• vom 03.02.2017, 14:56 Uhr

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Update: 03.02.2017, 15:14 Uhr

Interview

Der absolute Erzähler




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Von Judith Belfkih

  • Bestseller-Autor Martin Suter über den Wissensvorsprung beim Schreiben, Langeweile beim Lesen und sein neues Buch "Elefant".



Muss vor dem Schreiben wissen, wie eine Geschichte ausgeht: Martin Suter.

Muss vor dem Schreiben wissen, wie eine Geschichte ausgeht: Martin Suter.© Gaby Gerster/laif/picturedesk.com Muss vor dem Schreiben wissen, wie eine Geschichte ausgeht: Martin Suter.© Gaby Gerster/laif/picturedesk.com

Wien. Lange verschachtelte Sätze, die man zweimal lesen muss, um sie zu verstehen, sind Martin Suters Sache nicht. Sein Stil ist geprägt von einer klaren, linearen Sprache. Spannung entsteht in seinen Büchern aus den Geschichten selbst und der Art, wie sie erzählt werden. Auch im E-Mail-Interview mit der "Wiener Zeitung" bleibt der Schweizer Bestsellerautor seinem knappen Personalstil treu. Seine kommende Woche in Wien angesetzte Lesung musste Suter absagen, seine Fans müssen mit seinem neuen Roman "Elefant" vorliebnehmen, der Mitte Jänner erschienen ist.

Das Buch rund um die geheimnisvolle Erschaffung und Entwendung eines kleinen, rosafarbenen Elefanten, der im Dunkeln leuchtet, ist die noch lange nicht letzte, aber jüngste Perle, die Suter seit seinem ersten Roman - "Small World" 1997 - im Zweijahres- bis Jahrestakt aneinanderreiht. Vordergründig eine Art Kriminalroman, steckt auch in seinem neuen Buch nicht nur zwischen den Zeilen jede Menge kritische Gesellschaftsanalyse. Auch wenn Suter selbst sich nicht als politischen Autor versteht.

"Wiener Zeitung": Herr Suter, Sie schreiben, die "NZZ" nannte es gerade "zuverlässig wie ein Uhrwerk", ein Buch nach dem anderen. Und alle werden sie Bestseller. Es wirkt fast, als wäre Literatur planbares, nüchternes Handwerk?

Martin Suter: Handwerk gehört zu jedem Beruf, sonst wird das nix. Aber planbar sind in der Literatur höchstens der Erscheinungstermin und die Lesereise. Ob ein Buch ein Erfolg wird, entscheiden letztlich immer noch die Leser.

Ein Verbrechen, ein Geheimnis, abrupte Veränderung - das sind Zutaten vieler Ihrer Geschichten. Ist das eine Art Rezept, oder passiert diese Komposition jedes Mal aufs Neue?

Geheimnisse und Überraschungen sind für mich als Leser die Zutaten jeder guten Geschichte. Und deshalb sind sie es auch als Schreiber.

Sie sagen in Interviews immer wieder, dass Sie in jedem Buch etwas Neues wagen und damit auch riskieren, dass das Buch ein kommerzieller Misserfolg wird. Ist das nicht etwas kokett nach Millionen verkauften Büchern?

Koketterie gehört nun wirklich nicht ins Repertoire meiner schlechten Eigenschaften. Es ist auch nicht so, dass alle meine Bücher den gleichen Erfolg haben, da gibt es durchaus markante Unterschiede.

Sie müssen das Ende schon am Anfang wissen, schreiben keinen ersten ohne den letzten Satz. Was steht da dahinter? Die Kontrolle über die absolute Geschichte?

Sie meinen wohl, die absolute Kontrolle über die Geschichte. Die habe ich nicht. Geschichten und Figuren machen sich immer wieder selbständig. Aber ein Geschichtenerzähler hat es einfach leichter, wenn er einen Wissensvorsprung besitzt. Deshalb muss ich wissen, wie eine Geschichte weiter- und ausgeht.

Viele Leser beschreiben Ihre Bücher als Page-Turner, die man in die Hand nimmt und in einem Schwung ausliest. Kritiker werfen Ihnen diesen Lesefluss mitunter als Oberflächlichkeit vor. Wie geht es Ihnen damit?

Ich freue mich natürlich, wenn meine Geschichten die Leser in ihren Bann ziehen. Ich gebe mir viel Mühe, sie so zu schreiben, dass man sie ohne Mühe lesen kann. Ich will keine Bücher schreiben, bei denen man jede Seite dreimal lesen muss.

Sind Unterhaltung und Popularität heute verpönt im Literaturbetrieb beziehungsweise bei Kritikern?

Das waren sie früher. Ich finde, heute sind Kritik und Literaturbetrieb viel entspannter. Die Unterscheidung zwischen ernster und unterhaltender Literatur wurde ohnehin nur im deutschsprachigen Raum gemacht und ist am Verschwinden.

Sie schreiben in kurzen Sätzen, einprägsamen Szenen, arbeiten viel mit Spannung. Sind das Relikte aus Ihren Anfangsjahren als Werbetexter?

Nein, Werbetexte und Romane sind so unterschiedliche Disziplinen, dass man von der einen nichts für die andere lernen kann. Außer, dass man sich bei beiden Mühe geben soll, die Leser nicht zu langweilen.

Sie schreiben für den Leser Martin Suter. Wie kritisch ist er? Langweilt er sich mitunter, ist er leicht zu erheitern, ein Grübler?

Er langweilt sich schnell, und es braucht schon ein bisschen etwas, um ihn zu erheitern. Manchmal grübelt der Autor Martin Suter lange, bis ihm das gelingt.

Sie üben in vielen Ihrer Bücher durch das Setting und die Art des Erzählens, massiv, wenn auch subtil Kritik an gesellschaftlichen Moralvorstellungen oder Entwicklungen. Darf, ja muss Literatur Gesellschaftskritik sein?

Das muss sie nicht, und bei mir ist sie das nur, weil ich Wert auf Realismus lege, also auf eine Beschreibung der Dinge, wie sie sind. Wenn man die Welt beschreibt, wie sie ist, kommt das schnell einmal kritisch herüber.

Es geht Ihnen beim Schreiben, betonen Sie immer wieder, mehr ums Geschichten-Erzählen als darum, mit Stimmungen zu fesseln. Wie entstehen die Geschichten?

Das eine geht nicht ohne das andere: Geschichten brauchen Stimmungen, Bilder, Gerüche, Figuren, Geheimnisse und Spannungsbögen. Wie die Geschichten entstehen? Im Kopf.

Sie erzählen auch, Ihr Schreiben sei keine Therapie, das habe nichts Autobiografisches. Kann man sich als Autor überhaupt so weit herausnehmen?


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Schlagwörter

Interview, Martin Suter, Literatur

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-02-03 14:59:05
Letzte nderung am 2017-02-03 15:14:58



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