• vom 30.07.2017, 13:00 Uhr

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Literatur

Mitfühlende und Mitwütende




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Von Bernadette Conrad

  • Zerbrechliches Europa: Ein spannender Band gibt Einblick in das Denken von 28 europäischen Schriftstellern, die sich in Briefen zum Thema austauschen.

Was an Europa ist so kostbar, dass es geschützt werden muss? - © Cartoon: Jugoslav Vlahovic

Was an Europa ist so kostbar, dass es geschützt werden muss? © Cartoon: Jugoslav Vlahovic

"Was an Europa ist so kostbar, dass es geschützt werden muss? Was daran droht zu zerbrechen?" Noch vor dem Krisenjahr 2016 ergriff das Netzwerk der Literaturhäuser die Initiative und forderte 14 deutschsprachige Autorinnen und Autoren auf, ein Jahr lang in Briefkontakt zu treten mit einem oder einer anderen Schreibenden in Europa.

Nun liegt ein dicker Band vor, dessen Cover eine Europakarte mit kaum erkennbaren Ländergrenzen ziert; stattdessen greifen aus den deutschsprachigen Staaten Pfeile in alle möglichen Richtungen aus, nach Frankreich und Schottland, Schweden und Bosnien, bis nach Russland und Israel.

Thema ist ein Europa, dessen "Fragilität" in den letzten Jahren massiv in unser aller Bewusstsein gerückt ist, und das man, je nach Land, dennoch ganz unterschiedlich zu spüren bekommt. Wenn der deutsche Lyriker Jan Wagner dem mazedonischen Kollegen Nikola Madzirov von seiner Begeisterung für Pässe und Pass-Stempel erzählt, antwortet Madzirov ihm, dass er auf seinem Passbild das erstarrte Angstlächeln vor dem Grenzschutzoffizier erkenne.



Ruth Schweikert erzählt Geschichten aus der Schweiz: eine Freundin, die nach einem Unfall vor etlichen Jahren keine Chance auf Arbeit mehr hat; ein schwuler türkischer Bekannter, der sich nicht mehr zurück in die Türkei traut. Ihre Briefpartnerin Cécile Wajsbrot wiederum berichtet

Information

Netzwerk der Literaturhäuser (Hrsg.)

Fragile: Europäische Korrespondenzen

Zeitschrift "die horen", Band 265, Wallstein, Göttingen 2017, 312 Seiten, 17,- Euro.

fassungslos aus ihrer Stadt Paris, wo in fast jeder Straße Menschen unter Rettungsdecken liegen und Kinder unter Militärschutz zur Schule gehen. Wenn sie das Wort "fragil" höre, denke sie an diese "Schattenstadt" und an eine zerfallende Gesellschaft. Irgendwann tauschen sie sich dann darüber aus, dass es keinen Sinn mache, nach dem "einen" Narrativ für Europa zu suchen. Wir müssten lernen, so Ruth Schweikert, mit "unterschiedlichen, ständig sich verändernden Narrativen zu leben." Nur so sei "Zukunft vorstellbar".

Irena Brezna, die seit vielen Jahren in Basel lebt, zieht in ihrem Brief an Anna Schor-Tschudnowskaja eine Parallele zwischen dem zweijährigen Kampf vor Gericht, den sie um das Überleben einer Pappel vor ihrem Fenster geführt hat, - und ihrem Einsatz für tschetschenische Kriegsopfer vor 20 Jahren: Auch wenn man jeweils sein Ziel nicht erreiche, man fände andere "Mitfühlende und Mitwütende", und das allein schaffe einen "Boden über dem Abgrund".

Ece Temelkuran aus der Türkei fragt vor einer Lesereise nach London ihren deutschen Kollegen Björn Bicker, ob es Ausländer überhaupt interessiere, wie Menschen in der Türkei mit Traumata umgehen. Sie befürchtet, ihr Land sei nun in der "Kategorie der irren Länder gelandet, in denen alles Mögliche geschehen kann".

Ja, Verzweiflung ist durchaus vorhanden in diesen so unterschiedlichen Korrespondenzen. Die Berliner Autorin Annika Reich erzählt, wie sie sich entschloss, das Schreiben für ein Jahr zurückzustellen, um sich dem Hier und Jetzt der Flüchtlingsnot anzunehmen. Sie gründete einen Verein, engagierte sich - und brach zusammen, als sie realisierte, dass ihr die Zuversicht im Hinblick auf Europa und sein Wertesystem abhandenkam. An ihre israelische Briefpartnerin Zeruya Shalev schreibt sie: "Ich kann mich in Deine Situation nicht hineinversetzen. Ich bin im Frieden aufgewachsen. Bis letzten Sommer ist mir der Krieg nur nahgegangen, aber noch nie nahgekommen. Es kommt mir inzwischen so unwahrscheinlich vor, dass man dreiundvierzig Jahre alt werden kann, ohne mit dieser Seite des Lebens konfrontiert worden zu sein, aber es war so. Jetzt ist es anders."

Jammern & Schimpfen

Der Österreicher Karl-Markus Gauß und sein langjähriger Kollege und Freund aus Bosnien, Dzevad Karahasan, tauschen sich über die allgemeine Stimmung des Jammerns und aggressiven Schimpfens über Europa aus.

"Handelt es sich darum, dass wir nicht fähig sind, aus der Geschichte zu lernen?", fragt Karahasan. "Oder darum, dass sich die Menschen, die ihre geistigen Inhalte präzise und komplett mit SMS-Botschaften ausdrücken, nur in negativen Programmen wiedererkennen können? (. . .) Ich weiß es nicht, ich kann es natürlich nicht wissen, aber mit Sicherheit weiß ich, dass es schade ist, dass wir diese unermessliche Energie an die Wut auf etwas und jemanden verschwenden. Und ich weiß, dass ich Angst habe, ich empfinde eine geradezu panische Angst vor der Möglichkeit, dass unartikulierte emotionale Energie eine weitere Gemeinschaft auseinanderreißt, an der mir etwas liegt, so wie es schon einmal mit Jugoslawien geschehen ist."

Alarmiert sind sie alle, wachgerüttelt, in Sorge. Und sie teilen eine Entschlossenheit zum Gespräch; etwas, das Ruth Schweikert unter Berufung auf Hannah Arendt das vielstimmige Gespräch über die Welt nennt: dieses müsse laufend geführt werden, dürfe nicht abreißen.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-07-28 14:54:09
Letzte nderung am 2017-07-28 15:18:37



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