• vom 22.10.2017, 14:00 Uhr

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Russische Literaturgeschichte

"Ein Vollstrecker der Apokalypse"




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Von Hermann Schlösser

  • Der Übersetzer Alexander Nitzberg erläutert Leben und Werk des russischen Terroristen und Autors Boris Sawinkow (1879-1925).

Alexander Nitzberg beim Gespräch mit der "Wiener Zeitung". - © Peter Jungwirth

Alexander Nitzberg beim Gespräch mit der "Wiener Zeitung". © Peter Jungwirth

"Wiener Zeitung": Herr Nitzberg, Boris Sawinkow war in jüngeren Jahren ein sozialrevolutionärer Terrorist, später ein konterrevolutionärer Soldat. Außerdem war er ein sehr begabter Schriftsteller. Sie sind der Übersetzer seiner Romane "Das fahle Pferd" und "Das schwarze Pferd", die diese beiden kämpferischen Episoden seines Lebens beschreiben. Was fasziniert Sie an den gewaltverherrlichenden Texten und deren Autor?

Alexander Nitzberg: Sawinkow ist für mich zuerst ein Dichter, und dann ein Terrorist. Seine Gewaltverherrlichung kann man in Frage stellen.

Information

Alexander Nitzberg wurde 1969 in einer ünstlerfamilie in Moskau geboren. 1980 reiste er nach Deutschland aus. Er studierte Germanistik und Philosophie in Düsseldorf und lebt nun als freier Schriftsteller, Übersetzer, Publizist, Librettist und Rezitator in Wien. Er hat u.a. Werke von Puschkin, Majakowski und Bulgakow übersetzt. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise.

Die beiden Romane von Boris Sawinkow sind in Nitzbergs Übersetzung im Berliner Galiani Verlag erschienen: "Das fahle Pferd" 2015, "Das schwarze Pferd" 2017.

Er war der Chef des terroristischen Arms der russischen Sozialrevolutionäre.

Ja, aber seine Attentate sind nicht genau so verlaufen wie er sie beschreibt, sondern nur ähnlich. Und ich glaube, dass Sawinkow als Autor mit diesem Unterschied ganz bewusst spielt. Er setzt eine Maske auf, die ihm zwar durchaus ähnlich sieht, aber trotzdem eine Maske ist. Das ist ein sehr modernistischer Kunstgriff. Ich habe auch ein Theaterstück von Majakowski übersetzt, das den Titel "Die Tragödie Wladimir Majakowskis" trägt. Die Hauptfigur ist ein 20 Jahre alter Dichter mit Namen Majakowski. Wenn man aber jetzt meint, er schreibe hier über sich selbst, ist man auf dem Holzweg. Diese Art, über sich selbst zu schreiben, ohne sich zu meinen, ist möglicherweise die stärkste Form der Fiktion. Das ist bei Sawinkow ähnlich, er legt dem Übeltäter, der im Roman den Namen George O’Brian trägt, Worte und Gedanken in den Mund, die er selbst vielleicht niemals denken würde. Für mich ist das vor allem ein künstlerischer Prozess, und die Frage nach seinen tatsächlichen Missetaten muss man meiner Ansicht nach ganz neu aufrollen. Es ist nicht erwiesen, dass er mit eigenen Händen Menschen umgebracht hat.

Er war der Stratege im Hintergrund. Das ist auch fragwürdig.

Heute! Für uns gibt es für Terror keine Entschuldigung. Auch wer Anschläge nur plant wie Sawinkow, ist in unseren Augen mitschuldig. Aber ich glaube, dass er selbst das Planen von Attentaten und Terrorakten wie eine schöne Kunst genossen hat.

Sehen Sie ihn sozusagen als einen Dandy des Terrorismus?

Er schlüpfte mit Lust in verschiedene Charaktere und Identitäten. Im Grunde genommen arbeitete er wie einer, der einen komplexen Krimi schreibt. Nur, dass sein Krimi nicht auf dem Papier stattfand, sondern in der Wirklichkeit. Und ich frage jetzt einmal etwas provokant: Ist das nicht etwas, wovon jeder Krimiautor träumt? Und hat die europäische Avantgarde etwa nicht gefordert, dass das "Wort Fleisch" werden soll? Sawinkow hat dieser Forderung entsprochen. Keine Frage, dass es gefährlich wird, wenn die Grenze zwischen Kunst und Leben eingerissen wird. Aber zugleich ist es höchst interessant.

Die Titel der beiden Romane beziehen sich auf die apokalyptischen Reiter aus der Offenbarung des Johannes. Zeigt sich der Erzähler selbst als ein solcher Reiter, oder sieht er sich als Opfer des Geschehens?

Ich glaube, im "fahlen Pferd" sieht er sich als Vollstrecker der Apokalypse, auch wenn er das niemals direkt sagt. Er deutet es aber an, und am Schluss des Romans gewinnt der Hauptheld durchaus dämonische Züge. Er sieht sich als ein Wesen, das völlig über den Dingen steht, und zum Beispiel auch keinerlei Angst vor dem eigenen Tod hat.

Der historische Sawinkow, der als Sozialrevolutionär begonnen hat, war 1917 kurzzeitig stellvertretender Kriegsminister in der Regierung Kerenski, und hat dann im Bürgerkrieg als Offizier gegen die Bolschewiken gekämpft. Davon handelt der zweite Roman, "Das schwarze Pferd". Das westeuropäische Geschichtsbewusstsein kennt die "Roten" und die "Weißen" als kämpfende Parteien in diesem Krieg. George, der im "schwarzen Pferd" als Oberst auftritt, kämpft für die "Grünen"? Was war das für eine Gruppierung?

Diese Grünen hatten mit den heutigen Grünen nichts gemein. Sie waren die dritte Kriegspartei im Bürgerkrieg, und sind von Leuten wie Sawinkow erst erschaffen worden. Das war eine anarchische Bewegung, die vor allem die Bauern ansprach. Auf den russischen Dörfern gab es ja eine eigene Ordnung, die seit Ewigkeiten gültig war. Die Grünen wollten ein bäuerliches Russland, in dem jeder sein eigener Herr ist und sein eigenes Land beackert. Auch die Kirche spielte dabei eine große Rolle, aber vor allem ging es um die Autonomie der Bauern.

Hatte dieses Programm eine Tradition oder ist es erst in der Revolution entstanden?

Spätestens seit der Jahrhundertwende wurde unter russischen Intellektuellen die Frage diskutiert, wohin sich Russland bewegen soll. Dabei wurde immer wieder der russische Sonderweg ins Spiel gebracht. Im Grunde war diese Frage schon seit Peter dem Großen und Iwan dem Schrecklichen von Bedeutung: Wohin richtet man sich aus, nach Westen oder nach Osten? Im frühen 20. Jahrhundert war viel von einem dritten Weg die Rede, der weder nach Europa noch nach Asien führen, sondern eigenständig russisch sein sollte. In diesem Zusammenhang spielten für viele Intellektuelle die Bauern eine Rolle.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-10-19 17:32:05
Letzte ńnderung am 2017-10-19 17:42:52



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