macht Ihrer Ansicht nach nicht gefällige, gute Literatur aus?

Kolleritsch: Wenn Sie Lyrik lesen, dann werden Sie sehr schnell merken, ob einer bloß so vor sich hin reimt oder ob da etwas steht, das nicht so einfach konsumierbar ist. Das ist wie einfache und höhere Mathematik.

Unterweger: Wobei die Grenzen fließend sind. Gerade in letzter Zeit werden uns sehr viele erzählende Texte angeboten - und da ist die Trennung nicht ganz so eindeutig. Aber letztlich erkennt man mit etwas Gespür doch, ob ein Text in die Rosamunde-Pilcher-Richtung geht oder eben nicht.

Kolleritsch: Fünfzig Prozent der erzählenden Texte, die wir bekommen, sind Bekenntnisse, Beschreibungen, wie es einem schlecht geht, sodass man nicht aus dem Bett kommt in der Früh und über den Frühstückstisch stolpert. Da muss man dann abwägen, ob das interessant genug ist, dass man es weitergibt. Oft thematisieren die Texte nur noch das persönliche Leid des Autors oder seine Unvollkommenheit. Das ist kaum druckbar.

Ich dachte immer, die "manuskripte" verstehen sich als ein Sprachrohr des Subjektivismus. Und da sollte doch Platz sein für persönliches Leid und auch für subjektives Stolpern über den Frühstückstisch.


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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-11-03 16:29:07
Letzte ─nderung am 2016-11-03 18:21:24



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