• vom 26.12.2016, 08:30 Uhr

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Update: 27.12.2016, 11:05 Uhr

Sachbuch

Wie wir Amerikaner wurden




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Von Christian Ortner

  • Wer Trumps Amerika nicht so gerne mag, kann sich mit Hellmuth Karaseks literarischer Liebeserklärung an die USA der Nachkriegszeit und ihrem enormen Einfluss auf das Leben in Deutschland oder Österreich etwas trösten.

Im Juli 2015 reist der deutsche Journalist und Schriftsteller Helmuth Karasek mit seiner Frau nach Südfrankreich, um dort die Sommerferien zu verbringen. Im Gepäck hat er ein soeben begonnenes Buchmanuskript, das er nun fertigstellen will. "Nach dem Krieg - Wie wir Amerikaner wurden" soll der Band heißen. Doch dazu wird es nicht kommen. Der langjährige Kulturchef des "Spiegel", vielen bekannt aus dem "Literarischen Quartett" der ARD, erkrankt nach kurzer Zeit, die Diagnose lautet "Krebs". Nur sieben Wochen später stirbt er.

Jetzt, über ein Jahr später, ist das Buch doch noch erschienen, fertiggestellt von dem Publizisten Michael Seufert, einem der engsten Freunde Karaseks. Eine nicht ganz einfache Arbeit, der sich Seufert aber mit Bravour gestellt hat. Ordentlich sortiert in 53 Kapitel, die eigentlich abgeschlossene Erzählungen sind ("Vor und nach dem Endsieg", "Tropfende Nylonhemden", "Schwul", "Die Sünderin" oder "Entenschwanz und Nietenhosen"), zieht Karasek einen klug geschrieben, oft amüsanten, gelegentlich etwas klatschsüchtigen und stets recht persönlichen literarischen Bogen vom Zusammenbruch des Dritten Reiches bis in die 1960er Jahre.


Die USA stehen für Freiheit
Politische Betrachtungen mischen sich mit offenherzig beschrieben Frauengeschichten des Autors ("Sie trug gern grob gestrickte schwarze oder rote Rollkragenpullover, die ihre üppigen Formen wirkungsvoll an Hüfte und Busen unterstrichen"), die schrägen Moden und Lebensstile der Nachkriegszeit skizziert er so witzig wie treffsicher, und immer wieder kommt er auf das Hauptthema zurück: die Verbreitung des "American Way of Life". "Wenn ich an die 60er-Jahre denke, dann fällt mir ein Amerika ein, das vor Selbstbewusstsein nicht einmal strotzen musste", beschreibt Karasek seinen amerikanischen Traum, "New York City war die Hauptstadt der Welt, auch kulturell, auch trotz Hollywood, und an der Madison Avenue saßen all die gut gebügelten, geschniegelten, gekämmten Bürohengste mit glatt polierten Schuhen und gut sitzender Krawatte über einem garantiert faltenfreien Hemd und tranken zum Mittagessen ihren ersten Cocktail, meist einen trockenen Martini, denn sie waren ja harte Männer mit harten Kinnladen und einem blitzenden Gebiss. Im Lift zogen die Männer den Hut vor den Damen und guckten völlig unverblümt auf deren Brüste, die man ,Atombusen‘ nennen durfte."

Amerika, das ist für Karasek der Gegenentwurf zu Nazi-Deutschland und dem ihm genauso verhassten Sowjet-Stalinismus, den er als "schleichendes, bedrohliches Gift" beschreibt. Amerika, das war für ihn Marylin Monroe und Cole Porter, Glenn Miller und Elvis Presley, Hemingway und Scott Fitzgerald Wolkenkratzer und Highways, Häuser mit Vorgärten und Flaggenmast, Unis, an denen hitzig politisch diskutiert wurde, John Updike und Philip Roth, Nylonhemden und Petticoats. Vor allem aber ist Amerika: unglaublich frei. Und bot den Deutschen damit ein völlig neues Wertesystem, eine neue Identität und das Versprechen auf ein selbstbestimmtes, freies Leben.

Und auch auf ganz neue Alltagsgewohnheiten: "Aus Amerika waren ohnehin die neuen Grundsätze einer Hygiene der makellosen Sauberkeit nach Europa herübergeschwappt: Dusche anstelle von Badewanne mit Schmutzkruste und gekrümelten Schmutz-Seifen-Partikeln; Wäsche, vor allem Unterwäsche, wurde täglich gewechselt in den USA, munkelte man mit bewunderndem Kopfschütteln; Socken mit Löchern wurden gar weggeschmissen, eine gefährliche Attacke auf das deutsche Stopfei in der Hand der deutschen Hausfrau."

Obwohl Karasek kein Hehl daraus macht, wie positiv er dem gesellschaftlichen Transformationsprozess jener Tage gegenübersteht, betreibt er keine Verklärung. "Die Zeit nach 1945 zeigte uns beide Seiten dieses amerikanischen Traums - die harte, rücksichtslose der kapitalistischen Ellbogen-Gesellschaft wie auch die bequeme des ,Easy-going‘, des Leichtnehmens und des Komforts. In diesem Sinne sind wir längst Amerikaner geworden," notiert er am Ende des Buches. Man kann es als bittere kleine Pointe der Geschichte betrachten, dass des Autors Liebeserklärung an die USA just zu dem Zeitpunkt erscheint, da Donald Trump zum Präsidenten gewählt wird, ein Mann, der nicht so recht für jenes Amerika steht, das Karasek so bewundert und geliebt hat.

SACHBUCH

Nach dem Krieg.

Wie wir Amerikaner wurden. Hellmuth Karasek

Nachwort von Ulrich Wickert Europa-Verlag

328 Seiten, 19,99 Euro




Schlagwörter

Sachbuch, Hellmuth Karasek

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-23 15:47:05
Letzte ńnderung am 2016-12-27 11:05:03



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