• vom 07.07.2017, 18:00 Uhr

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Literatur

Bilder gegen die hilflose Wut




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Von Bernadette Conrad

  • "Ein fauler Gott", der Debütroman des Schauspielers Stefan Lohse.



Am Anfang ist Wut, nicht Trauer. Als Ben, elfjährig, aus der Schule kommt und seiner Mutter eigentlich von dem Wunderschwimmer Mark Spitz und seinen sechs Goldmedaillen erzählen will, flüstert sie ihm die schlimmste denkbare Nachricht ins Ohr: Jonas, der kleine Bruder, ist gerade im Krankenhaus gestorben.

Als sie dann noch hinzufügt, Gott habe Hilfe von einer Seele gebraucht und sich dafür seinen Bruder ausgesucht, rettet sich Ben in ein Bild: Er stellt sich Gott wie einen Chef vor, der Seelen als Arbeiter zum Schleppen und Aufräumen durch die Gegend schickt. "Gott selbst ist faul in seiner Allmacht", ist seine Schlussfolgerung. Diese Vorstellung erlaubt es ihm, seine hilflose Wut irgendwohin zu richten.

Information

Stefan Lohse
Ein fauler Gott
Roman. Suhrkamp, Berlin 2017, 336 Seiten, 22,70 Euro.

Der Debütroman des 52-jährigen Schauspielers Stefan Lohse erzählt davon, wie Mutter und Sohn das erste Jahr nach dem größten denkbaren Verlust überstehen. Da ist, für Ben, die Flucht in Phantasievorstellungen. Da ist andererseits die gleichförmig erzählte Monotonie des neuen Alltags: wenn die Mutter ihn einerseits tröstet und verwöhnt, andererseits in unvorhergesehenen Momenten anschreit. Sie nimmt ihn zum Beerdigungsinstitut mit, wo er das Wort "Pietät" im Schaufenster für den Nachnamen des höflichen Herrn hält, und sich für die Mutter schämt, die ihn anders anredet.

Zu Weihnachten geben sich beide ungeheure Mühe, es einander besonders schön zu machen. In diesem monotonen Erzählen wird die Betäubung nach dem Schock spürbar.

Das Trauern der Mutter ist eine Sache für sich. In jenen Erzählpassagen, in denen nicht von "Mami" die Rede ist, sondern von "Ruth", wird signalisiert, dass der Fokus nun ganz bei ihr liegt. Man sieht sie auf dem Friedhof, wo sie wütend den Eimer des Friedhofsgärtners umstößt, der sie anmaßend zu belehren versucht. Oder im Schwimmbad, wo die Krampfanfälle des Sohnes zu ersten Mal auftauchten. Dass seine Erkrankung rätselhaft bleibt, macht nicht nur alles schlimmer; es macht das Drama nahezu unbegreiflich.

Währenddessen wird die Erinnerung für Ben immer verschwommener. "Jonas ist aus der Leere, die er zurückgelassen hat, verschwunden", stellt er fest. Im darauf folgenden Sommer erlebt er in einem Landschulheim viele Winnetou- und Old-Shatterhand-Abenteuer mit neuen Freunden. "DIE SACHE kam von innen", erzählt Ben einer Betreuerin, und dass seine Mutter immer noch traurig sei. Das höre nicht auf, sagt sie zu Bens Erschrecken: "Es wird nicht besser?" "Es wird anders." Zurück in Hamburg, fällt ihn dann die Erinnerung schockartig an - im Freibad, wo er den Anfall seines Bruders miterlebt hatte, ehe dieser elf Tage später starb.

Für sein Debüt als Schriftsteller folgte Stefan Lohse, der als Schauspieler an großen Bühnen in Berlin, Hamburg und Wien gespielt hat, dem Bedürfnis, der eigenen Kreativität einmal mit längerem Atem folgen zu können, als dies einem Schauspieler möglich ist, der immer wieder vom Regisseur unterbrochen wird.

Manchmal allerdings dehnt Lohse seine Geschichte in zu viele Richtungen: so etwa, wenn neben ganz viel Zeitgeist der 70er Jahre auch noch die Kindheit der Mutter in Rückblenden einen Platz findet - eine Ebene, die etwas unverbunden neben der Hauptgeschichte aufgerollt wird. Hier entsteht mitunter der Eindruck, Lohse hätte mehrere Bücher in ein Buch zu quetschen versucht.

Was nicht nötig gewesen wäre. Gelingt ihm doch das Wesentliche: die Trauer des ins eigene Leben hineinwachsenden Kindes als etwas völlig anderes zu schildern als jene der Mutter, für die das Leben in gewissem Sinne stehen bleibt. Manchmal scheint sie dem Tod näher als dem Leben- bis ihr lebendiges Kind sie wieder zurückholt.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-07-07 14:42:12
Letzte ńnderung am 2017-07-07 14:56:14



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