• vom 12.02.2017, 15:00 Uhr

Autoren


Literaturgeschichte

"Mehr als Möwengelächter"




  • Artikel
  • Lesenswert (5)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Jeannette Villachica

  • Am 13. Februar 1947 wurde Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" erstmals als Hörspiel gesendet. Borcherts Heimatstadt Hamburg ist in seinem Werk sehr präsent - eine Spurensuche.



Der Autor im Jahr 1946.

Der Autor im Jahr 1946.© Rosemarie Clausen/Ullstein Bild Der Autor im Jahr 1946.© Rosemarie Clausen/Ullstein Bild

An den Hamburger Landungsbrücken überdecken die Gerüche von Kaffee, Bier, Pommes frites und Fischbrötchen die Gerüche der Elbe. An manchen Tagen, wenn der Wind von Norden kommt, schmeckt man das Meer.

Vor 70 Jahren stürzte sich der Kriegsrückkehrer Beckmann aus Wolfgang Borcherts Stück "Draußen vor der Tür" hier erstmals im Traum in die "nach Öl und Fisch stinkende Elbe". Damals waren die Landungsbrücken stark zerstört, wie ein Großteil der Millionenstadt. Über die Hälfte der Hamburger Wohnungen waren durch das britische Flächenbombardement unbewohnbar geworden, die Menschen hungerten und Tausende erfroren im Kältewinter 1946/47. Familienmitglieder waren tot, unauffindbar oder hatten sich entfremdet. Nachts suchten den ehemaligen Unteroffizier Beckmann die Schreie und Toten von der Front heim. Und niemand wollte für all das Verantwortung übernehmen, niemand durch ihn daran erinnert werden. Er, Beckmann, blieb draußen vor der Tür, egal, wo er anklopfte.

Information

Das Original-Hörspiel "Draußen vor der Tür" ist im "Hörverlag" als CD erschienen.
Internationale Wolfgang-Borchert-Gesellschaft:
www.borchertgesellschaft.de
Informationen zu Literarischen Spaziergängen auf den Spuren Borcherts unter www.stadtteilarchiv-eppendorf.de

Jeannette Villachica, geboren 1970, lebt als Kultur- und Reisejournalistin in Hamburg.

Wie sollte er so weiterleben? Verzweifelt sprang er in die Elbe, doch die wies ihn zurück, schalt den 25-Jährigen einen Grünschnabel, der erst einmal leben solle. Dann rief sie ihre "Jungens" und wies sie an, "diesen Kleinen" bei Blankenese zurück an den Strand zu werfen. Er hätte ihr versprochen, es noch einmal mit dem Leben zu versuchen.

Antikriegs-Klassiker

Am 13. Februar 1947 wurde Wolfgang Borcherts Heimkehrerdrama "Draußen vor der Tür" als Hörspiel im Nordwestdeutschen Rundfunk gesendet. Borchert war am 10. Mai 1945 nach sechs Jahren an der Ostfront - unterbrochen von Gefängnisaufenthalten wegen einer Goebbels-Parodie und anderer "heimtückischer Angriffe auf Staat und Partei" - mit Erfrierungen an den Füßen und schweren Leberschäden in seine Heimatstadt Hamburg zurückgekehrt. Die Geschichte des humpelnden, entwurzelten Beckmann, der, von Schuldgefühlen und Selbstmitleid getrieben, nach den Kriegsgräueln nicht zur Tagesordnung übergehen wollte, hatte der 24-Jährige im Herbst oder Winter 1946/47 in nur acht Tagen geschrieben.

Ein Zimmer im Hamburger Wolfgang-Borchert-Archiv bewahrt Bücher, Möbel und Bilder des Dichters.

Ein Zimmer im Hamburger Wolfgang-Borchert-Archiv bewahrt Bücher, Möbel und Bilder des Dichters.© Villachica Ein Zimmer im Hamburger Wolfgang-Borchert-Archiv bewahrt Bücher, Möbel und Bilder des Dichters.© Villachica

Von den Besatzungsmächten gefördert, entwickelte sich das Hörspiel, gemeinsam mit der Bühnenfassung, die im November 1947 uraufgeführt wurde, zum Antikriegs-Klassiker. Bis heute ist "Draußen vor der Tür" auch international eines der am häufigsten aufgeführten deutschen Dramen.

