• vom 06.11.2017, 16:52 Uhr

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Update: 08.11.2017, 17:08 Uhr

Czernowitz

Die Stadt der Worte




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Von Simone Brunner

  • Der russisch-ukrainische Schriftsteller Igor Pomerantsev hat der ehemaligen Habsburger-Kulturmetropole Czernowitz ein literarisches Denkmal gesetzt. Auf der Buch Wien stellt er sein Buch in deutscher Übersetzung vor.

"Jeder Ort steht für etwas. Venedig ist Wasser, Glas und Filmstars. Parma ist Schinken. Und Czernowitz ist ein Buch. Es hat viele Stimmen und wird in vielen Sprachen verfasst", schreibt der Schriftsteller Igor Pomerantsev. "Ein vielsprachiges Palimpsest, wie es sich für Czernowitz gehört." Große Worte, die auf den ersten Blick eine Nummer zu groß zu sein scheinen für die 250.000-Einwohner-Stadt Czernowitz im Südwesten der Ukraine.

Graue Vorstadt, bunte Märkte Kopfsteinpflaster, wie wahllos hingewürfelt am rechten Ufer des Pruth, über das sich klapprige Autos quälen. Doch im Stadtzentrum strecken sich prächtige Jugendstilfassaden in den Himmel. Eine Lenin-Statue sucht man hier schon seit 1991 vergebens, dafür gibt es ein Denkmal für den deutschen Lyriker Paul Celan.


"Czernowitz ist eine Welt"
"Das Schicksal von Czernowitz ist das Wort", sagt Pomerantsev. Ein zärtliches Pathos liegt in den Worten des 69-Jährigen, eines gedrungenen Mannes mit Bart und weißem Haar, wenn er die Heimatstadt seiner Kindheit beschreibt. Dabei war das Schicksal ganz prosaisch, das den in Russland geborenen Schriftsteller in die Ukraine brachte. Da seinem Vater das raue Klima in Sibirien nicht bekam, zog die Familie nach Czernowitz, als Pomerantsev fünf war. Heute lebt er in Prag, doch Czernowitz "begleitet mich seit 40 Jahren", wie Pomerantsev in seinen "Erinnerungen eines Ertrunkenen" über seine Heimatstadt schreibt. "Erst habe ich in der Stadt gelebt, später haben wir die Plätze getauscht, und die Stadt lebt nun schon länger in mir, als ich je in ihr gelebt habe." Pomerantsev wird auf der "Buch Wien" die deutsche Übersetzung seiner Essays und Erzählungen über Czernowitz vorstellen. "Von Zeit zu Zeit springt sie mir an die Kehle, und um nicht zu ersticken, schreibe ich über sie."

Czernowitz liegt im Südwesten der Ukraine, eine Autostunde nördlich der rumänischen Grenze. 1774 in den Wirren des Russisch-Türkischen Krieges von den Österreichern annektiert, entwickelte sich die Stadt unter der Habsburger-Monarchie zum Kulturzentrum der Bukowina. Ein reiches kulturelles Potpourri aus Deutschen, Juden, Ukrainern, Rumänen, Polen, Ungarn und Armeniern, das insbesondere vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu einer kulturellen Blüte führte.

"Es steht außer Zweifel, dass die Intensität und der Reichtum der Czernowitzer Kultur in ihrer Mannigfaltigkeit liegen", beschrieb es Karl Emil Franzos. "Ein Schwarzwalddorf, ein podolisches Ghetto, eine Vorstadt von Graz, ein Stück tiefstes Russland und ein Stück modernstes Amerika." So war es vor allem das Wort, das in Czernowitz großgeschrieben wurde. Gleich, in welcher Sprache. Wie von Mihai Eminescu, der hier zur Schule ging und den die Rumänen als den Wegbereiter der modernen rumänischen Hochsprache feiern. Oder der hier geborene deutsche Dichter Paul Celan, der mit seiner "Todesfuge" weltberühmt werden sollte. Oder die Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Olha Kobyljanskja, die hier ihre ersten Werke auf Ukrainisch schrieb. "Glauben Sie nicht, dass Czernowitz eine Stadt ist", meint die Wiener Publizistin Nora Gray. "Es ist eine Welt."

Aber es ist eine versunkene Welt, wie es die hier geborene deutsche Lyrikerin Rose Ausländer später beschrieb. Ein multikultureller Schatz, ertränkt in den blutigen Tragödien des 20. Jahrhunderts: Krieg, Nationalsozialismus, Kommunismus. Stumme Zeugen der Habsburger-Ära, zur goldenen Vergangenheit verklärt, trifft man in Czernowitz auf Schritt und Tritt. Die alte Post-Sparkasse, ein prächtiger Jugendstilbau aus dem Jahr 1901, die alte Herrengasse, das einstige Schillertheater, heute Kobylianskaja-Theater, von den Wiener Architekten Helmer & Fellner erbaut.

Es sind Denkmäler in Stein von damals, doch die Worte sind verstummt. Bis zum Jahr 2010, als Pomerantsew mit seinem Neffen Swjatoslaw das ukrainisch-deutsche Literatur-Festival "Meridian" ins Leben gerufen hat. Ein Lyrik-Festival, das jedes Jahr im September versucht, den alten poetischen Geist der Stadt zumindest für ein Wochenende wiederzubeleben. Unter wiegenden Kastanienbäumen werden im Innenhof des Geburtshauses Paul Celans seine Verse rezitiert. In der Synagoge von Sadhora, einer alten jüdischen Pilgerstätte, wird jüdische Lyrik neu interpretiert. Junge Poeten lesen im Projekt "Like they do in Babylon" ihre Verse - auf Ukrainisch, auf Russisch, auf Englisch und auf Deutsch.

"Auf den Straßen von Czernowitz erklingt wieder die deutsche Sprache", freut sich Pomerantsevs Neffe Swjatoslaw, ein bulliger Mann Anfang 40, mit hellblauem Polo-Hemd, Sonnenbrille und groben Denim-Jeans. Eine Figur, wie selbst aus dem Roman entsprungen: Als Geschäftsmann in der lokalen Bauwirtschaft durch die Wirtschaftskrise 2009 ruiniert, wurde er zur Literatur "bekehrt". Seit 2010 leitet er das internationale Poesie-Festival, das mit öffentlichen Geldern aus der Ukraine, Österreich und Deutschland finanziert wird.

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Schlagwörter

Czernowitz, Literatur, Buch Wien

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-06 16:56:09
Letzte ─nderung am 2017-11-08 17:08:03



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