• vom 25.02.2017, 15:30 Uhr

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Wissen als Weltgedicht




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Von Otto A. Böhmer

  • Der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott legt sein neuestes Werk, "Erste Erde. Epos", als eine allumfassende Reise durch die Geschichte der Evolution an: eine Offenbarung.



Mit unserem Wissen ist das so eine Sache. Es scheint sich, in abartiger Geschwindigkeit, die auch die besorgniserregende Vermehrungsrate des Menschen noch überholt, global auszuweiten und zu potenzieren; zudem ist es an den verschiedensten digitalen Zapfstellen verfügbar, sodass sich auch eher bildungsferne Mitbürgerinnen und Mitbürger damit versorgen können und, zumindest kurzfristig, zur Illusion gelangen, dass sie doch wesentlich schlauer sind als ihre Vorfahren. Das aber täuscht, so wie auch das Wissen selbst, dringt man in seinen Kernbereich vor, täuscht; anders geht es nicht, denn wir sind (noch) nicht dafür gemacht, das Wesentliche unserer Existenz, die nach wie vor rätselhaft anmutet, enthüllt zu bekommen.

Information

Raoul Schrott
Erste Erde. Epos
Hanser Verlag, München 2016, 844 Seiten, 70,- Euro.

Resultat dieser Zwiespältigkeit ist, dass Spezialisten auf dem Vormarsch sind; die Generalisten haben nicht mehr viel zu sagen, finden allenfalls noch Verwendung in der Politik, mit der man sich deshalb auch zusehends unzufrieden zeigt. Dem Einzelnen brummt der Kopf, wenn er das wuchernde Wissen sichten und bewerten will; manchmal möchte er nur noch dumm sein und dumm bleiben, das hat Vorteile.

Monumentalpoesie

Kommen die Spezialisten schon in Schwierigkeiten, wenn sie außerhalb ihres Spezialgebiets auf abschüssiges Gelände geraten, so trifft das, könnte man meinen, noch mehr auf eine Zunft zu, die sich von jeher dem ausufernden Wissen entgegengestellt hat und einen eigenen Kopf bewahrt, die Poeten.

Dass man Wissen indes auch zu Poesie, ja zu einem einzigen großen Weltgedicht machen kann, führt der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott (Jg. 1964) vor, der mit seinem monumentalen Buch "Erste Erde Epos" die Geschichte der Menschwerdung unseres Wissens als Langgedicht erzählt, in dem viel, sehr viel benannt und aufgehoben wird. Das Ich, das diese Geschichte erzählt und dabei jede Menge Beiträger und Zeitzeugen aufruft, ist bekannt, verliert sich aber wieder, wenn es denn sein soll; es geht für uns vor allem darum, offen zu sein für "die Stimmen, die da kommen sollen" (Rilke): "ob bücher religion oder natur - alles wird vom prinzip beherrscht sich zu binden - selbst ein ich: ich damals. ich mit dir - oder hier - jedes mal bin ich ein anderer - von anderen umständen bestimmt was mich ausmacht immer nur aus der gegenwart zurückgedacht".

Es drängt sich eine Vermutung auf, die auch als Prinzip Hoffnung verfügbar ist: "(. . .) das gegenteil besteht: das solidarische in dem ein ich gänzlich aufgeht. das ist die antwort auf den tod: von sich abzusehen - allem ringsum eine beachtung zu schenken sich in unpersönliches einzudenken und den blick auszudehnen (. . .) sich an die natur und menschen zu binden an das worum wir uns sorgen: nur so leben wir in anderem weiter in einem kollektiv an dem wir sosehr anteil nehmen und teilhaben."

Die Lektüre dieses beeindruckenden Werkes, das, dem versammelten Wissen gemäß, viel wiegt und schwer in der Hand liegt, ist nicht einfach; der Autor hält sich konsequent an Kleinschreibung und verzichtet auf Kommata. Etwas Rhapsodisches im Umfänglichen kommt so zustande; der Leser, der allerdings Geduld haben sollte, wird von einem Rhythmus erfasst, der nur anfängliche Widerständigkeit erlaubt. Dafür erweist sich die Reise als allumfassend: Sie geht von der Entstehung des Universums aus; überfliegt die Anfänge des Lebens, die sich verfestigen und alsbald wieder verfallen; hält an, als der Mensch mitsamt seinen aus heutiger Sicht etwas merkwürdig anmutenden Vorfahren ins Spiel kommt - und steigt auf zu jenem Bereich, in dem sich irgendwann die Kulturtechniken ergaben, denen aber möglicherweise ebenso ein Verfallsdatum innewohnt wie dem Menschen selbst, der ein Vernunfttier ist, das viel bewerkstelligen kann, nicht zuletzt auch seinen eigenen Untergang. Man wird sehen.

Dichterisches Denken

Im Vorwort seines Buches, das im Blick auf Programmatisches auch als Nachwort gelesen werden kann, schreibt Schrott: "Das dichte Denken der Wissenschaften findet seine Entsprechung im dichterischen Denken, das Wort für Wort zusammenfügt, Analogien zu Allegorien erweitert, zu Bildern, die das Menschliche stimmig werden lassen. Zumindest vermag ich nicht anders, als es mir auf diese Weise begreiflich und vorstellbar zu machen." Das Menschliche wird in diesem Epos der Ersten Erde nicht nur stimmig, sondern auch vielstimmig. Und es gibt eine Erfüllung, die auf stille Nachhaltigkeit aus ist.

Sieben Jahre, heißt es, hat der Autor für sein wuchtiges Werk gebraucht; es müssen Jahre der Offenbarung und eines anderen Glücks gewesen sein.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-02-24 13:39:06
Letzte ─nderung am 2017-02-24 14:18:55



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