• vom 19.10.2017, 16:20 Uhr

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Update: 20.10.2017, 13:20 Uhr

Comic

Weltreise in der Badewanne




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Von Martin Reiterer

  • Lyonel Feiningers herausragende Comics aus der Frühzeit des Mediums.

Und die Freiheitsstatue winkt: So beginnt die Reise der "Kinder Kids" von Lionel Feininger.

Und die Freiheitsstatue winkt: So beginnt die Reise der "Kinder Kids" von Lionel Feininger.© Walde + Graf Und die Freiheitsstatue winkt: So beginnt die Reise der "Kinder Kids" von Lionel Feininger.© Walde + Graf

Lyonel Feininger, der deutsch-amerikanische Maler und spätere Leiter der grafischen Werkstatt am Bauhaus in Weimar, war auch ein Pionier der Comic-Kunst. Der dünkelhafte Umgang der Kunstgeschichte mit diesem Medium ist noch bis in die jüngere Gegenwart kennzeichnend und im Falle Feiningers besonders bizarr. Doch vorerst gilt es, den erfreulichen Umstand zu verbreiten, dass Feiningers Comicstrips, "The Kinder Kids" und "Wee Willie Winkie’s Welt", nach langer Zeit wieder auf Deutsch zugänglich sind.

Der Sohn deutscher Auswanderer und Konzertmusiker, geboren 1871 in New York, sollte eigentlich ein Violinstudium aufnehmen, als er mit 16 Jahren seinen Eltern nach Deutschland folgte. Es kam anders, der junge Feininger begann stattdessen ein Kunststudium. Noch als Student machte er sich einen Namen als Karikaturist und wurde in den nächsten 20 Jahren zum Star seines Metiers, weit über die Grenzen Deutschlands hinaus. Dennoch spürte Feininger die Enge des Auftragszeichnens, das seinerzeit streng nach Vorgaben von Redakteuren geschah. Umso befreiender, als er im Februar 1906 ein Angebot erhielt, eine Comicserie für "The Chicago Tribune" zu zeichnen.


Jagd mit Rizinusöl
Der Herausgeber der Zeitung war eigens nach Europa gereist, um die Crème de la Crème "deutscher" Zeichner für sein Blatt zu gewinnen - neben Star Feininger waren das etwa Lothar Meggendorfer oder der Österreicher Karl Pommerhanz -, um damit insbesondere die deutschstämmigen Einwanderer, also nicht weniger als ein Viertel der Chicagoer Bevölkerung, anzusprechen. Nicht zufällig blicken die Protagonisten in "The Kinder Kids", Daniel Webster, Breitmaul und der Tüchtige Teddy, auf eine Einwanderergeschichte zurück, und ein altehrwürdiges Stück Heimat, ihre Badewanne, dient ihnen als Gefährt auf hoher See.

Und damit beginnt der Comic: Mit einem fulminanten Auslauf aus dem Hafen New Yorks, im Vordergrund die Badewanne der Familie Kin-Der mit den Buben, in der Mitte ein riesiger Dampfer und überragend im Hintergrund Wolkenkratzer und eine winkende Freiheitsstatue. Alles in aufwendigem Mehrfarbendruck, wie es 1906 State of the Art war. In einem kleineren Boot sind Tante Jim-Jam und Cousin Gussie zu finden, den Burschen hinterher. Feininger verquickt nämlich in seinem Comicstrip die Reise der wilden Jungs um die Welt mit einer Verfolgungsjagd. Die biedere Witwe Jim-Jam verfolgt, ohne auch nur ein Abenteuer zu scheuen, die Kids mit einer Familienflasche Rizinusöl, um ihnen damit wohl ihre anarch(ist)ische Lebenslust auszutreiben. Während es die drei mit Klein-Japansky, einer mechanischen Ruderfigur, auf ihrer Reise nach England und Russland verschlägt, nimmt die Tante die Verfolgung im Heißluftballon auf. Da Feininger die sonntäglichen Strips mit Cliffhangern ausstattet, gilt "The Kinder Kids" auch als erster tatsächlicher Fortsetzungscomic, der nach einem halben Jahr allerdings abgebrochen wird. Offenbar war die "Revolution der Comicbeilagen", als die "The Chicago Tribune" das Projekt am 29. April 1906 angekündigt hatte, gescheitert. Die Verkaufszahlen sind gesunken, der erwartete Erfolg ist ausgeblieben. Lediglich Feiningers zweiter, parallel zu "The Kinder Kids" lancierter Comic, "Wee Willie Winkie’s Welt", lief noch drei Monate länger und brach, ebenfalls unvollendet, Anfang 1907 ab.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-19 16:23:19
Letzte Änderung am 2017-10-20 13:20:14


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