• vom 07.10.2017, 11:33 Uhr

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Update: 07.10.2017, 13:37 Uhr

Dan Brown

Langer Anlauf ins Nichts




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Von Christina Böck

  • Dan Browns "Origin" verirrt sich in Digitalisierungs-Ängsten, als wären sie ein Gaudi-Bauwerk.

Die Casa Mila in Barcelona von Antoni Gaudi spielt eine Rolle in Dan Browns "Origin", die derzeit eskalierende Unabhängigkeitsdebatte um Katalonien (im Bild: Demo am 3. Oktober) nicht.

Die Casa Mila in Barcelona von Antoni Gaudi spielt eine Rolle in Dan Browns "Origin", die derzeit eskalierende Unabhängigkeitsdebatte um Katalonien (im Bild: Demo am 3. Oktober) nicht.© afp/Lluis Gene Die Casa Mila in Barcelona von Antoni Gaudi spielt eine Rolle in Dan Browns "Origin", die derzeit eskalierende Unabhängigkeitsdebatte um Katalonien (im Bild: Demo am 3. Oktober) nicht.© afp/Lluis Gene

Das mit dem Timing ist halt so eine Sache. Kann gutgehen, kann aber auch schiefgehen. Wenn man zum Beispiel meint, man ist ohnehin der Unschlagbarste, dann kann man es natürlich probieren, sein Buch genau zum Zeitpunkt der Literaturnobelpreis-Verkündung zu veröffentlichen. Das hat Dan Brown gemacht. Und zur hämischen Freude aller Verschwörungsbelletristik-Geringschätzer hat sich der erfolgsverwöhnte Thriller-Fabrikant (oder sein Verlag) verschätzt. Denn zumindest am Freitag wurde sein neuer Roman "Origin" von "Was vom Tage übrigblieb" vom nobelpreisbekränzten Kazuo Ishiguro von der Amazon-Bestsellerlistenspitze verdrängt.

Hybris ist aber, wie man weiß, kein ungewöhnliches Motiv bei Dan Brown. So findet es sich auch in seinem neuen Abenteuer rund um den Kunsthistoriker Robert Langdon, der es erneut schafft, trotz eigentlich beschaulicher Profession in eine abstruse Konspiration zu geraten. Aber was soll’s, man hat sich ja auch irgendwann daran gewöhnt, dass ausgerechnet Bad Tölz ein berüchtigter Hotspot des Verbrechens ist.


Barcelona, anachronistisch
Aber Bad Tölz ist nichts gegen Barcelona. Da spielt "Origin" (Bastei Lübbe) großteils. Und da wären wir wieder beim Timing. Brisante Wahl des Schauplatzes, ist man versucht zu denken, immerhin sind Spanien und Barcelona derzeit wegen der Unabhängigkeitsbestrebungen Kataloniens im Dauer-Schlagzeilen-Licht. Ganz abgesehen davon, dass erst vor wenigen Wochen ein Terroranschlag in der Stadt verübt wurde. Doch Aktualität ficht Dan Brown in keinster Weise an. Die katalonische Abspaltungsmisere, immerhin ja kein ganz neues Thema, wird in diesem Buch mit keinem Wort erwähnt. Gut, das würde die ohnehin schon vor allem pseudo-philosophisch ausufernde Geschichte, die unter anderem ganz nebenbei auch noch eine reichlich anachronistische Debatte über die Sinnhaftigkeit von Monarchien anstoßen will, dann doch ein bisschen überfrachten.

Langdon wird diesmal Zeuge des Mordes an einem ehemaligen Studenten und guten Freund: Edmond Kirsch, ein Computerwissenschafter und Zukunftsforscher, hat die globale Hautevolee ins Guggenheim-Museum von Bilbao geladen, um dort eine Entdeckung zu präsentieren, die die Welt verändern wird. Er habe die Antwort auf die Fragen: "Woher kommen wir? Wohin gehen wir?" Das wird auf den ersten 100 Seiten des Buchs in ermüdenden Wiederholungen angekündigt, bis der exzentrische Mann natürlich rechtzeitig assassiniert wird und es weitere 400 Seiten braucht, bis Langdon zusammen mit der Verlobten des spanischen Thronfolgers und einem sprechenden Computer herausfindet, was Kirsch da eigentlich so sensationell Spektakuläres verkünden wollte.

Reiseführer-Exkurse
Das Problem von "Origin" ist, dass dieser so mühselig angestrebte Höhepunkt ein veritabler Ausbremser ist. Das hilft dem Roman insofern, als diesmal nicht das Ende in bewährter Dan-Brown-Manier ärgerlich schlecht ist, weil ohnehin schon zuvor die Luft heraußen ist. Das erzählerische Netz, das Brown aus gemeingefährlichen, konservativen katholischen Sektierern und rücksichtslos fortschrittsgläubigen Wissenschaftern webt, ist im Vergleich zu seinen früheren Werken noch grobmaschiger und durchsichtiger. Besonders konturlos erscheint der Kronprinz, dessen Motivation sich im Verträumt-Schauen erschöpft. Die Brown-typischen kunsthistorischen und literaturgeschichtlichen Reiseführer-Exkurse konzentrieren sich auf Antoni Gaudi und William Blake. Sie eignen sich weniger gut für plausible Konspirativ-Narrative als die mysteriöse Aura eines Dante Alighieri im Vorgänger "Inferno".

Fragen, die die um sich greifende Digitalisierung aufwerfen, greifen heute zu viele unterhaltungskulturelle Gattungen ambitioniert auf, um sie in einer derart plump-stereotypen, dabei aber betulichen Rechenschieber-Erzählstruktur abzuhandeln. An einer Stelle erzählt Kirsch, dass Künstliche Intelligenz bereits Bücher verfasst hat und ein solches fast einen japanischen Literaturpreis gewonnen hätte. Ob es sich dabei um Schablonen-Belletristik wie jene von Dan Brown gehandelt hat? Diese Gelegenheit zur Selbstironie hat der Verschwörungsfabulierer ausgelassen.




Schlagwörter

Dan Brown, Origin, Roman, Barcelona

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Dokument erstellt am 2017-10-06 17:12:07
Letzte ─nderung am 2017-10-07 13:37:27



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