Im Wolfgang-Borchert-Archiv der Universität Hamburg befindet sich Borcherts Nachlass, darunter die handschriftlichen Originale seiner Werke, die von seinem Vater getippten Fassungen und Hunderte Briefe, die Hörer nach der Erstausstrahlung des Hörspiels an den Sender schickten. Die Internationale Wolfgang-Borchert-Gesellschaft, die das Erbe pflegt, ist im selben Gebäude untergebracht. In ihren Räumen sind Bücher, Bilder (darunter auch Zeichnungen Borcherts) und Möbel aus seinem Zimmer ausgestellt.

Die Wohnung der Eltern im damals ländlichen Stadtteil Alsterdorf war im Krieg intakt geblieben. Hier schrieb Borchert "Draußen vor der Tür" und seine anderen Nachkriegswerke, meist im Bett, seine letzten zwei Lebensjahre wurde der Schwerkranke von der Mutter gepflegt.

Wolfgang Borchert wurde am 21. Mai 1921 als einziges Kind des Volksschullehrers Fritz Borchert und der plattdeutschen Heimatdichterin Hertha Borchert in Hamburg-Eppendorf geboren. Am Eingang seines Geburtshauses in der Tarpenbekstraße 82 weist eine Tafel auf den Dichter hin. Das Viertel zählt heute mit seinen unversehrten Altbauten in zentraler Lage zu den beliebtesten Wohngegenden Hamburgs.

Glückliche Kindheit

Hier verbrachte Wolfgang eine glückliche Kindheit, spielte mit seinem Cousin und besten Freund Karlheinz Corswandt und den Kindern der Umgebung, unter ihnen die Tochter von Ernst Thälmann, dem Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands, der schon 1933 inhaftiert und 1944 im KZ Buchenwald erschossen wurde. Irma Thälmann besuchte dieselbe Volksschule wie Wolfgang in der Erikastraße, später wurde die Schule in Wolfgang-Borchert-Schule umbenannt; möglicherweise wurde Irma von Fritz Borchert unterrichtet, der dort in Mädchenklassen lehrte.

Borcherts Eltern hatten ein großes Interesse an Literatur, Theater und Kunst, das hat den Sohn geprägt. Im Alter von 15 Jahren begann Wolfgang wie im Rausch Gedichte zu schreiben; oft schrieb er fünf bis zehn pro Tag. Er empfand sich als Genie und umschwärmte Frauen mit Briefen und Gedichten, die er zeitweise - als Hommage an Rainer Maria Rilke - mit Wolff Maria Borchert unterzeichnete.

1938 veröffentlichte der "Hamburger Anzeiger" erstmals einige seiner Gedichte; die waren zunächst eher konventionell, oft pathetisch, später wurden sie expressiver. Auch in die Erzählungen, Essays, Rezensionen und Dramen, die er nach dem Krieg schrieb, ließ er häufig selbst erlebte Anekdoten einfließen.

Hamburg spielt in seinem Werk eine sehr große Rolle. Zum Beispiel trägt sich die Erzählung "Das Holz für morgen" im Treppenhaus seines Geburtshauses zu. 1937 zogen die Borcherts dort aus, weil Hertha Borchert wegen regimekritischer Aussagen, die wohl mehr ihrem Freiheitsdrang oder Leichtsinn als politischem Bewusstsein entsprangen, von einem Nachbarn bei der Gestapo denunziert worden war. Dieser Vorfall ging, wie andere, für die Borcherts glimpflich aus, doch sie zogen es vor, nicht mehr neben einem Denunzianten zu wohnen.


weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-02-09 16:29:22
Letzte nderung am 2017-02-10 16:21:56



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Enkel der Blumenkinder
  2. Küsse inmitten der Trümmerwelt
  3. Im Bürgerkrieg der Gefühle
Meistkommentiert
  1. Zauber der Werkstattphase
  2. Ein finnischer Balkan-Thriller
  3. Im Bürgerkrieg der Gefühle

Werbung





Werbung


Werbung