• vom 25.09.2017, 16:39 Uhr

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Update: 26.09.2017, 14:06 Uhr

Sachbuch

Ein Plädoyer zum Maßhalten




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Von Wolfgang Taus

  • Politologe Fritze über die "Kritik des moralischen Universalismus".

Politische Entscheidungsträger der EU-Staaten erwecken in der laufenden Flüchtlingskrise den Eindruck des Überrollt-Seins. Die Vertreter der "Willkommenskultur" haben bisher ihre deskriptiven und normativen Überzeugungen nur bruchstückhaft offengelegt. Jedoch scheint unter ihnen die Annahme konsensfähig, dass sich Grenzen, aus welchen Gründen auch immer, nicht mehr schützen lassen. Daher müsse ein "uneingeschränktes weltweites Niederlassungsrecht" zu Geltung kommen - im Sinne eines moralisch-menschenrechtlichen Anspruchs.

Den Nächsten zu lieben wie sich selbst ist innerhalb enger nationaler Grenzen möglich. Der diesbezügliche moralische Universalismus hingegen fordere eine "grenzenlose Ausweitung dieser Grenzen". Eine solche aber sei den Bürgern in den gewachsenen europäischen demokratischen Rechtsstaaten, "entweder nicht möglich oder nicht zuzumuten". Zu diesem Schluss kommt der deutsche Politologe Lothar Fritze in seinem hochaktuellen Buch.


Aufruf zur Nüchternheit
Dies sei keineswegs ein "Aufruf zur Herzlosigkeit" oder "zum Egoismus", beteuert er. Vielmehr habe er ein "Plädoyer zur Nüchternheit und zum Maßhalten" in der gegenwärtig überhitzten Debatte verfasst, wo gesunder Menschenverstand und Urteilskraft notwendig seien, um pragmatische Lösungen im Spannungsverhältnis zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik auf den Weg zu bringen. Statt moralische Normen unter einem "Schleier des Nichtwissens" zu entwerfen, sei es realistischer und lebensnäher, nur solche Pflichten zu akzeptieren, die auch im wahren Leben eine Chance auf allgemeine Befolgung haben, so der Autor. Es sollten die "Verleugnung" der eigenen wohlverstandenen Interessen sowie die Selbstaufgabe nicht als Forderungen der Moral ausgegeben werden. Dementsprechend sei ein moralisches Normensystem, welches das Streben nach Selbstbehauptung oder auch sämtliche Formen von Selbstverwirklichung desavouiere, "nicht allgemein zustimmungsfähig".

Politiker sollten weder zu revolutionären Umgestaltungen der Gesellschaft animiert, noch sollte ihnen "ideologische Munition" geliefert werden, die es ihnen erlauben, unter Berufung auf Gerechtigkeitsforderungen selbst dann noch ein "gutes Gewissen" aufrechtzuerhalten, wenn ihr Handeln vom Großteil der eigenen Bürgern nicht goutiert wird. Wie auch immer man zu diesen Fragen steht: Der Autor gibt interessante demokratiepolitische Denkanstöße.

Sachbuch

Kritik des moralischen Universalismus

Lothar Fritze

Schöningh, 277 Seiten, 38 Euro




Schlagwörter

Sachbuch, Lothar Fritze

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-25 16:45:04
Letzte Änderung am 2017-09-26 14:06:05


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