• vom 11.12.2016, 14:00 Uhr

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Sein und Schein in Irland




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Von Heimo Mürzl

  • 21 Versionen einer Geschichte: Donal Ryans Roman "Die Gesichter der Wahrheit".



Ein Städtchen in Irland in Zeiten der großen Finanzkrise. Pokey Burke, Chef der örtlichen Baufirma, die den Bewohnern zu Jobs und Häusern verhalf, entpuppt sich als korrupter Großbetrüger und taucht unter. Was bleibt, sind unbezahlte Gehälter, unfertige Häuser und so verunsicherte wie aufgebrachte Ortsbewohner.

Information

Donal Ryan
Die Gesichter der Wahrheit
Roman. Übersetzt von Anna-Nina Kroll. Diogenes, Zürich 2016, 244 Seiten, 22,70 Euro.

Die schlimmsten Vorstellungen werden bitterer Ernst, der reale Horror nimmt seinen Lauf. Während der Bauunternehmer längst über alle Berge ist, tauchen immer neue Lügen auf. Donal Ryan zieht raffiniert die Fäden in seinem virtuosen Spiel mit Fakten und Fiktion - und lässt nicht weniger als einundzwanzig Romanfiguren zu Wort kommen, um Zeugnis abzulegen und ihre höchst subjektive Sicht der Ereignisse darzutun. Materielle Abhängigkeiten, berechtigte Sorgen und diffuse Ängste machen es ihnen nicht leicht - doch die verzweifelte Suche nach Antworten und die Hoffnung auf so etwas wie Gerechtigkeit treibt diese Menschen an. Gegen viele Widerstände und mitunter auch wider besseres Wissen erzählen sie ihre Geschichte und zeigen dabei - ob gewollt oder ungewollt - ganz unverstellt ihr wahres Gesicht.

Einundzwanzig Menschen, ihre Träume und Sehnsüchte, ihre Hoffnung auf ein gutes Leben und ihre Darstellung der "Wahrheit": Aus diesen Versionen ein und derselben Geschichte zeichnet Ryan ein differenziertes, möglichst wahrhaftiges Bild einer Schicksalsgemeinschaft zwischen Verzweiflung, Hoffnung und latenter Aggressivität. Im Wechselspiel der unterschiedlichen Stimmen erkennt der Leser zunehmend, wie vielgestaltig und kaum wahrnehmbar sich solch ein (finanzielles) Desaster in das Leben jedes Einzelnen zu schleichen vermag.

Donal Ryan, Bauingenieur und Jurist, hat mit "Die Gesichter der Wahrheit" einen fesselnden, einfühlsamen, um Authentizität bemühten und aufklärerischen Roman geschrieben, reich an überraschenden Wendungen und verblüffenden Einsichten. So liegt mit diesem Buch nicht nur eine bitterböse Satire auf die Welt der (Bau-)Unternehmer, Finanzexperten und Lobbyisten vor, sondern auch eine auf den ganz gewöhnlichen Zeitgenossen, aufgerieben in seinem Dasein zwischen Sein und Schein.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-09 13:56:10
Letzte ńnderung am 2016-12-09 14:17:48



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