• vom 08.11.2017, 17:26 Uhr

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Update: 08.11.2017, 17:34 Uhr

Interview

Die Lust am Verlust




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Von Christina Böck

  • Stewart O’Nan, dessen Roman "Letzte Nacht" gratis verteilt wird, über die gespaltenen USA und den Trost von Charlie Brown.

Lässt sich auch von anderen Schriftstellern etwas beibringen: US-Autor Stewart O’Nan.

Lässt sich auch von anderen Schriftstellern etwas beibringen: US-Autor Stewart O’Nan.© Robert Newald Lässt sich auch von anderen Schriftstellern etwas beibringen: US-Autor Stewart O’Nan.© Robert Newald

Es ist wieder so weit: Die Stadt verschenkt Bücher. Dieses Jahr ist das Präsent der Roman "Letzte Nacht" vom US-Schriftsteller Stewart O‘Nan. Darin begleitet er Manny, den Manager einer Hummer-Restaurant-Filiale, in den letzten Stunden, bevor diese für immer schließt. Mit der "Wiener Zeitung" sprach der Haydn-Fan im zum Buch eher wenig passenden luxuriösen Rahmen des Hotel Imperial über Literatur, von der man etwas lernt, über die amerikanische Angst und über die Poesie der Peanuts.

"Wiener Zeitung": Ihr Buch wird gratis verteilt. Gefällt Ihnen das?

Information

Eröffnung Eine Stadt. Ein Buch. Mit Stewart O’Nan: 9. 11., 12 Uhr, Buch Wien

Diskussion mit O‘Nan: 10. 11., 19.30, Wien Energiewelt Spittelau

Stewart O’Nan: Ich liebe es! Daheim in Amerika ist mein liebster Ort die Bibliothek. Die Bibliothek macht nichts anderes: Sie gibt den Menschen Bücher in die Hand. Ich sage immer allen: Du brauchst das Buch nicht kaufen, du musst es nur lesen.

Hier muss man das Buch nicht einmal zurückgeben . . .

Man besitzt ein Buch, wenn man es liest, wenn man sich in seine Welt begibt. Das ist einer der Gründe, warum ich derzeit gefesselt bin von E. M. Forsters "Howard’s End". Es ist sehr interessant, wie er den allwissenden Erzähler anwendet. In der viktorianischen Literatur ist der meistens abgehoben von den Charakteren, aber bei Forster ist er auf einer Ebene, man hat das Gefühl, er sorgt sich um seine Charaktere.

Lesen Sie Bücher immer mit dem Blick auf die Technik des Autors?

Ja, meine Lehrerin Lorrie Moore hat mir gesagt: Du musst ein Buch nicht mögen, aber du musst immer etwas davon lernen. Für "Letzte Nacht" habe ich mich etwa von John Updike und wie er Details beschreibt, inspirieren lassen. Ich wollte auch zeigen, wie Manny die Welt, die er gerade verliert, sieht. Wie er in seinem Restaurant Erinnerungen zu retten versucht, Anblicke, die er ab morgen nicht mehr sehen wird.

Verluste und Abschiede sind ein gängiges Thema bei Ihnen . . .

Ja, weil wir alles verlieren werden. Vor allem die Menschen, die wir lieben. Wir müssen lernen, damit umzugehen, wir müssen lernen, etwas aufzugeben.

Leben wir in einer Zeit, in der wir so viel haben, dass uns das Verlieren nicht mehr viel ausmacht?

Auf gewisse Weise: Mit der Digitalisierung sind wir es gewöhnt, vieles nicht mehr physisch zu besitzen. Unsere Gesellschaft wird dadurch vielleicht etwas weniger habgierig und materialistisch.

Manchmal kaufe ich ein Buch, das mir auf dem E-Reader gut gefallen hat, auch noch als gedrucktes Exemplar. Bin ich anachronistisch?

Nein, aber wir sind wahrscheinlich die letzte Generation, die so etwas macht. Ich mag aber die Idee, dass sich Bücher nun digital so viel leichter verbreiten lassen. Ich denke da auch an Schulbücher für die ganze Welt. Meine Großmutter hat immer gesagt: Nimm überall ein Buch mit. Heute kann man eine unendliche Menge an Büchern mitnehmen - auf dem Handy oder Tablet.

Sie schreiben oft über Menschen, die sonst nicht gerade die prominentesten Helden von Romanen sind.

Ja, ich schreibe gerne über die Arbeiterklasse. Oder Menschen aus der Mittelschicht, die Angst davor haben, dass sie aus der Mittelschicht wieder rausfallen. Das ist eine amerikanische Angst, die ich kenne, seit ich in Pittsburgh aufgewachsen bin. Du denkst, wenn du hart arbeitest, dann wird es dir gut gehen. Aber das ist oft nicht der Fall, weil sich die Rahmenbedingungen ändern.

Sind es Menschen wie Ihre Protagonisten, die im Vorjahr mit der Wahl Donald Trumps einen ganz anderen Wandel eingeläutet haben?

Ich weiß nicht, ob das die Menschen waren, über die ich schreibe. Wir leben in einem seltsamen Land, unser System lautet: Der Gewinner bekommt alles. Wenn deine Partei die Wahl verliert, hast du überhaupt keinen mehr, der dich vertritt. Das fürchten die Menschen am meisten. Unser Land ist seit mehr als 20 Jahren ein gespaltenes Land. Das ist nicht erst seit Trump so. Die Menschen, die Bill Clinton hassen, hassen ihn seit 1992, das ist 25 Jahre her, das sind fast zwei Generationen. Das ist echte Feindschaft zwischen den Lagern, und man hat das Gefühl, es geht nie vorwärts.

Wie ist die Stimmung derzeit?

Viele können noch immer nicht glauben, dass Trump Präsident ist. Aber man muss sich damit abfinden. Man kann nur hoffen, dass er nichts beschädigt, was man nicht nachher wieder reparieren kann. Er will uns zurück in die 80er reißen, in der die großen Konzerne und die großen Finanz-Institutionen machen konnten, was sie wollten. Was uns ja erst in die unglückliche Lage gebracht hat, in der wir heute sind.

Sie waren und sind ein großer Fan von Charlie Brown. Was macht die Poesie der Peanuts-Comics von Charles M. Schulz aus?

Sie sind sehr komplex, die Charaktere haben ein unglaubliches Spektrum an Emotionen. Sie haben Hoffnung, Erwartungen, Enttäuschungen und dann gleich wieder diese Hoffnung. Charlie Brown wartet immer, dass das rothaarige Mädchen ihn bemerkt, und es passiert nie. Aber er gibt nicht auf. Sein Baseballteam verliert immer. Aber er spielt trotzdem weiter. Linus wartet jedes Jahr auf den Großen Kürbis, und er erscheint nie. Und im nächsten Jahr setzt er sich wieder ins Kürbisfeld und wartet. Dabei behalten sie alle ihre Unschuld. Ich denke, das findet sich auch in meinen eigenen Büchern. Das Leben ist nicht einfach. Nicht einmal für diese Kinder ist es einfach. Nur Snoopy, der darf seine Fantasien ausleben.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-08 17:29:06
Letzte ─nderung am 2017-11-08 17:34:06



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