• vom 09.10.2017, 16:37 Uhr

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Update: 09.10.2017, 20:10 Uhr

Buchhandlungen

Die Stadt der Bücherleser




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Von Katharina Hirschmann

  • Frankreich Gastland bei der Frankfurter Buchmesse. Ein Blick in das Innenleben der Pariser Buchhandlungen.

Bücher scheinen das Lebenselement von Paris zu sein von den kleinen und großen Buchhandlungen bis zu den Bouquinistes.

Bücher scheinen das Lebenselement von Paris zu sein von den kleinen und großen Buchhandlungen bis zu den Bouquinistes.© afp/Loic Venance Bücher scheinen das Lebenselement von Paris zu sein von den kleinen und großen Buchhandlungen bis zu den Bouquinistes.© afp/Loic Venance

Wenn man durch die Straßen von Paris flaniert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man auf sie stößt, denn sie wachsen hier wie Pilze aus dem schon lange touristenüberdüngten Boden mitten im Zentrum: die Buchhandlungen. Unweit vom berühmten Café de Flore etwa, wo sich die Größen der Kunst- und der Literaturwelt des 20. Jahrhunderts trafen, um daraus ihr ausgelagertes Wohnzimmer zu machen, thront groß und imposant die Buchhandlung Gibert Joseph am Boulevard St.Michel.

Ungefähr zur gleichen Zeit gegründet als Jules Ferrys seine Gesetze verabschiedete, wonach die Schule nunmehr verpflichtend und kostenlos sein sollte, florierte das Geschäft sofort. Seither trotzt Gibert Joseph hier den verschiedenen Entwicklungen einer Gesellschaft, die durch diverse elektronische Erfindungen angeblich stets weg vom klassischen Buch geführt wird. Die Geschäfte in der Umgebung sprechen jedoch eine andere Sprache: die zahlreichen Filialen von Gibert Jeune, mit Spezialisierungen etwa auf Comics, Musik, Recht oder Medizin, der wunderschöne kleine Laden am Eck, Le pont traversé, der ursprünglich eine Fleischerei war und sich heute monument historique nennen darf oder die Fnac, der Supermarkt der Kultur schlechthin. Das Buch, scheinen sie alle zu rufen, war nie mehr en vogue als hier und jetzt.

Alltagsbegleiter Buch   

Geschäftiges Treiben, sobald man die Schwelle von Gibert Joseph überschreitet. Eifriges Gewusel vor den Neuerscheinungen, etwas weiter konzentrierte Geistigkeit bei der Literatur des 19. Jahrhunderts, die Kinder, vergnügt glucksend, in der Comicabteilung. Vor den drei Kassen bilden sich Schlangen. Eindrücke, die einem auf den ersten Blick klarmachen, dass Literatur hier einen Stellenwert hat. Auf sieben Etagen breiten sich Bücher aus, neue wie gebrauchte, kein Thema, zu dem es nichts gäbe. Von der Dostojewski-Gesamtausgabe, die man im Zentrum Wiens vergeblich gesucht hat, findet man hier zwei Ausgaben zur Wahl.

Zwei Mädchen, etwa sechzehn Jahre jung, stehen gebeugt vor einem Büchertisch und umkreisen ihn wie ein Objekt der Begierde. "Das hier musst du unbedingt lesen. J’ai a-do-ré! (Das habe ich geliebt!)" - sie zeigt auf Flauberts "Madame Bovary". Eine Lektüreempfehlung aus dem 19. Jahrhundert, verpackt in Jugendsprache, die zeigt, dass, abseits des oberflächlichen Smartphonefanatismus, Jugend und Literatur durchaus miteinander können.

Daran ist eigentlich nichts Besonderes. Dennoch wird einem spätestens hier bewusst, dass zwischen dem Kulturbegriff in Frankreich und jenem in Österreich heutzutage Welten liegen. Sinnbildlich dafür das Interieur der Geschäfte. Denn eine gewisse Wertigkeit lässt sich schon allein daran ablesen, dass in österreichischen Buchhandlungen die Bücher locker aufliegen, der Kunde findet mehr Platz als Bücher. In Frankreich ist es umgekehrt. Da kann es schon passieren, dass der Verkäufer erst einmal einen Stapel aus dem Weg räumen muss, damit man auch zum hinteren Ende des Ganges durchdringen kann. Das Buch ist hier nicht das Luxusprodukt, das man vielleicht jemandem zu Weihnachten schenkt, sondern ein alltäglicher Gebrauchsgegenstand, der nicht nur als Genussmittel oder Einschlafhilfe dient. Denn es ist mehr als das. Es ist Erziehung, ist Weiterbildung, ist Persönlichkeitsentwicklung. Der tägliche Begleiter, die Basis einer kritikfähigen Existenz. Und als solches beansprucht es nun einmal Raum - auch in den Buchhandlungen.

