• vom 21.02.2017, 16:14 Uhr

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Update: 27.02.2017, 14:15 Uhr

Sachbuch

Wie errichtet man ein Kalifat?




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Von Christian Ortner

  • Journalist Joby Warrick hat das bisher beste Buch über die Entstehung des IS geschrieben.

Die IS-Flagge als Symbol unfassbarer Brutalität.

Die IS-Flagge als Symbol unfassbarer Brutalität.© reuters/Dado Ruvic Die IS-Flagge als Symbol unfassbarer Brutalität.© reuters/Dado Ruvic

Amman, die Hauptstadt von Jordanien, 3. Februar 2015. "Kurz nach Einbruch der Dunkelheit traf im wichtigsten Frauengefängnis des Landes ein Vollstreckungsbefehl ein. Die Anweisung, (Frau) Sadschida al-Rischawi hinzurichten, war von König Abdullah II. persönlich unterschrieben gekommen, der sich damals auf einem Staatsbesuch in Washington befand. Mit seinem Privatflugzeug hatte man den Befehl an den Königshof in der jordanischen Hauptstadt überstellt." Wenige Stunden später schon wird die Anweisung des Herrschers vollstreckt: "Das Letzte, was sie sah, bevor man ihr die Augen verband, war eine kleine Kammer mit geweißten Wänden und ein paar winzigen Fensteröffnungen sowie ein paar müde Gesichter aus der Zeugengalerie unterhalb des Raumes. Ein Imam sprach ein Gebet, während man eine Schlinge mit einer stabilen Metallklammer sicherte. Ein Richter fragte Rischawi, ob sie irgendwelche letzten Wünsche habe oder einen letzten Willen verkünden wolle. Sie antwortete nicht. Als sich die Falltür unter dem Galgen öffnete und sie in die Dunkelheit stürzte, gab sie keinen hörbaren Laut von sich. Es war 5.05 Uhr, etwa anderthalb Stunden vor Sonnenaufgang, als der Gefängnisarzt ihren Puls prüfte."

Zweifacher Pulitzer-Preisträger
Was sich liest wie ein Politthriller von John le Carre, ist der packende Beginn des derzeit wahrscheinlich wichtigsten und besten Buchs über die Wurzeln, den Aufstieg und die Funktionsweise des Islamischen Staates: "Schwarze Flaggen" von Joby Warrick, einem mit zwei Pulitzer-Preisen ausgezeichneten Journalisten der "Washington Post".


Die Frau, die an jenem Februartag in Amman gehenkt worden ist, war zehn Jahre zuvor an einem spektakulären Terroranschlag beteiligt gewesen: In drei Luxushotels der Hauptstadt explodierten gleichzeitig Bomben und töteten dutzende Menschen. In Auftrag gegeben hatte die Bluttat Abu Mus’ab az-Zarqawi, jordanischer Terrorist und Gründer von Al-Kaida im Irak, aus der sich später der Islamische Staat entwickeln wird.

Zarqawi, einer der Führer des islamistischen Terrors gegen den Westen - bis ihn die Amerikaner 2006 liquidierten -, ist auch eine der Hauptfiguren in "Schwarze Flaggen" Und zwar eine eher wenig erfreuliche: "Die hinter vorgehaltener Hand kursierenden Geschichten über seine kriminelle Vergangenheit - Messerstechereien und Schlägereien, Zuhälterei und Drogenhandel - ließen ihn gefährlich und unberechenbar erscheinen. Er war ein Mann der Tat, der vor nichts zurückschreckte." Seinen Aufstieg vom arabischen Kleinkriminellen zum Anführer der gefürchtetsten Terrororganisation der Welt verdankt er, so argumentiert Warrick, nicht zuletzt der US-Regierung. "Außerhalb der Geheimdienste hatte kaum jemand den Namen Zarqawi gehört, bis Washington 2003 der Welt erklärte, dieser obskure Jordanier sei das Bindeglied zwischen der Diktatur im Irak und den Verschwörern hinter den Terroranschlägen vom 11. September 2001, und ihn auf diese Weise zum Superstar unter den Terroristen machte", schreibt er. "Das entsprach zwar überhaupt nicht der Wahrheit, doch nur wenige Wochen später, als US-Truppen im Irak einmarschierten, hatte der plötzlich weltbekannte Terrorist eigene Finanziers, ein eigenes Schlachtfeld sowie einen eigenen Grund zu kämpfen - und schon bald tausende eigene Anhänger."

Medial inszeniertes Grauen
Zarqawi verdankt der spätere Islamische Staat auch seine Gründungsidee, die Errichtung eines Kalifates; seine selbst für dieses Milieu unfassbare Brutalität - und schließlich auch die mediale Inszenierung des Grauens, etwa durch Videos, die Enthauptungen und Erschießungen zeigen. "Er schreckte vor keiner noch so grausamen Bluttat zurück, um das Reich Gottes auf Erden zu errichten. Er ging zu Recht davon aus, dass besonders theatralische Akte exzessiver Gewalt die hart gesottenen Dschihadisten anziehen und alle anderen so einschüchtern würden, dass sie sich ihm und seinen Leuten unterwerfen würden." Es ist dieser "Code der Gangsterbanden", so Warrick, der den IS im Westen für Junge so attraktiv macht: Furcht und Respekt. "Zugleich bietet er seinen jungen Rekruten etwas, das die meisten von ihnen zu Hause niemals hatten: Das Gefühl, dass sie endlich jemand sind."

Absolut lesenswert, packend geschrieben und unglaublich reich an Details - "Schwarze Flaggen" wird wohl ein Standardwerk seines Genres werden.

Sachbuch

Schwarze Flaggen: Der Aufstieg des IS und die USA

Von Joby Warrick

Theiss Verlag, Darmstadt, 2017. 396 Seiten, 22,95 Euro.




Schlagwörter

Sachbuch, Joby Warrick

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-02-21 16:18:12
Letzte ńnderung am 2017-02-27 14:15:10



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