• vom 01.01.2017, 12:00 Uhr

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Glückssucher und Gestrandete




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Von Peter Mohr

  • Der griechische Schriftsteller Petros Markaris begeht am 1. Jänner seinen 80. Geburtstag.

Gerechtigkeitsfanatiker: Petros Markaris.

Gerechtigkeitsfanatiker: Petros Markaris.© Emilio Naranjo/EPA/picturedesk Gerechtigkeitsfanatiker: Petros Markaris.© Emilio Naranjo/EPA/picturedesk

"Viele Griechen sind wütend. Aber das ist die Wut einer introvertierten Gesellschaft, die den Blick immer auf das eigene Land gerichtet hat", bekannte der griechische Schriftsteller Petros Markaris kürzlich in einem Interview.

So wie einst Henning Mankell will auch Petros Markaris in seinen Krimis nicht nur eine spannende Geschichte erzählen, sondern überdies auch die Schattenseiten der Gesellschaft ausleuchten. Und so wie Mankells Kurt Wallander ist auch Markaris’ Pro-tagonist Kostas Charitos ein etwas kauziger, zur Eigenbrötlerei neigender Ermittler. Charitos schmökert mit Vorliebe in Lexika, hat ein zwiespältiges Verhältnis zu Frauen, obwohl er seine Tochter abgöttisch liebt, und ist ein exponierter Gerechtigkeitsfanatiker.

Hassliebe zu Athen

Petros Markaris interessiert die "Globalisierung der kriminellen Tätigkeit, die parallel zur wirtschaftlichen Globalisierung läuft". Die Luft ist stickig, die Hitze unerträglich, die Müllabfuhr streikt, die Straßen sind dauerverstopft, und hinter den Fassaden blühen Korruption und Missmanagement in seinen Kriminalromanen ("Hellas Channel", "Nachtfalter", "Live"), die im urbanen Moloch Athen angesiedelt sind. Eine Stadt, in der der Autor seit vielen Jahren lebt und mit der ihn eine Art Hassliebe verbindet.



"Eines schönen Tages, ich schrieb gerade ein Drehbuch für eine Fernsehserie, da tauchte vor meinem geistigen Auge ganz deutlich das Bild einer typischen, kleinbürgerlichen griechischen Durchschnittsfamilie auf. So kam diese Konstruktion zustande, aus einer Verbrechens- und einer Familiengeschichte, die parallel, nicht ineinander verflochten, erzählt werden", erläuterte Markaris das Entstehen seines Kommissars Charitos.

Information

Petros Markaris

Der Tod des Odysseus

Erzählungen. Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes, Zürich 2016, 214 Seiten, 22,70 Euro.

Im neuen, sieben Geschichten umfassenden Band "Der Tod des Odysseus" steht zweimal Charitos im Fokus. Die übrigen Texte haben märchenhaft-mythische Züge, Glückssucher und Gestrandete stehen an unterschiedlichen Orten (Griechenland, Türkei, Deutschland) im Mittelpunkt. Die längste Erzählung basiert auf einem historischen Hintergrund und ist im September 1955 angesiedelt. Damals wurden Wohnungen und Geschäfte von in Istanbul lebenden Griechen geplündert und zerstört.

Petros Markaris, der am 1. Jänner 1937 in Istanbul als Sohn einer Griechin und eines Armeniers geboren wurde, hat nach dem Volkswirtschaftsstudium als Drehbuchautor (zusammen mit Theo Angelopoulos), Übersetzer (Goethe, Brecht, Thomas Bernhard) und Dramatiker gearbeitet. ",Mutter Courage‘ sah ich 1957 im Berliner Ensemble, ein Jahr nach Brechts Tod. Ich war theaterkrank, habe alles gesehen. Nach der ,Mutter Courage‘ wusste ich: das ist das, was ich gern machen möchte", berichtet Markaris über sein künstlerisches Initialerlebnis.

Mittler der Kulturen

In elf Sprachen sind seine Bücher mittlerweile übersetzt worden, allein im deutschsprachigen Raum gingen rund 250.000 Exemplare über die Ladentische. 2011 hatte er mit "Faule Kredite" einen erfolgreichen Roman zur großen Wirtschaftskrise in seiner Heimat vorgelegt. Zwei Banker, ein Mitglied einer Rating-Agentur und der Inhaber eines Inkasso-Unternehmens werden darin mit einem Säbel ins Jenseits befördert.

Athener Lokalkolorit, der stets missmutige, aber nicht unsympathische Protagonist Charitos, das Gespür für spannende, lebensnahe Geschichten im Normale-Leute-Milieu - das ist das Erfolgsrezept von Petros Markaris, einem überzeugten Mittler zwischen griechischer, deutscher und türkischer Kultur. Seine biografischen Wurzeln hat der kosmopolitische Erfolgsautor nie verleugnet, obwohl er die politische Entwicklung in der Türkei mit großer Skepsis verfolgt: "Ich finde Istanbul immer noch eine spannende, eine ausgesprochen erotische Stadt."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2016-12-29 17:08:12
Letzte nderung am 2016-12-29 17:31:37



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