So auch in jener, über die man mit etwas Glück stolpert, wenn man noch etwas weiter abwärts zum Ufer der Seine spaziert: die berühmte charmante englischsprachige Buchhandlung Shakespeare & Company. Von George Whitman gegründet, zieht sie seither Touristen und Schriftsteller aus aller Welt an. Das Ziel Whitmans war es, eine Buchhandlung wie ein Buch zu gestalten. Jeder Raum sollte wie ein neues Kapitel erscheinen.

Lesen für eine Übernachtung

Tatsächlich könnte man die heimeligen Räumlichkeiten nicht besser beschreiben. Man zwängt sich durch die Gänge, vorbei an Bücherstapeln und Menschen. Hier eine steile Leiter, dort ein Fauteuil, und irgendwo dazwischen eine wackelige Treppe in den ersten Stock. Eine Buchhandlung als Wohlfühloase, die zu bleiben einlädt. Spätestens seit sie in "Before Sunset" als Ort der Romanze zwischen Ethan Hawke und Julie Delpy oder in Woody Allens "Midnight in Paris" als Filmkulisse zu sehen war, findet diese Buchhandlung in vielen Reiseführern Erwähnung und ist nicht zuletzt ein beliebtes Ausflugsziel für Touristen.

Berühmt ist sie dafür, dass die Schriftsteller, ob auf der Durchreise oder einfach ohne Dach über dem Kopf, hier direkt in den Räumlichkeiten unterkommen können für die Zeit, die sie brauchen. Drei Bedingungen werden hierfür gestellt: Dass die "Tumbleweed" (wie sie genannt werden) im Geschäft aushelfen, dass sie ein Buch am Tag lesen und dass sie während ihres Aufenthalts eine Seite mit ihrer Autobiografie füllen. Um die 30.000 sollen es bis heute gewesen sein, die hier bereits einen Unterschlupf in den engen Betten, die zwischen die Bücherregale gezwängt sind, gefunden haben. Dieser Gemeinschaftsgedanke war für den Gründer Whitman von großer Bedeutung. Denn er sah in seiner Buchhandlung eigentlich eine als solche verkleidete soziale Utopie.

Wieder etwas weiter am Ufer der Seine, kommt man an den sogenannten Bouquinistes vorbei, die am Quai ihre Buchstände betreiben. Zu Füßen des Justizpalastes, wo Simenon seinen Kommissar Maigret arbeiten ließ, stehen sie von früh bis spät vor ihren flohmarktähnlichen Ständen, verkaufen Souvenirs, Zeichnungen, Literatur. Leben könne man davon nicht, meint einer der Verkäufer. Die Touristen interessieren sich nun mal nicht sonderlich für Literatur, daher sei man gezwungen, auch Souvenirs anzubieten, Poster, oder Aquarelle vom Notre Dame, das ja hier in Sichtweite ist. Aber es sei eben eine Leidenschaft. Während in Wien Glasschränke als Abgabestelle für ungeliebte oder lästig gewordene Bücher dienen, die gratis verschleudert werden, und damit ein weiteres Zeichen ihrer Wertlosigkeit setzen, werden hier gebrauchte Klassiker und Raritäten aus der Literaturwelt zu gemäßigten Preisen an den Mann gebracht.

Unterstützung durch die Stadt

Tatkräftige Unterstützung gibt es hierbei auch von oben. Denn es ist die Stadt Paris selbst, die diese Stände den Verkäufern kostenlos zur Verfügung stellt. Einmal pro Jahr können diese sich bewerben und müssen ihr Konzept vorstellen. Dann wird entschieden, wer sich dort für das kommende Jahr einnisten darf.

Ähnlich ist es mit dem Gastland bei der Frankfurter Buchmesse, die diese Woche stattfindet. Man bewirbt sich und wird von der Buchmesse nach bestimmten Kriterien ausgewählt, die da etwa ein aufstrebendes Verlagswesen oder Übersetzungsförderung sind. Damit es aber überhaupt so weit kommen kann, braucht es etwas Wesentliches: Es braucht Leser. Dass dieses Jahr Frankreich auserwählt wurde, erscheint aus diesem Blickwinkel stimmig.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-09 16:42:06
Letzte nderung am 2017-10-09 20:10:13



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