• vom 27.09.2017, 15:48 Uhr

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Update: 28.09.2017, 14:57 Uhr

Sachbuch

Die Gewalt der Zukunftslosen




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Von Wolfgang Taus

  • Islamforscher Oliver Roy ortet hinter Dschihadismus einen Generationenkonflikt.

Vor allem junge Muslime auf Sinnsuche werden mit ihren Glaubenszweifeln Opfer von Botschaften einer radikalen und verdrehten islamistischen Ideologie wie der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die zu Dschihad und Terror gegen alle "Ungläubige" aufrufen, um am Ende angeblich die "Reinheit" eines echten "islamischen Staates" aufzubauen. Das Kalifat ist dabei der Mythos von einem ideologischen Gebilde, dessen Territorium sich scheinbar ständig erweitere. Strategisch war und ist es eine Unmöglichkeit. Das erkläre aber, warum Menschen, die sich mit dem Kalifat identifizieren, eher den Pakt mit dem Tod schließen, als sich mit den Sorgen und Bedürfnissen der Muslime vor Ort zu beschäftigen.

"Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" ist ein in vielen Abwandlungen wiederholter Satz von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden. Der Tod des Terroristen ist von zentraler Bedeutung für sein Vorhaben. Er ist nicht bloß "unglückliche Folgeerscheinung" seines Tuns.


Im Westen, aber auch im Maghreb und der Türkei, ist der Dschihadismus eine Jugendbewegung. Er spielt sich außerhalb des religiösen und kulturellen Bezugsrahmens der Eltern ab, ist aber untrennbar mit der "Jugendkultur" seiner Gesellschaften verbunden. "Reinen Tisch machen" ist das verbindende Element der Roten Garden, der Roten Khmer und der Legionäre des IS.

"Islamisierung der Radikalität"
Der französische Islamforscher Oliver Roy warnt in seinem Buch davor, die Ursachen des Dschihadismus vor allem in einer Radikalisierung des Islam zu sehen. Nicht die Religion sei es, die muslimische Jugendliche fasziniert. Dabei wiederholt Roy sein Credo: "Terrorismus ist keine Folge der Radikalisierung des Islam, sondern Folge der Islamisierung der Radikalität". Dabei übersehe er nicht die politischen Ursachen der Revolte, die soziale Ausgrenzung der Immigranten oder die vorhandene Verbindung zwischen terroristischer Gewalt und religiöser Radikalisierung des Islam in Form des Salafismus. Für Roy greift diese Erklärungskette zu kurz. Es gebe eine spezifische Eigenart des Terrorismus und des suizidalen Dschihadismus, die sich nicht als bloßes Symptom des Elends der muslimischen Gesellschaften erklären lässt.

Der von Roy identifizierte Nihilismus junger Menschen sei der eigentliche Antrieb, sich dem IS anzuschließen. Die Attentate werden verübt, um bewusst einen Bruch mit der Elterngeneration herbeizuführen. Eine "No-future-Gewalt" also. Höchst lesenswert.

Sachbuch

"Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod" - Der Dschihad und die Wurzeln des Terrors

Oliver Roy, Siedler 2017

176 Seiten, 20,60 Euro




Schlagwörter

Sachbuch, Oliver Roy

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-09-27 15:54:07
Letzte Änderung am 2017-09-28 14:57:02


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